justanotherpicture 30.11.-0001, 00:00 Uhr 68 113

Die Badezimmerlampe

"Warm comfort light" stand auf der Packung. Du sahst so müde aus.




Ich war schon da, als du das erste Mal an diesen Ort kamst. Hektisch stürmtest du mit einem Mädchen an der Hand durch die Wohnung, durch mein Zuhause. Sagtest Sachen wie „Der Boden ist so schön, Schatz“ und „Was denkst du über den Balkon?“. Du streicheltest über ihren Bauch, dessen leichte Wölbung sich unter dem rot-weißen Sommerkleid abzeichnete. Du sahst so glücklich aus.

Ich bemerkte deine Blicke, als du das erste Mal in das Badezimmer schautest. Du machtest mich an. Sagtest etwas wie „Die alte Lampe müssen wir aber austauschen, wenn wir einziehen“ zu dem Mädchen an deiner Seite. Du machtest mich aus. Hinter euch stand ein Mann im Anzug mit glänzenden Schuhen. Der Mann lächelte und ihr schütteltet einander die Hände. Das Mädchen gab dir einen Kuss. Ihr saht alle so glücklich aus.

Ich verbrachte viel Zeit ohne dich. Ich dachte an deine Worte.

Eines Tages kehrtest du alleine zurück, es war an einem Dienstagmorgen im Spätsommer. Du hattest eine kaputte Jeans und einen alten Pullover an. In der linken Hand trugst du einen großen Eimer mit hellblauer Farbe, in der rechten eine Tüte mit Pinseln und Farbrollen. Ich sah dich durch die Wohnung laufen, immer wenn du vorbei gingst, hattest du mehr Farbspritzer im Gesicht und in den Haaren. Als du fertig warst, kamst du ins Bad, um dich zu waschen. Du machtest mich an. Ich beobachtete dich im Spiegel. Du wirktest zufrieden. Kurz bevor du gingst, warfst du mir einen letzten Blick zu und schütteltest den Kopf. Du machtest mich aus.

An einem Samstag sah ich dich das nächste Mal. Du kamst mit dem Mädchen zurück. Doch ihr wart nicht allein, viele Leute begleiteten euch, kräftige Männer, mit denen ihr schwere Schränke und große Möbelstücke durch den schmalen Flur wuchtetet. Schweißperlen standen auf deiner Stirn, der Bauch des Mädchens war bereits dicker geworden. Am Ende des Tages hörte ich, wie ihr draußen auf dem Balkon standet und mit euren Freunden anstießt, Gelächter, Zigarettenrauch und der Geruch von Grillfleisch strömten durch das geöffnete Fenster. Ich weiß noch, wie du damals ins Badezimmer torkeltest und fast den kleinen Schrank umwarfst, den du erst wenige Stunden zuvor aufgestellt hattest. Da hörte ich dich das erste Mal fluchen. Als du dir die Hände wuschst, bemerkte ich, wie dein glasiger Blick im Spiegel zu mir hochwanderte. „So ein hässliches Ding“, sagtest du.

Die nächsten Wochen und Monate wurden unruhig. Menschen kamen und gingen, Stühle, Tische, Kommoden, Teppiche, Jalousien, Teller und Gläser fanden ihren Platz in Zimmern, die ich nie gesehen hatte. Auch das Badezimmer wurde immer voller. Feste wurden gefeiert, unzählige Zigaretten geraucht und Bierflaschen geleert. Das Mädchen trank Wasser und rauchte nie. Freunde von dir pinkelten im Stehen. Einmal übergab sich jemand vormittags in die Toilette. Ich sah euch oft in dieser Zeit, manchmal brachtet ihr viel dreckiges Geschirr herein, um den Abwasch in der Wanne zu erledigen.

Irgendwann kamen weniger Leute vorbei. Der Bauch des Mädchens war ganz dick geworden und plötzlich war er verschwunden. Ich wunderte mich, warum ihr in dieser Zeit so viel weintet. Wenn du in den Spiegel schautest, beachtetest du mich gar nicht mehr. Ich sah deine geröteten Augen. Irgendwie war das unsere schönste Zeit. Du sagtest mir nicht mehr, wie hässlich du mich fandest.

Ihr strittet euch viel, seitdem das Mädchen den Bauch verloren hatte. Einmal klingelte es mitten in der Nacht an der Haustür, weil ihr so laut gewesen wart, dass die Nachbarn die Polizei gerufen hatten. Ich hörte eure Entschuldigungen. Später kam das Mädchen ins Bad und stellte sich eine halbe Stunde lang regungslos unter die Dusche. Ich blickte auf die Narbe an ihrem Bauch. Der kleine Radiowecker auf dem Schrank zeigte 4:36 an und leuchtete teilnahmslos.

Die Monate vergingen und ihr strittet euch weniger. Erst sah ich euch noch jeden Morgen und jeden Abend. Dann hatte ich das Gefühl, dass alles zwischen euch weniger wurde. Ihr redetet weniger, wart seltener zusammen zuhause. Das Mädchen saß abends oft allein in der Badewanne und trank Rotwein aus großen Gläsern, bis seine Haut ganz schrumpelig war. Tränen fielen lautlos ins Badewasser. Draußen fiel der erste Schnee. Ihr wurdet weniger.

Dann ging die alte Glühbirne in mir kaputt. An diesem Morgen hast du mich wieder böse angeschaut, mit deiner Zahnbürste im Mund. Als du abends zurück in die Wohnung kamst, hattest du noch deine Arbeitskleidung an. Die letzten Sonnenstrahlen des trüben Tages fielen durch das Badezimmerfenster, als du auf einen kleinen Hocker stiegst, um die alte Birne durch eine neumodische Energiesparlampe auszutauschen. „Warm comfort light“ stand auf der Packung. Das war das erste und letzte Mal, dass du mich angefasst hast. Sogar den Staub in mir hast du mit einem Lappen weggewischt. Es war ein schönes Gefühl. Das Licht in mir brannte nun heller denn je. Nur diese eine Schraube hattest du nicht fest genug angezogen. Du sahst so müde aus.

Wir gewöhnten uns aneinander. Der Frühling kam. Ich gewöhnte mich daran, dass ich euch kaum noch sah. Ihr gewöhntet euch an meine komische Form. Manchmal stand die Wohnung tagelang leer. Ich vermisste euch. Bis zu dem Tag, als ihr zurückkamt und wieder viele Leute mitbrachtet.

Es passierte, was schon so oft passiert war. Die Wohnung leerte sich. Ich sah dein Gesicht bald wieder häufiger im Spiegel, weiße Flecken auf deinen Wangen, deine Hände voller Farbe. Du machtest mich an. Du machtest mich aus. Einmal kehrtest du noch mit dem Mann im Anzug und den glänzenden Schuhen zurück, ihr spracht über die Kaution und gucktet beide sehr ernst. Der Mann fragte dich nach Schimmelflecken im "Sanitärbereich". Dann sah er mich an und lachte. Was so komisch sei, fragtest du. Dass das alte Ding da immer noch hinge, sagte der Mann. Du erwidertest nichts und zucktest nur die Schultern. An diesem Tag war ich sehr traurig. Dann warst du verschwunden. Der Frühling verstrich und ich war wieder allein.

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Ich hing noch eine ganze Weile im Badezimmer. An einem Donnerstag im Juni kamen wieder Leute. Eine alleinstehende Frau und dieser Mann, der immer nur kam, wenn die Wohnung leer stand. Der Mann riss hastig die Fenster auf und nach und nach verdrängte der Duft des jungen Sommers die abgestandene Luft unter den hohen Decken. Schritte hallten über das Parkett. Was das denn für eine hässliche Lampe sei, fragte die Frau und musterte mich. So hässlich sei die Lampe doch gar nicht, entgegnete der Mann. Die Vormieter hätten sich nicht von ihr trennen können. Die Frau machte mich an. Die Frau machte mich aus. Was für ein angenehmes, warmes Licht, sagte sie. Ich lächelte mein schönstes Badezimmerlampenlächeln. Die Frau lächelte zurück. Dann löste sich die Schraube und ich fiel zu Boden.

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68 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Jetzt fühle ich mich beobachtet.

    28.03.2014, 07:24 von Nachdenk-Aroma
    • 1

      Haha, keine Sorge! :D Ich glaube, nur die wenigsten Badezimmerlampen verfügen über eine derartige Beobachtungsgabe.

      28.03.2014, 12:17 von justanotherpicture
    • 0

      Und wenn es der Duschkopf ist? Oh oh.

      28.03.2014, 17:07 von Nachdenk-Aroma
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  • 0

    die idee ist gut. mir gefällt deine umsetzung.

    30.01.2013, 18:54 von impact
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  • 1

    Hey,
    ich finde deinen Text echt gut. Auch interessant dass man nicht direkt erfährt dass die Sicht aus die der Text geschrieben ist die der Badezimmerlampe ist. Ein bisschen wie ein Rätsel welches sich aber dann immmer weiter auflöst was die Geschichte aber umso spannender macht weil es einen neugierig macht zu erfahren wer dahintersteckt. Am Anfang denkt man sich dass sich jemand in der Wohnung versteckt oder so aber spätenstens ab dem Ende des dritten Abschnittes: (kurz bevor du gingst, warfst du mir einen letzten Blick zu und schütteltest den Kopf. Du machtest mich aus). ... (also nach dem 4. Betätigen des Badezimmer lichtschalters ;D ) .. wird einem dann auch klar dass es Perspektive der Badezimmerlampe ist aus der geschrieben wird. Besonders gut finde ich dass du in deinem Text keinerlei Pathos oder unnötig mühsam komplizierte Formulierungen benutzt um bestimmte Gefühle wie Trauer und Verzweiflung  bei den Hauptcharaktären auszudrücken (das Mädchen und ihr Freund) auszudrücken. Dass die Geschichte  unterhaltsam ist zeigt vor allem die  echte, unmittelbare,nahe  und unverblümte Erzählweise und die Weise wie du beim Leser durch die anfängliche Verschlüsselung der Erzähleridentität die Neugier weckst weil  die Identität erst nach einigen Sätzen auflöst. Genauso erzeugst du Spannung dadurch dass du das wichtige Ereigniss (die Schwangere verliert ihr Kind) nict direkt preisgibst sondern es dem Leser selbst überlässt seine Schlüsse zu ziehen . Der Leser muss den Text genau gelesen haben um die Handlung zu verstehen. Du verschlüsselst den Text indem du durch die Perspektive der badezimmerlampe nicht alle Geschehenisse genau darstellst denn eine Badezimmerlampe kann ja nicht alles sehen weil sie sich ja nicht bewegen kann sondern bloß an der Decke im Badezimmer hängt.

    Deine Geschichte ist ein Bespiel dafür dass ohne Pathos und verschachtelte,komplizierte,ausgeschmückte Sätze sondern durch die direkte und nahe Erzählweise einen Leser viel mehr gefestigt wird denn was könnte etwas viel spannender und unterhaltender zu lesen sein als eine Geschichte dessen Inhalt sich erst nach zweimaligen Lesen und in der Komik des Moments:(Badezimmerlampe beschreibt (ohne sich dessen bewusst zu sein) das Unglück einer Frau die ihr Baby verloren hat durch die bloße Schilderung der direkten Eindrücke welche erst durch das Kombineren und Nachdenken für  den Lesers einen Sinn ergeben -für die Badezimmerlampe aber nicht-bis zum Ende.. das ist irgendwie sehr interessant!
    (Ein außergewöhnlicher und toller Text!! )

    13.01.2013, 04:59 von ErdbeerNutella
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  • 1

    Hübsche Geschichte! Ich brauchte auch ein paar Zeilen, um zu verstehen...schön!

    02.01.2013, 10:06 von ShiggyWiggy
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  • 0

    Schöner Text. Ich frag mich, was der Kronleuchter in unserem Studenten-WG-Bad schon alles gesehen hat :)

    03.12.2012, 17:19 von schokokamel
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  • 1

    Das ist so eine wahnsinnig schöne und zugleich traurige Geschichte. Heute Abend werde ich einen Blick nach oben werfen wenn ich mein Badezimmer betreten werde.Diese Lampe ,hat wohl sicher auch schon viel gesehen und zu erzählen. Sie hing bereits als ich einzog ,alt,glässern und sicher nicht von jedermann als hübsch angesehen..Ich habe ihr allerdings nie vorgeworfen hässlich zu sein.

    25.11.2012, 14:55 von cakisoundso
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  • 0

    wunderschön :)


    25.11.2012, 00:47 von turtleTorture
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  • 1

    Wirklich schön.

    24.11.2012, 22:15 von Prinzessin
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  • 2

    puh, ich hatte beim Lesen einen richtigen Kloß im Hals. Tolle Geschichte, schön das hier noch richtige Texte Anerkennung kriegen!

    22.11.2012, 23:53 von krishti
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  • 5

    eine der originellsten Geschichten, die ich hier bisher gelesen habe :)

    sehr berührend

    20.11.2012, 15:28 von bungalo_lina
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