nataly_bleuel 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 3

Der Übergangspartner

Nach einer Beziehung verlieben wir uns oft gleich wieder unsterblich – der einzige Fehler unserer Angebeteten: Sie haben ein HALTBARKEITSDATUM.

Den seltsamsten Übergangsmann hat sich einmal meine Freundin Anja auserkoren. Sie war ihm verfallen wie ein pubertierender Teenager. Schmetterlinge im Bauch, weiche Knie, debiles Grinsen. So stand sie vor mir und brachte Wörter hervor, auf die ich mir keinen Sinn reimen konnte. Oder wollte. »Komm grad aus ›Bodyguard‹«, sagte sie. Grinsen bis zu den Ohrlappen.
»Aha. Ein Scheiß, oder?«
»Wahnsinn!«
»Was?«
»Dieser Mann!«
Sein Konterfei hing damals an allen Wänden: Der Bodyguard trug den Star mit wehenden Rockzipfeln durch den peitschenden Regen. Er war stark. Ein Beschützer. Und ein unglaublich biederer Typ. Kevin Costner eben. »Diese Oberarme«, säuselte Anja und schüttelte den Kopf. »So stark. Und der Blick. Aaaah.« Ich erwiderte irgendwas Vernünftiges. Dass das doch nur ein Film … Dass der Mann nicht …Dass er in Whitney Houston … und Anja, du bist doch klein und blond! Doch meine Freundin war nicht mehr dieselbe.
Gerade eben hatte sie sich von ihrem Freund Markus getrennt, nach sieben Jahren. War also nur begrenzt zurechnungsfähig. Und ist 17-mal in diesen Film gegangen, in Worten: sieben und zehn. Glücklicherweise war ihr bester Freund Filmvorführer. Nach dem fünften Mal (ich war mitgegangen, um zu prüfen, ob nicht doch was dran war an Kevin, wie ihn Anja nun nannte) zwinkerte der Filmvorführer Klaus mir verschwörerisch zu und nuschelte: »Lass sie, sie braucht das jetzt – als Übergang.«

Klaus war ein kluger, lebenserfahrener Mensch, einer der vielen Gründe, weshalb Anja später mit ihm zusammenkam. Nach Markus. Und Kevin.

Sicherlich ist Herr Costner nicht der Prototyp eines Übergangsmannes. Ich habe diese etwas untypische Konstellation aus grauer Vorzeit gewählt, weil mir daran liegt, die Ehre des Über-gangsmannes zu retten. Er hat ja keinen guten Ruf. Er ist nichts Ernstes. Nur was für zwischendurch. Keine Substanz, reine Funktion. Heute zitiert Anja den Sex-and-the-City-Aphorismus: Der Übergangsmann sei wie ein Kleid von Donna Karan – nicht wirklich was für sie, aber man könne es trotzdem mal probieren.

In der Regel wird der Übergangsmann ausgenutzt, schamlos und offen. Man sagt zu ihm: »Du, wir haben gerade eine echt schöne Zeit, lass uns das genießen!«

Darauf er: »Ja, aber … was meinst du jetzt damit?«

»Na ja, dass ich dich eben echt mag. Aber ich kann jetzt nichts Festes oder so, weißt du. Ist doch okay, oder?« Man lacht ihn nun möglichst entwaffnend an, flankiert von einer verführerischen Geste. »Du empfindest doch genauso!« In der Regel versucht der Übergangsmann jetzt »Ja, klar!« zu schmettern. Es soll aus dem Brustton der Überzeugung erklingen, da, wo sich im Augenblick der Schrecken breit macht. Und wenn der Übergangsmann eine Frau ist, dann denkt sie im Nachhinein: »Das Schwein hat mich nur ausgenutzt!«

Selbstverständlich gibt es Übergangsmänner und Übergangsfrauen. Zumindest heutzutage in unseren Gefilden, wo auch Frauen sich mal was Uneigentliches leisten dürfen, ohne gleich gesteinigt zu werden. Korrekterweise sollte man, auf gut Amerikanisch, von der Übergangsperson reden. The Transition Person.

Daher die Ehrenrettung: Man kann auch total verschossen sein. Im Moment. In jedem Fall vermittelt der Neue eine wunderbare Leichtigkeit. Nur die Distanz – von Außenstehenden oder durch die eigene zeitverzögerte Aufklarung – ermöglicht die Einordnung des Angehimmelten als »Übergangspartner«. Diese emotionale und mentale Vernebelung entsteht besonders häufig, wenn man nach einer langjährigen Beziehung zum ersten Mal wieder erotisch mit einer/m anderen kommuniziert. Nach sieben Jahren gemeinsamen ZähneputZähneputzens, Nächtigens und Tischabräumens haben sich die Schmetterlinge im Bauch verflüchtigt. Dann kommt einer dahergelaufen, meistens der Nächstbeste – und schwupps: isses passiert! Erst heute, Jahre später, kann ich in Anjas Lachen einfallen, wenn sie mich an Tom Bringer erinnert. Mein erster Mann nach einer langen festen Beziehung. Endlich! Endlich einer, der mir in die Jacke hilft, der Spaghetti Vongole mag und Dübel in Wände schlagen kann. Der
Übergangspartner wird nicht nur zur Lichtfigur, weil er eingeschlafene Gefühle zum Kribbeln bringt, das Schwelgen, das Begehrtwerden, das Selbstbewusstsein, das Rotwerden. Sondern auch, weil er die Macken und Inkompetenzen des Vorgängers nicht hat. Der Übergangspartner definiert sich immer in Relation zu einem anderen.

Wichtigeren.

Man kann ihn also gut brauchen, um sich nach einer Beziehung aufzufrischen, vor allem, wenn die Trennung nicht allzu einseitig verlief. Hat man Schluss gemacht und der andere gelitten, dann taugt er auch dazu, dem/der Ex ein für alle Mal zu verdeutlichen: Das war’s! Häufig wird die Transition Person benutzt, um nicht nur dem/der Ex, sondern auch sich selbst zu beweisen, dass einem die alte Beziehung überhaupt nicht mehr wichtig ist. Meist folgt dann ein völlig überstürzter Abgang. Und reuige Heimkehr.

Der Übergangspartner hat häufig ein hartes Schicksal. Leider. Nicht wie Kevin Costner. Er kann verdammt unanständig funktionalisiert werden. Meine Freundin Elke zum Beispiel. Hatte den Mann ihres Lebens kennen gelernt, war mit ihm zusammengezogen, hatte die Verhütung gerade aufgeben wollen – da kehrte er einfach wieder um, zu seiner alten Freundin. Weil er dann doch gemerkt hat, was er an der hatte. Dies waren Elkes, nicht meine Worte: »beschissen«, »minderwertig«, »gemein«, »ausgenutzt«, »unreifes Egoistenschwein«. Männer waren anschließend nur dazu da, Weinkisten in den vierten Stock ihrer Singlewohnung zu tragen. Und als sie langsam wieder auftaute, hat sie einen Übergangsmann nach dem anderen akquiriert.

Es gibt serielle Übergangstäter. Auch Don Juan genannt, Casanova oder Carmen. Das sind Leute, die schwer verletzt wurden und sich nun nicht mehr öffnen können oder wollen, um nicht wieder verletzt zu werden. Sie entwickeln eine gewisse Routine im Übergang. Die Sätze »Ich kann mich nicht binden« oder »Ich hab das noch nicht verarbeitet« oder »Tut mir ja leid, aber ich bin echt nicht verliebt« können sie im Schlaf aufsagen. Sodass sie mitunter am Morgen aufwachen und auf dem Badezimmerspiegel ein hingekritzeltes »Arsch« lesen müssen.

Eine wirklich unbeschwerte Zeit haben Leute, die sich beide nur Übergang sind. Prickelnd und unverbindlich. Prima eigentlich. Wenn die Übergangspartner sich dann auch noch mit Anstand verabschieden, gebührt dieser gemeinsam verbrachten Zeit eben: alle Ehre!

Und es gibt auch noch den Übergangspartner kurz davor. Man hat das Ziel schon ins Auge gefasst, es ist aber grad nicht zu kriegen, vielleicht besetzt oder blind, und man greift eben mal haarscharf daneben: die beste Freundin. Oder die Schwester. Mitunter wird dann sogar geheiratet. Man kann das nicht mehr Übergang nennen. Eher: Side-Affect. Oder Tragödie. Die Literatur der Neunzehnhundertwende ist voll von solchen unglücklichen Ehen. Für uns moderne Abendländer ist das Verweilen beim Übergang verwerflich. Zu unromantisch.

Meine Freundin Anja hatte nach ihrem krassen Ausrutscher keinen Mann mehr wie Kevin Costner. Sie ist nahtlos von einer Beziehung in die nächste übergegangen. Obwohl wir Au-ßenstehenden manchmal dachten: Das kann doch nicht ihr Ernst sein! Die waren doch alle nur was für den Übergang!

Man sollte es so sehen: Die Frau hat all diesen Übergangspartnern außerordentlichen Respekt gezollt. Wie Casanova: eine echte Gentle-Person.

3

Diesen Text mochten auch

0 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  •  

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare