PDK 30.11.-0001, 00:00 Uhr 7 10

Der Unhold

Sie hat ihn einmal geliebt. Jetzt empfindet sie nur Ekel, wenn sie ihn betrachtet.

Sie hat ihn einmal geliebt. Jetzt empfindet sie nur Ekel, wenn sie ihn betrachtet. Ekel und Mitleid. Dabei hat er sich gar nicht so sehr verändert, ist immer noch der nette, liebe Mann, den sie sich ausgesucht hat. Da sitzt er im Sessel und liest ein Buch, schaut auf, lächelt ihr zu. Wie immer. Sie lächelt zurück. Diese Maske hat sie tragen gelernt.

Als sie noch ein kleines Mädchen war, sechs Jahre alt, wurde sie eines Nachts durch die Stimmen ihrer Eltern geweckt. Sie schrieen. Müde rieb sie sich die Augen und stand auf. Stufe um Stufe war sie die Treppe hinuntergestiegen, in die Dunkelheit hinein, den schreienden Stimmen entgegen, ihren Teddy im Arm, mit dem sie sich flüsternd unterhielt. Stufe um Stufe wurden die Stimmen lauter. Stufe um Stufe wuchs ihre Angst. Trotzdem ging sie weiter. Sie konnte nicht anders. Zitternd folgte sie dem dunklen Flur, folgte sie den lauten Stimmen, die sie gar nicht verstehen konnte. Es waren Papa und Mama, die da so schrieen. Sie drückte den Teddy noch ein wenig doller und hielt auf das durch die Küchentür scheinende Licht zu.

Noch heute fragt sie sich, ob sie wohl geschlichen war damals, wieso sie nicht durch die Tür ins Licht gegangen war, ihren Teddy im Arm und müde und verschlafen. Sie hat nie eine Antwort gefunden. Sieht sich immer noch manchmal dastehen und durch die Tür spähen, mit großen Augen, so klein irgendwie in dem Flur und vor der Tür, klein und stumm, sieht Papa und Mama sich anschreien mit Worten und Händen und mit roten Köpfen, Mama weint und Papa läuft auf und ab. Sie weiß es noch genau. Wie sie dastand und nicht weinen konnte. Ganz stumm war. Gefroren wie ein Block Eis. Wie sie Teddy die Knopfaugen zuhielt, dass er es nicht sehen musste.

Und dann hatte der Papa die Mama geschlagen. Ins Gesicht. Damals war es ihr brutal vorgekommen. Wie ein harter Schlag. Heute ist sie sich da nicht mehr so sicher. Mama aber war verstummt und hatte sich von Papa an sich ziehen lassen. Ganz eng beieinander standen sie da. Flüsterten plötzlich. Das hatte ihr noch größere Angst gemacht und sie wäre so gern weggelaufen, durch den dunklen Flur, die Treppe hinauf, Stufe um Stufe, in ihr warmes Bett. Aber das war ganz unmöglich. Eis bewegt sich nicht so ohne weiteres. Papa hatte Mama dann auf den Küchentisch gedrückt und irgendwas mit ihr angestellt.

Da zerbrach etwas in ihr.

Große Tränen rollten stumm ihre Wangen herunter, bis das Meer, aus dem sie stammten ganz ausgetrocknet war. Ganz leer hatte sie sich gefühlt. Und gezittert hatte sie. So leise, wie sie gekommen war, ging sie mit Teddy wieder. durch den dunklen Flur, die Treppe hinauf, Stufe um Stufe, bis in ihr Zimmer. Sie hatte noch lange mit ihrem Teddy gesprochen, bis ihr die Augen zufielen. Hatte immer vom Unhold gesprochen. Den Namen hatte sie ihrem Vater gegeben, ein Wort, dass sie in einem alten Buch gelesen hatte, ein Wort, ein Name, dessen Sinn sie nicht ganz verstand, wohl aber, dass der Unhold böse war.

Am nächsten Morgen war alles wie immer gewesen. Zu dritt hatten sie am Frühstückstisch gesessen. Mama und Papa waren sogar besonders lustig an diesem Morgen. Scherzten mit ihr und lachten und küssten sich. Damals dachte sie die Mama hätte einfach Angst vor dem Unhold und wollte ihn nur ja nicht verärgern. Der Unhold war zwei Jahre später gestorben. Autounfall. Sie und Teddy hatten keine Träne an seinem Grab geweint. Alle sagten, sie stehe unter Schock. Aber Teddy und sie wussten es besser.

Damals hatte sie sich geschworen, nie einen Mann haben zu wollen. Irgendwann hatte sie ihn dann kennen gelernt und er war so höflich gewesen und freundlich und liebenswert und nett. So anders als die anderen Jungen in ihrem Alter. So ganz anders als alle Männer, denen sie begegnet war. Ihr war bald klar, dass er der richtige sei. Und sie war eine ganze Zeit lang glücklich mit ihm. Ein stilles, ruhiges Glück, wie ein sich immer wiederholender Frühsommertag am Meer mit blauem Himmel und leichtem Wind und dem Rauschen der Wellen als Melodie.

Es hatte lange gedauert, bis sie ihm auf die Schliche gekommen war. Zehn Jahre waren sie da verheiratet. Das zweite Kind war gerade auf die Welt gekommen. Nach der Geburt hatte sie unter Stimmungsschwankungen gelitten. Es hatte sie sehr mitgenommen. Um ihr eine Freude zu machen, hatte er sie ausgeführt. Man hatte einen zuverlässigen Babysitter bei den Kindern gelassen, die Geburt lag schon ein gutes halbes Jahr zurück. Er hatte ein besonders Restaurant für sie ausgesucht. Schöne Tische, weißgedeckt, mit echten Blumen. Aber in ihr war so eine Wut gewesen. Einfach eine Wut, die wollte heraus. Schon nach der Vorspeise hatte sie begonnen, ihn zu reizen, ihm Vorwürfe zu machen, sich mit ihm zu streiten. Er hatte wie immer gelächelt und beruhigend auf sie eingeredet. Das hatte sie nur noch wütender gemacht. So wütend, dass sie irgendwann aufgesprungen war und ihn angeschrieen hatte.
Und sie hatte sich gewünscht, er hätte zurück geschrieen, hätte sich gestritten, wäre einmal ganz aus sich herausgekommen. Aber er blieb ganz ruhig, stand auf, ging um den Tisch, nahm sie in den Arm, wiegte sie leicht und redete leise auf sie ein, alles, alles würde schon wieder gut werden, es seien ihre Stimmungsschwankungen, das gäbe sich schon, tsch, tsch, ganz ruhig.
Die Szene hatte natürlich Aufsehen erregt und jetzt tuschelte man an den anderen Tischen.

Sie konnte es sich vorstellen.

Was sie doch für einen netten Mann hätte. Wie liebevoll er doch mit ihr umging. Wie einfühlsam er doch sei. Und sie, was für ein Biest sie doch war. Das sagten sie. Plötzlich war sie wieder ganz leer gewesen. Wie damals. Still hatte sie sich hingesetzt und er sich auch, ihr gegenüber, lächelnd. Da hatte sie es zum ersten mal gesehen. Diesen billigen Triumph, den er empfand. Wie er sich in seiner liebevollen Art, seiner Größe sonnte. So still und leise, dass es ihr vorher nie aufgefallen war. Nie hatte sie sich so gedemütigt gefühlt.
Ein halbes Jahr später hatte sie eine Affäre begonnen. Ohne große Lust eigentlich, ihr lag nicht viel daran, mehr um ihn zu demütigen, als sich zu amüsieren.

Eines Abends, er saß in seinem Sessel und las, erzählte sie ihm alles. Von sich und der Affäre. Er hatte das Buch zugeschlagen, ganz sanft, war aufgestanden, hatte gelächelt und gesagt, dass sie sich an den Tisch setzen sollten, darüber reden, hatte er gesagt, wie erwachsene Menschen. Sie fand es nur schrecklich, dass er Verständnis hatte. Da saßen sie also und sprachen über die Affäre wie über die Anschaffung eines neuen Autos. Ihr war, als würde man ihr das Herz herausreißen. Sie waren zu keinem Schluss gekommen, er zog für ein paar Tage aus. Bald fragten die Kinder, wo Papa sei, sie sagte, sie müssten weitermachen, der Kinder wegen, er nickte und lächelte still und überlegen.

Sie hat ihn einmal geliebt. Jetzt empfindet sie nur noch Ekel, wenn sie ihn betrachtet. Ekel und Mitleid und oft wünscht sie sich in letzter Zeit, sie wäre damals im Bett liegen geblieben mit Teddy. Dann wäre alles anders gekommen. Schlimmer vielleicht aber auch echter, lebendiger und weniger grausam.

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7 Antworten

Kommentare

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    Danke.
    Was wären die Menschen ohne ihre Erinnerungen - leer.
    Einige von diesen aber können das Leben bereichern oder zerstören. Diese Zerrissenheit schmerzt.
    Danke für deine Art zu schreiben.
    Liebste Grüße

    27.02.2009, 13:31 von SuppenJessi
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    PDK, Ich bin beeindruckt...!!!

    16.01.2009, 02:03 von TajAway...
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    Ich glaube, sie hat ne kleine seelische Störung und empfindet sein Verständnis für sie als Kränkung?!

    15.01.2009, 12:51 von Tanea
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    Verwirrend im Sinne von aufwühlend.

    15.01.2009, 12:42 von Tanea
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