Der Zuhörer. Passiv.
Ich höre sie über mir. Sie schreit. Sie stampft.
Sie schnaubt. Sie diskutiert. Sie wirft mit den schlimmsten Beleidigungen um sich. Wenn ich sie so höre, denk ich an nichts Gutes.
Ihn höre ich auch. Er stottert. Er schreit, aber leiser. Er knallt die Tür- ist doch eigentlich ihre Aufgabe. Er verneint und bejaht, spricht seine Sätze nicht zu Ende und wird dauernd unterbrochen. Wenn ich ihn so höre, tut er mir Leid. Darauf bin ich nicht neidisch.
Ich will nicht mit ihm tauschen.
Ihre dunklen, langen Locken fallen schimmernd auf ihre Schultern. Seitdem sie vor einigen Wochen bei mir geklingelt hatte um nach einem Föhn zu fragen, da ihrer gerade durchgebrannt war, weiß ich, dass sie braune Augen hat. Ein freundliches Lächeln mit angenehmer Stimme, ganz und gar nicht so, wie ich es von ihren Streitgesprächen dachte zu kennen - grell, schrill, hoch, überschlagend schnell. Für eine Frau ist sie groß, sicher irgendetwas in den Siebzigern. Gute Kusshöhe. Trotzdem, hübsch? Über Geschmack lässt sich streiten. Sie hat etwas hübsches, mich reizt es dennoch nicht. Genau wie ihr Freund.
Er ist ein schmaler, drahtiger Typ. Lange, nach hinten gelegte Haare, Hundeblick. Das passt irgendwie nicht zusammen, manchmal sieht er aus wie eine Karikatur von sich selbst. Wäre ich eine Frau, ich würde ihn mir nicht im Club rauspicken. Jedenfalls nicht vom Aussehen. Er hat etwas rattenhaftes für mich. Darauf bin ich nicht neidisch.
Ich will nicht mit ihm tauschen.
Nachmittags, wenn sie nicht da ist, dreht er auf. Seine Boxen müssen, ja sie müssen auf dem Boden liegen - ich höre jeden Ton, jede Nuance, die sich aus den Lautsprechern quetscht. Manchmal ist es, als stünde die Anlage neben mir. Er hört Musik. Nein - er hört Mist. Er hört Mist. Billigen Rummel-Techno gepaart mit Ballermann-Hits und noch neuerer Neuer Deutscher Welle. Ich verfluche mich selbst, da ich mittlerweile schon wenigstens die Hälfte der Lieder mitsinge, mit-musiziere oder sonstige spastische Bewegung an unpassenden Stellen ausführe. Es ist grauenhaft. Auf seinen Musikgeschmack bin ich nicht neidisch.
Ich will nicht mit ihm tauschen.
Sie arbeitet lange. Kommt abends nach Hause. Dann wird gestritten - oder geritten. Beim Sex hört sie sich an wie ein alter Keilriemen, ständig mehr oder weniger zu hören, auch bei den kleinsten Bewegungen. Ab und an ohrenbetäubend laut. Da wird einem angst und bange. Das hat mit lautem Sex nicht zu tun. Das ist nicht attraktiv, das ist weder erotisch noch anziehend. Dieses Geschrei ist abstoßend. Darauf bin ich nicht neidisch.
Ich will nicht mit ihm tauschen.
Wenn ich das Pärchen im Treppenhaus sehe, ist von all dem nichts mehr zu spüren oder zu sehen. Sie gehen Hand in Hand, freuen sich, necken sich, küssen sich - kurz: sind glücklich. Am Wochenende sitzen sie unten im Café, trinken heiße Schokolade und essen Kirschkuchen. Ab und an treffe ich sie im Supermarkt an der Ecke, wie sie zusammen einkaufen. Gestern saßen sie im Hof und grillten. Durchs offene Fenster hörte ich Gespräche über anstehende Familienfeste, neue Badezimmermöbel, die letzte Handyrechnung von ihr und den geplanten Kauf eines großen Fernsehers von ihm.
Die zwei führen eine langweilige Beziehung, mit alltäglichen Höhen und Tiefen. Sie schlafen zusammen ein, wachen zusammen auf. Verbringen Zeit zu zweit und allein - wenn sich das ergibt. Sie reden, fluchen, kochen, schlafen, spazieren, feiern, träumen, diskutieren, sitzen, streiten und leben miteinander. Mit allen üblen Facetten, Streitereien und Problemen.
Das ist etwas, worauf ich neidisch bin. Ich will mit ihm tauschen.
Mein Opa sagt immer, dass niemand den wahren Wert der Gesellschaft einer liebenden Person so sehr schätzt, wie der, dem keine zur Seite steht. Verdammt, warum hat Opa immer recht.




Kommentare
völlig nachvollziehbar, erkenne mich wieder, mag den Opa, auch wenn ich ihn nicht kenne.
20.05.2010, 23:11 von iriedayzDanke für den Schmunzler...
@iriedayz sehr gern! =)
21.05.2010, 02:03 von berlin_bombayIst okay. Ziemlich absehbar, dass am Ende oder zumindest im weiteren Verlauf eine Wende in dem Neidempfindung stattfinden wird. Ansonsten ziemlich interessant da nachvollziehbar. Schönes Fazit am Ende.
19.05.2010, 20:09 von Thymoleptika@Thymoleptika darauf läufts hinaus, richtig. ich glaube das erste kommentar triffts ganz gut, ein ruhiger text eben. ruhig und absehbar. ;)
21.05.2010, 02:03 von berlin_bombayich mag den text und es ist so wahr.
17.05.2010, 01:08 von oreiliwir singles sind arme würstchen, auch das stimmt.
sehr schöner text.
12.05.2010, 20:10 von leomiaoich kann diese situation gut nachvollziehen. meine mitbewohnerin lebt mir tagtäglich vor was ich nicht haben will, aber irgendwie doch.
gibt es also die glaeserne beziehung zweier menschen? ich glaube nicht. es gibt dinge, die nur die zwei wissen und kennen und du solltest nicht tauschen wollen, oder nicht -sondern selbst rausfinden, wer zu dir passt. oder nicht?
03.05.2010, 17:01 von keiner_hoert_2step@keiner_hoert_2step dass niemand den wahren Wert der Gesellschaft einer liebenden Person so sehr schätzt, wie der, dem keine zur Seite steht.Wie wahr, wie wahr.
07.05.2010, 16:33 von Herz.DameDoch bestimmt gibt es auch manchmal Nicht-Singles die gerne mit den Singles tauschen würden...
schöner text. gefällt!
03.05.2010, 15:59 von Katzin.Ich bewundere dich für die Gelassenheit die du an den Tag legst. Hellhörige Wohnungen finde ich vollkommen für den Arsch und sie kotzen mich an. Mich interessiert es nicht, was popelige Nachbarn für Musik hören, wie ihre Kinder heißen oder wie oft sie sich streiten und vorallem weshalb.
02.05.2010, 20:59 von UllaRullaIch hab mir gerade versucht vorzustellen, welche Lieder das wohl sein mögen, die er da hört :-)
02.05.2010, 15:09 von Abba"Joana, du geile Sau!" oder gar das "Fliegerlied"?
Ich komm mal vorbei und singe und tanze mit dir mit.
ya, das kennt man :') kurz und leicht, sehr cool
02.05.2010, 00:13 von nic.is.listen