Walkuere_Unruh 12.09.2015, 20:01 Uhr 3 4

Die Bank

Jeden Tagen kommen wir hierher, sitzen und erinnern uns. An zwei Leben, die wir verwoben und zu einem gemacht haben.

Heute bin ich alleine. Der Regen malt die Stadt grau und ich sitze auf meiner Bank, kauere mich zusammen, als könnte ich so ein Schutzschild gegen die dicken Tropfen bilden, die mir die Kleidung nass waschen. Ganz klein habe ich mich gemacht, einen Fuß über den anderen gestellt, die Ellbogen gegen die Oberschenkel gestemmt, den Kopf auf die Hände gestützt. Ich starre auf meine Schuhspitzen, lasse meine Haare wie einen Vorhang vor mein Gesicht fallen und hänge meinen Gedanken nach.

Ich sitze jeden Tag hier. Im Sommer wie im Winter, bin mittlerweile immun gegen Kälte oder Hitze, selbst gegen den Regen – weil ich hier sein muss, weil es keinen Ort gibt, an dem ich lieber bin. Ich brauche das, brauche das raue Holz der Bank unter mir, den harten Boden, der meinen Füßen Halt gibt. Vor allem aber brauche ich das Leben um mich herum – weil ich mir gerne Geschichten bastle aus den Menschen, die an mir vorbeilaufen.

Da ist zum Beispiel dieser alte Mann, dessen Hosen immer kurz über den Knöcheln enden, dafür aber um den Bauch herum so sehr spannen, dass ich fürchte, der Knopf, der sie auf Bauchnabelhöhe hält, könnte seiner Aufgabe bald nicht mehr gewachsen sein, abspringen und das Weite suchen. Ich male mir aus, dass es der Kummer ist, der sich in seinen Eingeweiden breitgemacht hat. Den er sich täglich in Form von Essbarem zuführen muss, um die Löcher zu stopfen, die das Leben in ihn hineinriss.

Da ist auch dieses Pärchen – beide schlank und hochgewachsen und so dynamisch, dass ihre Energie den auf der Straße herumliegenden Müll aufwirbeln und in einen Orkan verwandeln müsste. Ich stelle mir vor, dass sie in der gleichen Firma arbeiten, vielleicht aber in unterschiedlichen Abteilungen. In jeder Mittagspause treffen sie sich, gehen energischen Schrittes und trotzdem Hand in Hand an mir vorbei und manchmal bricht sich das Sonnenlicht an den Ringen, die sie an den Fingern tragen. Wahrscheinlich führen sie ein Leben nach Fahrplan, bestimmt von den Zielen, die sie sich im Kopf gesteckt haben und die es nun abzuarbeiten gilt: heiraten, Karriere, um genug Geld auf die Seite zu schaffen, dann Kinder. Und dann, im Ruhestand, gilt es nicht mehr die mentalen Ziele abzuhaken, sondern die auf der Landkarte. Ein Leben, nach dem man die Uhr stellen könnte. Ein Leben im Takt.

Gerne sehe ich diese eine Frau, die eine Behinderung zu haben scheint. Zweimal wöchentlich begegnen wir uns, ich, regungslos auf meiner Bank sitzend, sie, völlig außer Kontrolle und mit einem Erdbeben im Gesicht. Andere Passanten drehen sich nach ihr um, wenn sie wild gestikulierend über die Straße läuft; dabei zieht sie einen Fuß leicht nach und scheint dafür den anderen kaum im Zaum halten zu können. Nie scheint sie sich an den Blicken der anderen Fußgänger zu stören. Vielleicht, weil es ihr wirklich egal ist. Vielleicht, weil sie ja doch nichts daran ändern kann. Und vielleicht weil es jemanden gibt, der ihr ein Fundament gebaut hat, auf dem sie sicher stehen kann.

Und dann bist da du. Kommst jeden Tag, so wie ich, trägst deine verwaschenen Jeans und das Shirt, das dir ein kleines bisschen zu kurz ist, so dass es den Blick auf deinen Rücken freigibt, wenn du dich bückst. Schuhe zu binden scheint dir nie jemand richtig beigebracht zu haben, deswegen bückst du dich oft. Und ich sehe dir dabei zu, ahme deinen Bewegungen mit meinen Augen nach – und manchmal, bevor du weitergehst, nutze ich den Moment. Stehe auf, gehe zu dir und tippe dir leicht auf die Schulter. Sage schüchtern: „Ich hätte Lust, dass wir eine Geschichte werden“. Und weil in meiner Phantasie alles möglich ist, sagst du ja und wir gehen los. Ohne zurückzublicken – mitten hinein in das Leben, das unseres werden soll.

Anfangs sind wir noch schüchtern, auch wenn es dafür keinen Grund gibt: Wir befinden uns auf einem Weg, der keine Abzweigungen kennt, wovor sollten wir uns also fürchten?

 


Ich ergreife die Initiative, nehme dich an die Hand, zeige dir unsere erste Verabredung, die draußen stattfindet, weil Wände uns einengen. Wenn ich aufgeregt bin, flattern meine Hände wie die Flügel eines Kolibris und du versuchst ihnen zu folgen und musst lachen, weil es dir nicht gelingt. Mit Worten tasten wir uns ab, versuchen uns ein Bild von dem zu machen, was wir nicht sehen können.

Ich zeige dir ein im Schatten der Nacht liegendes Zimmer, es könnte deins sein oder meins – vielleicht irgendwann unseres. Irgendwo verstreut müssen unsere Klamotten herumliegen, aber mit den Augen können wir nur erahnen, müssen – wollen – mit den Händen sehen. Lassen uns fallen, atmen gierig die nächtliche Kühle ein und das Fieber wieder aus.

Ich zeige dir unseren ersten Streit. „Man braucht ihn wie ein Gewitter, denn er reinigt die Luft“, hat meine Großmutter immer gesagt und ich halte mich daran fest, während ich bäuchlings auf dem Bett liege und in mein Kissen weine, weil ich Angst habe, dass unsere Zeit abgelaufen ist, noch ehe ich anfangen konnte, sie richtig auszukosten.

Ich zeige dir den Moment, in dem mir bewusst wird, dass ich dich liebe. Du sitzt mir gegenüber, ein aufgeschlagenes Buch auf den Knien, deine Stirn konzentriert in Falten gezogen – und ich kann meinen Blick nicht von dir wenden. Stehe langsam auf, nehme dir das Buch aus der Hand und klettere auf deinen Schoß. Vergrabe meine Nase an deiner Schulter und will nie wieder irgendwo anders sein. „Liebe ist leise“, hast du einmal zu mir gesagt – und ich weiß, dass du Recht hast.

Ich zeige dir die Bank, die über die Jahre hinweg unsere geworden ist. Ganz morsch ist sie mittlerweile und wenn die Zeit uns nicht den Ballast des Lebens von den Schultern genommen hätte, müssten wir fürchten, dass sie unter uns zusammenbricht. Jeden Tagen kommen wir hierher, sitzen und erinnern uns. An zwei Leben, die wir verwoben und zu einem gemacht haben.

Ich wünsche mir, dass du mir ein Fundament baust, auf dem ich stehen kann. Ich wünsche mir für uns beide einen Takt, zu dem wir tanzen können, ohne dass uns jemals die Luft ausgeht. Und ich wünsche mir, dass du essen musst, bis dir der Knopf von der Hose platzt, wenn ich einmal nicht mehr bin.

Jeden Tag kommst du hierher. Ich wünsche mir, dass du dich eines Tages zu mir umdrehst. Dann kannst du sehen, dass ich schon auf unserer Bank sitze. Und auf dich warte.

 

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3 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Gänsehaut. Wow!

    16.10.2015, 20:22 von Alex.Regensdorff
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Wow, ganz ganz toll!

    Du hast einen wundervollen Schreibstil und ich mag diesen Text sehr! :)

    16.10.2015, 16:36 von Goldstueck_
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