timlink 07.02.2013, 16:22 Uhr 0 2

Der Wahnsinn des Herrn Link

Die Schlaftablette von gestern Abend liegt mir schwer im Magen, versuche ich mir einzureden. Aber jeder weiß, es ist meine Nervosität.

Freitagmorgen. 6:15 Uhr. Ich öffne meine Augen und schaue auf  mein Handy. Jetzt ist er da, der Tag, auf den ich so lange gewartet habe. Mein Herz rast.

Ich setze mich auf und versuche meine Gedanken zu ordnen. In Gedanken gehe ich durch, was ich noch alles zu erledigen habe. Duschen steht an erster Stelle, oder doch erst einen Kaffee? Ich höre, dass jemand durch den Flur läuft. Dieser jemand versucht leise zu sein, denn er weiß, es wäre nicht sinnvoll mich heute zu wecken. Wann sonst stehe ich schon freiwillig mehr als eine Stunde eher auf als mein Wecker es von mir verlangt.

Ich höre die Gestalt aus dem Flur sprechen. Gelten diese Worte mir? Mein Herz beginnt noch schneller zu schlagen.

Die Schlaftablette von gestern Abend liegt mir schwer im Magen, versuche ich mir einzureden. Aber jeder weiß, es ist meine Nervosität.

„Oh du bist ja schon wach“, übersetze ich die Worte, die mir entgegenschwingen. Ich antworte nicht, kann einfach noch nicht sprechen. Planänderungen durchziehen mein Gehirn, nicht duschen oder Kaffee, erst mal ne Kippe! Ich werfe mir etwas über und schleiche mich auf den Balkon.

Gestern, an meinem „letzten Abend“ wurde ausgelassen gefeiert. Jeder, bis auf den Mann aus dem Flur, schwebt noch im Land der Träume. Sobald der Trubel im Haus losgeht, so ist mir bewusst, wird es für mich nur noch schlimmer! Die Zigarette schmeckt heute Morgen besonders gut. Ich versuche mir einzureden, dass sie meine Nervosität senkt.

Minuten verstreichen wie Sekunden. Kaffee, Dusche, rasieren. Als ich aus dem Bad komme, ist in meinem Schlafplatz, der eigentlich ein Wohnzimmer ist, reger Betrieb.

„Guten Morgen“, schreit mich der Gastgeber meiner Abschlussparty an „setz dich und wir frühstücken!“ Frühstücken, als ob. „Das letzte was ich jetzt will ist Frühstücken!“ schreie ich den bereits anwesenden Teil der Feiergemeinde an. „Macht hin, ich will so schnell wie möglich los!“

Ich schaue auf mein Telefon. Rufe ich Ihn jetzt an oder nicht? Während ich pro und contra für einen Anruf abwäge, vibriert mein Handy und ein Button leuchtet auf dem Display auf:

Facebook: Kay Link hat dich in einem Beitrag markiert.

Oh nein. Mein Herz rast. Ich gehe auf den Balkon, um bei einem weiteren Lungenbrötchen – ich glaube es ist das sechste innerhalb von 90 Minuten – mein weiteres Vorgehen zu überdenken. Ich entscheide mich nicht anzurufen.

Ich gehe in den Raum, indem mein Outfit für diesen besonderen Tag darauf wartet meinen Körper zu schmücken. Erinnerungen schießen durch meinen Kopf. Erinnerungen an die vergangenen eineinhalb Jahre. Ich schlüpfe in meine – eigentlich viel zu teure – Hose. Das weiße Hemd ist noch warm vom Bügeleisen, das mein guter Freund darüber schob, damit ich ja gut aussehe. Ich versuche mehrmals mir meine Krawatte zu binden. Es gelingt mir nicht. Meine Aufregung wird schlimmer. Ich bin blass.

Jetzt sitze ich auf dem Klodeckel im Bad. Vor mir, der Mann aus dem Flur mit Tiegel und Pinseln vor mir. „Deine Augenringe müssen wir wegmachen, und etwas mehr Farbe könntest du auch gebrauchen!“ haucht es mir ins Ohr. Ich sage nichts; dass ich schweige kommt nicht oft vor, aber heute muss sich meine Umwelt daran gewöhnen.

Wir alle machen uns fertig, ein weiterer Gast der Feiergemeinde hat sich für 09:30 Uhr angekündigt. Um 09:18 Uhr bin ich mit den Nerven so am Ende, dass ich schon mal nach unten gehe, um dort auf den letzten Gast zu warten. Dann geht es los. Die Fahrt ins Ungewisse.

09:40 Uhr, ich rufe den immer noch fehlenden Gast an und weise sie in – wie ich heute weiß – ziemlich unpassendem Ton darauf hin, dass wir gleich fahren, egal ob mit ihr oder ohne sie. Ich steige in mein Auto. Mein bester Freund verbindet mir die Augen und steckt mir einen iPod mit schrecklicher Musik ins Ohr. „Die nimmst du erst ab, wenn ich es dir sage!“ befiehlt er mir.

Jetzt bin ich allein. Mein Seh- und mein Gehörsinn wurden kurzzeitig außer Kraft gesetzt. Die nächsten Minuten Fahrt scheinen wie Stunden. Dann wird das Auto langsamer. Ich spüre wie wir rechts abbiegen und weiß, ohne es zu sehen, genau wo ich jetzt bin.

Man hilft mir aus dem Auto.
Ich nehme die Augenbinde ab.

Dann sehe ich Ihn. Ich sehe in seine Augen und all meine Nervosität verfliegt wie die Samen einer Pusteblume bei starkem Wind. Ich renne auf Ihn zu und umarme Ihn so fest, dass es ihm wohl wehtut. Jetzt lasse ich Ihn nicht mehr los. Nie wieder! Mir wird klar, dass ich genau das Richtige getan habe. Dass jetzt, wo unser Tag endlich gekommen ist, alles nur noch perfekt werden kann. UNSER Tag...

Der Tag an dem ich den Mann meines Lebens heirate…

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