schsim 02.12.2009, 02:11 Uhr 2 0

Dezember

Gedanken einer Bahnfahrt.

Ich sitze in der Bahn und denke, es ist Mittwoch. Dabei ist es Dienstag. Aber ich bin gut drauf, sollte ich nicht denken, es sei Donnerstag, wenn ich gut drauf bin? Ich blicke auf die Uhr, es ist 18 Uhr, aber es fühlt sich an, als wäre es 22 Uhr. Weil es so früh dunkel wird um diese Jahreszeit, im November. Wann waren wir noch einmal verabredet? 19 Uhr? Oder 19.30 Uhr? Sie wird zu spät kommen, da bin ich mir sicher. Denn Frauen kommen immer zu spät und ich nie. Ich komme auch nie zu früh, denn ich bin immer pünktlich, weil ich einfach ganz in der Nähe des Treffpunkts zu früh bin und somit immer ganz pünktlich zum Treffpunkt komme. Das finde ich clever. Aber sie kommen dann sowieso zu spät. Es war 19 Uhr vereinbart, da bin ich mir sicher. Ich werde ihr eine halbe Stunde geben, bevor ich sie anrufe und frage, wo sie denn bleibt. Es wird kalt sein, in Zukunft sollte ich mich immer in einem Kaufhaus verabreden. Am liebsten würde ich einfach eine SMS schreiben mit dem Inhalt: Karstadt, oberster Stock, Elektronikabteilung. DVD-Regal, Kategorie Neuheiten. Du findest mich bei den Top 5 der Bestseller. Aber ich schreibe das nicht, weil sie mich dann für verrückt halten, die Frauen. Und weil ich leider doch kein Held mit den Initialen JB bin und die Welt rette. Kein James Bond, kein Jason Bourne und kein Jack Bauer. Ich bin ein junger Mann, der nie Polizist werden will, weil er auf Demos lieber auf der anderen Seite steht, und nie auf jemanden schießen möchte. Aber ein Held sein, das möchte ich schon.

Sie steigt ein und setzt sich mir gegenüber. Ich kenne sie nicht, aber ihr Stil gefällt mir. Eine U-Bahn wird erst dann interessant, wenn die Menschen gezwungen werden, eng zusammenzurücken. Und je enger es wird, desto mehr habe ich das Bedürfnis, ganz laut einen schlechten Witz zu machen und somit die Aufmerksamkeit aller auf mich zu ziehen. Ich habe es noch nie gemacht, zumindest nicht im nüchternen Zustand. Ich möchte sie ansprechen, weil sie mir gefällt. Mit ihren Sommersprossen, ihren blauen Augen und den dazu passenden Ohrringen strahlt sie Fröhlichkeit aus und ihr Dauerlächeln ist bezaubernd. Sie beachtet mich nicht, schaut verstohlen aus dem Fenster, wie es alle tun, die am Fenster sitzen. Außer mir, ich starre sie ganz offensiv an. Ich hole mein neues Handy aus meiner Hosentasche, möglichst prollig natürlich, und tue, als hätte ich eine SMS bekommen. Ich sehe das Datum, es ist schon der erste Dezember. Das kann nicht sein, ich dachte, es sei Ende November. Hastige Blicke durch das Abteil, denn mein Ticket gilt nicht für den Dezember, ich brauche ein neues Monatsticket. Noch nie wurde ich in dieser Stadt kontrolliert und doch spüre ich, wie meine Nase schwitzt. Ich hasse Schwarzfahren. Kurz spüre ich, wie sie mich anblickt, sie hat mich bestimmt durchschaut. Ich meine, sie würde mir ein Lächeln schenken, vielleicht wegen der Schweißperlen auf der Nase, dann merke ich, dass sie ja die ganze Zeit lächelt. Wenn wir an der gleichen Station aussteigen, auf die gleiche Bahn umsteigen und dann wieder in der gleichen Sitzgruppe sitzen, dann werde ich sie ansprechen. Sie steigt aus, ich rede mir ein, es sei gut gewesen, sie nicht angesprochen zu haben. Denn Frauen wie sie werden sicherlich die ganze Zeit angemacht und ich bin kein Prolet wie die anderen. Ich fühle mich gut, die Bahn fährt an und ich blicke ihr hinterher, wie sie in Richtung Rolltreppe läuft.

Um 18.35 Uhr komme ich an der U-Bahn-Station in der Nähe des Treffpunkts an, viel zu früh. Ich gehe auf den Weihnachtsmarkt, obwohl ich ihn hasse. Eigentlich ist er ganz nett, der Weihnachtsmarkt. Die Menschen scheinen glücklich zu sein, aber ich rede mir immerzu ein, solche Orte nicht zu mögen, weil sie alle mögen. Ich kaufe nichts, aber laufe den Markt komplett ab in der Hoffnung, es sei schon fast 19 Uhr. Immer noch 15 Minuten. Ich gehe in den nächsten Supermarkt, nehme mir eine Cola Light mit einem Schuss Lemon aus dem Kühlregal und stelle mich in der längsten Schlange an, die dann natürlich schneller ist als die kürzeste. Danach durchstöbere ich einen Plattenladen, einen Elektronikmarkt und ein Schuhgeschäft, bis es endlich 19 Uhr ist. Pünktlich wie immer bin ich am Treffpunkt. Fünf Minuten, zehn Minuten, fünfzehn Minuten, zwanzig Minuten. Nur noch zehn Minuten, dann darf ich sie anrufen und fragen, wo sie bleibt. Noch zehn Minuten, noch fünf, vier, drei, zwei. Ich rufe an. Wo bleibst Du? Verwirrung.
„Wie? Ich dachte, wir treffen uns Mittwoch.“

2 Antworten

Kommentare

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    gefällt mir. auch wenn nicht ganz verstehe warum du Orte nicht mögen willst die alle mögen..
    Oder doch, ich verstehs schon, irgendwie

    02.12.2009, 13:39 von brokenmocca
    • 0

      @brokenmocca ja eben, ich verstehs auch nich... man will anders sein...

      aber sexistisch find ich den text jetzt nich und war auch nich meine intention

      02.12.2009, 14:25 von schsim
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    Die Absätze fehlen...
    die kann nicht mal der Sexismus in dem Text herstellen.

    02.12.2009, 10:13 von Surecamp
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