farb-los 30.11.-0001, 00:00 Uhr 54 69

Der Tag hat mich betrogen.

Es ist alles gut - so weit das im Moment möglich ist.

Ich hatte einen guten Tag. Ich habe mich gefreut und ihn gelobt. Ich musste die ganze Zeit nicht an dich denken. Ich habe mich in Arbeit gestürzt, damit du keinen Platz mehr in meinem Kopf hast. Ich muss auch etwas tun, es ist zwei Monate her. Es muss aufhören. Du bist mit Sicherheit schon lange damit durch. Alles, was ich noch von dir bekommen habe, war ein einfaches Einverständnis auf das Ende.

Ich gehe durch die Messehallen und alles ist gut - so weit das im Moment möglich ist. In meinem Kopf sind Gedanken über den Aufbau, den Müll auf den Gängen, die Veranstaltung am Abend. Du bist nicht da. Ab und zu zieht es in meinem Herzen - ich glaube, es beschwert sich, dass es nicht genug beachtet wird. Verlangt Aufmerksamkeit nach dem qualvollen Gefühl von Verlust, das die ganze Zeit da ist. Ich lasse es nicht zu - ich arbeite. Verstecke mich und meinen Verstand hinter den endlosen to-do-Listen.

Aber der Tag hat mich betrogen. Er ist nicht frei von dir, trotz aller Mühe. Plötzlich stockt mein beleidigtes Herz. Der Windzug, der duch die offenen Messetüren zu mir dringt, bringt dich mit. Ich kann dich riechen. Ich weiß, es kann nicht sein, dass du hier bist, aber ich will mich nicht umdrehen.

Ich will das kurze, trügerische Gefühl von Hoffnung spüren.

Ich liebe es, wie du riechst. In Sekundenschnelle überlege ich, wie ich reagieren soll, wenn du wirklich hier bist und drehe mich langsam um.

Natürlich steht da ein völlig fremder Mann. Mein Herz tobt. Irgendwie bin ich erleichtert - es erspart mir einiges. Auf der anderen Seite bin ich zutiefst enttäuscht. Naiv ist, wer Hoffnung hat. Tränen schießen mir in die Augen, wie konnte ich dich auch nur einen Moment verdrängen - die Quittung hab ich gerade dafür bekommen. Es hat mich völlig unerwartet getroffen.

Es fühlt sich an als wenn du nie weg gewesen wärst. Ich bleibe stehen und fühle. Höre in mich hinein. Aber das kalte Gefühl lässt mich nicht mehr los.

Ob so etwas passiert, weil du gerade an mich denkst? Nein. Du denkst an sie. Ich bin nicht wichtig. Dir schon gar nicht.


Tags: Naivität, Verdrängung
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54 Antworten

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    "Naiv ist, wer Hoffnung hat."


    ...und die Hoffnung stirbt eben doch zuletzt.

    Schöner Text, der so viel wahres enthält :-)

    24.04.2012, 11:25 von mascarella
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    ich mag vor allem den erste abschnitt, auch beim zweiten mal lesen jetzt. weil genau das auch in meinem kopf rumgeht.

    23.04.2012, 17:52 von hope-and-love
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    könnten meine gedanken und gefühle sein, sehr schöner text, der mich zum nachdenken anregt. man versucht  diese gefühl zu unterbinden und zu verdrängen. doch man muss feststellen das  nicht die geringste chance besteht.

    23.04.2012, 13:14 von sunglasses_at_night
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    *gänsehaut


    die intensive, bewußt(e) gemachte stimmungsbildaufnahme und das gefühle eben doch nicht so weggedrückt werden könne, wie wir hoffen


     

    23.04.2012, 12:55 von yveh
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    Sehr gut auf den Punkt gebracht. Wer den Text nicht mag hat (bis jetzt) Glück gehabt, denn er oder sie kennt dieses miese Gefühl im Bauch nicht.

    21.04.2012, 22:04 von DasSommerkindchen
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    Ich finde ja, es müssen nicht alle Texte auf NEON.de Pulitzer-Niveau haben (nur so als Anregung an alle, die hier hinter ihrem Bildschirmen sitzen und so unerfrischende Kommentare hinterlassen).

    Persönlich gefällt mir dein Text sehr gut, mir hat es auch gerade einen Stich ins Herz gegeben. Wie gesagt, gut geschrieben, vielleicht kein Meisterwerk, aber es geht ja darum deine Gefühle zu beschreiben.

    Ich kenne diese Situation nur zu gut. Obwohl es mit der Zeit weniger wird, wird es nie wirklich besser oder weniger schmerzhaft.

     

    20.04.2012, 15:28 von missweiss
    • 0

      Danke..genau das gleiche habe ich auch gedacht. Deshalb auch das herzeln..!

      Wenn man seine Gefühle beschreibt, muss man nicht immer darauf achten, es allen recht zu machen, wie einem Oberlehrer...

      22.04.2012, 21:54 von Frauuzi
    • 0

      Jap! :)

      23.04.2012, 10:15 von missweiss
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      "Er" duftet süß, etwas wild weich,  nach männlichkeit und kindischen sturkopf zugleich. 
      Es erinnert an geborgenheit, tränen in den augen und so viele momente.
      ich glaube das parfum hat keinen namen:)

      24.04.2012, 18:31 von happYlights
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    sicher nachvollziehbar, wenn man in so einer situation schon war. messe hin oder her ;)

    19.04.2012, 18:36 von hope-and-love
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