Pacco2605 30.11.-0001, 00:00 Uhr 15 43

Der Zug Richtung Zukunft...

...fährt eben nicht in jede Stadt.

Ich stehe am Bahnhof. Es ist Winter und bitterkalt. Hinter mir liegt ein komisches Jahr. Das kommende Jahr wird besser, habe ich mir gesagt. Sagt man das nicht immer? Dinge müssen sich verändern. Leichter gesagt, als getan. Aus meinen Kopfhörern dröhnt Phillipp Poisel. Aus voller Seele fragt er, wie ein Mensch das ertragen soll. Gute Frage!  

Die krächzende Stimme aus dem Bahnhofslautsprecher unterbricht seinen Gesang. „Liebe Fahrgäste an Gleis 1, der Zug nach Hildesheim fährt ca 10 min später ein“. Ich friere, aber 10 min, das kann ich verkraften. Ich stehe doch sowieso schon eine gefühlte Ewigkeit auf diesem Abstellgleis. Wartend auf mein Glück, voller Hoffnung und Vertrauen. Ich zünde mir eine Zigarette an und versuche mich, so gut es geht, warm zu halten. In der Ferne ist ein Zug zu hören. Wenige Minuten später fährt er in den Bahnhof ein und die Türen öffnen sich. Es ist der Zug nach Braunschweig. Ich stehe ganz vorne am Gleis und die Schaffnerin fällt mir sofort auf. Sympathisch sieht sie aus. Sie dreht sich um und sagt „Kommen Sie, steigen Sie ein. Sie frieren doch.“ Ich denke kurz über dieses Angebot nach. Braunschweig soll eine tolle Stadt sein. Langsam kommt die Kälte auch von Innen und der Wunsch nach Wärme und Geborgenheit lässt mich einen Schritt Richtung Zugtür machen. Aber ich bin überzeugt, weiß wohin ich will. „Nein, danke. Ich kenne mein Ziel und die letzten paar Minuten werde ich auch noch aushalten. Gute Weiterfahrt!“ Die Türen schließen sich und immer schneller verlässt der Zug den Bahnhof. Meine Chance fährt davon. 

Eine weitere Durchsage stellt meine Geduld auf die Probe. „Liebe Fahrgäste an Gleis 1, aufgrund der Wetterverhältnisse wird sich der Zug nach Hildesheim um weitere 30 min verspäten“. Langsam werde ich sauer. Dass es im Winter kalt wird, ist doch keine Neuheit. Es ist für mich wie ein Rückschlag.  Ich verbringe die nächste halbe Stunde mit Grübeln und Rauchen. Zwei Dinge, die ich besonderes gut kann. Dann ist er endlich da, der Zug zu meinem Ziel. Ich steige ein und mich umgibt sofort eine wunderbare Wärme. Erst jetzt fällt mir auf, wie sehr ich eigentlich gefroren habe. Erschöpft setze ich mich auf einen Platz am Fenster. Ich fühle mich in Sicherheit, das Ziel ist nicht mehr weit. 

Draußen fliegt die Welt vorbei. Rasend schnell ist dieser Zug unterwegs. Dieses Tempo fühlt sich gut an. Gerade, als ich die Augen schließe, um für einen Moment durchzuatmen, fängt mein Wagon an zu wackeln. Die Welt zieht nur noch im Schritttempo vorbei. Ein lautes Quietschen der Bremsen und wir halten an. „Leider haben wir einen technischen Defekt. Die Weiterfahrt ist ausgeschlossen. Bitte verlassen Sie den Zug“. Das darf nicht wahr sein. Es ist doch nicht mehr weit. Ich steige aus und die kalte Nacht hat mich sofort umhüllt. Ein Stück entfernt der Gleise steht eine Bank. Ich nehme meinen Rucksack ab und setze mich. Erst jetzt merke ich, welches Gewicht ich auf meinen Schultern hatte. Ich öffne meinen Rucksack um zu sehen, ob der Inhalt noch heil ist. Ein paar Dellen, ein paar Kratzer, ein paar Sprünge. Aber das wird mein Herz schon aushalten.  

Ich spüre eine Hand auf meiner Schulter und drehe mich um. Vor mir steht eine Frau, lächelt mich an und fragt „Hallo, mein Name ist Realität, darf ich mich setzen? Sie sehen aus, als könnten Sie in wenig Gesellschaft gebrauchen.“ Bevor ich antworten kann, hat sie den Platz neben mir eingenommen und reicht mir einen dampfenden Kaffee. „Sie sehen kaputt aus. Was machen Sie denn hier?“ „Ich möchte nach Hildesheim. Ich bin schon eine Ewigkeit unterwegs und gerade, als es richtig losging, hatten wir eine Panne“. Verwunderung spiegelt sich im Gesicht der netten Frau. „Hm. Wieso muss es denn unbedingt Hildesheim sein? Es gibt doch so viele schöne Städte. Städte, die viel perfekter und um Längen leichter zu erreichen sind.“ Wahrscheinlich hat sie recht. Ich suche nach den richtigen Worten. „Wissen Sie, Hildesheim ist nicht irgendeine Stadt. Direkt nach meinem ersten Besuch war ich hin und weg. Und je öfter ich da war, desto mehr war ich begeistert. Mit Sicherheit gibt es Städte, die perfekter sind. Die tollere Architekturen vorweisen können. Die sauberer sind. Aber genau das ist es doch. Diese Stadt ist gezeichnet vom Leben. Sie ist aufregend und impulsiv. Man muss sie verstehen lernen, um sie schätzen zu können. Und wenn man bei Nacht genau hinschaut, erkennt man die wahre Schönheit. In keiner anderen Stadt habe ich mich jemals so zuhause gefühlt.“  

Die nette Frau drückt meine Hand und lächelt mir zu. „Kommen Sie, so sehr Sie sich auch mit dieser Stadt verbunden fühlen, dieser Zug wird Sie niemals dorthin bringen. Die Verbindung nach Hildesheim wurde längst von der Verantwortlichen gestrichen und ersetzt durch eine Verbindung durchs ganze Land. Ohne eine einzige Haltestelle. Diese Veränderung scheint gewinnbringender zu sein. Wurden Sie denn nicht darüber informiert?“  

Nein, ich wurde nicht informiert. Es wird doch sonst immer über alles berichtet. Warum nicht über diese Veränderung?  

Ich setze meinen Rucksack auf und das klimpern verrät mir, dass der Inhalt in tausend Teile zersprungen ist. Darum kümmere ich mich später, erstmal muss ich hier weg. Meine Schritte werden schneller und das Rufen der Frau immer leiser. Ich laufe der Realität davon, will nichts mehr hören. Nehme nichts mehr um mich herum wahr. All die vergangenen Besuche spielen sich in meinem Kopf ab, während ich durchs Nichts renne. Ich war mir so sicher, dass sich das ganze Warten, die ganzen Verspätungen und die ganze Anstrengung auszahlen würden. Ich bin aus der Puste, meine Lunge tut weh und mein Magen dreht sich. Ich fange an zu weinen, bleibe stehen und atme einmal tief durch. Ich bin kaputt und erschöpft von meiner Reise. Erst jetzt merke ich, dass ich an einem neuen Bahnhof angekommen bin. Ich schaue mich um und entdecke eine Anzeigetafel. In diesem Moment wird mir bewusst, wie wandelbar das Leben ist. Manchmal verändern sich Verbindungen, manchmal verpassen sich Menschen und manchmal muss man den nächsten Zug nehmen, ohne das Ziel genau zu kennen. Die Anzeigetafel zeigt nur eine einzige Zugverbindung. Abfahrt in einer Minute.  Es ist der Zug Richtung Zukunft.


Tags: Verabschiedung, Zukunft
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15 Antworten

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    Erst jetzt merke ich, welches Gewicht ich auf meinen Schultern hatte.
    Fand ich irgendwie nicht so logisch, weil man ja im Zug sitzend den Rucksack nicht auf hat, oder? Ganz generell hätte ich diesen Rucksack einfach weggelassen, die Geschichte funktioniert auch so sehr sehr gut und der Rucksack wirkt etwas sehr gewollt. Man bekommt das Gefühl, auf die Metapher gestoßen zu werden und das ist eigentlich überflüssig, weil sie sehr gut ist.

    11.12.2012, 12:19 von MissesBiscuit
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  • 1

    Schöner Hintergedanke: Der Zug als Zeichen von Verbindung und Mobilität und der Bahnhof als Ort des Wandels und Umsteigens: Das Eröffnen neuer Perspektiven. Der Mensch der Moderne auf der Suche nach Heimat und Geborgenheit, auf der Suche nach sich selbst.

    03.12.2012, 21:13 von cavenecadas
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    Tolle Metapher, alles so. Gefällt.

    03.12.2012, 11:56 von schmetterlingslachen
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  • 0

    wow. Der Text ist super. ....

    03.12.2012, 11:03 von deterioratedSystem
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    ich mags!

    02.12.2012, 14:52 von FraeuleinLiebtMusik
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  • 0

    wunderschön. solche Momente kennen wir doch alle. Es bringt oft nichts zurück zu sehen- mit neuer Kraft in Richtung Zukunft. ich persönlich mag es sehhhhhhhr!

    02.12.2012, 13:41 von honigbluetenpause
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  • 3

    Ich setze meinen Rucksack auf und das klimpern verrät mir, dass der Inhalt
    in tausend Teile zersprungen ist.

    sehr schöne Metapher.

     

    01.12.2012, 20:07 von Lilanchen
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