HerrDiesinger 11.11.2012, 20:39 Uhr 25 43

Der Tag, an dem die Würde starb.

Sie ist immer da und brandschatzt meine Nerven, Tag für Tag, wie der verbogene Zinken einer Gabel.




Die Frauen lieben mich, für das was ich schreibe. Dabei soll mich doch nur die eine dafür hassen. Sie ist hier. Hier oben, in meinem selbst gewählten Exil. Ich habe sie mit hierher genommen. Irgendwie hat sie es geschafft, sich zwischen den Zeilen meiner Bücher zu verstecken. Als ich Herr Lehmann lese springt sie heraus und trifft mich unerwartet und eiskalt. Ich weine mit Herr Lehmann, als ihn seine schöne Köchin für Kristall Rainer fallen lässt, weil sie zwischen verliebt und lieben einen Unterschied macht. Meine Augen sind aufgequollen und rostrot, weil die Tränendrüse seitdem unermüdlich leckt. Man bekommt einen Menschen, den man in sein Leben lässt eben nicht mit ein paar Mal Waschen aus seinen Sachen. Sie ist immer da und brandschatzt meine Nerven, Tag für Tag, wie der verbogene Zinken einer Gabel.

Ich gehe raus. Selbsterteilter Freigang vom eigenen Leben. Doch die Fußfessel lässt ein Freilaufen nicht zu. Auf dem Kiez stolpern betrunkene Junggesellen in einheitlicher Trinkeruniform an mir vorbei. Sie geben grölend den Knabenchor im Hintergrund meiner Ballade. Dragqueens und Drugkings der Talstraße stehen mir zu Diensten bereit. Blowjobs und Mindblowers haben sie im Sortiment. Ein,... wie soll ich sagen? Nun, warum sich lange mit unnötigen Umschreibungen abkämpfen, wenn sich doch beide Seiten über die Jahre hinweg, genug Mühe gaben den Begriff „Mulatte“ mit Bedeutung aufzuladen. Er tritt an mich heran. Ob ich etwas brauche. „Ein anderes Leben. Meines hat einen Defekt.“ antworte ich, und möchte mich nicht länger mit ihm aufhalten. „Neues Leben hab ich nicht. Aber was das dich vergessen lässt.“ Vergessen. Was würde ich nicht alles geben, diesen Bereich aus meinem Kopf zu löschen, wo sie liegen, die Erinnerungen. Wie sehr wünsche ich mir auf sie treffen zu können – und sie ist mir fremd. Nicht nur auf Grund ihres Verhaltens. Sondern, weil mir ihr Gesicht nichts mehr sagt.

Kokain soll mich vergessen machen. Den Kopf soll es mir freipusten. Ich blicke auf das weiße Pulver. Wie feiner Schnee liegt es unschuldig da, in einer sauberen Linie. Einen Schlussstrich ziehen, das ist es was ich will. Hier liegt er vor mir. Ich beuge mich über die Hand des Dealers und nehme den gerollten 50-Euroschein. Gerade als ich tief Luft holen will, um das Vergessen in mich aufzusaugen, schrecke ich zurück. Die Gestalt im Koksspiegel, die ich erblicke. Das bin nicht mehr ich. Mein Gollum hat die Überhand. Würde ich mich auf diesen Pfad begeben wäre dies vielleicht mein Ende. Aber ganz sicher nicht mein Lebensziel.

Ich muss nach Hause. Einen Schlussstrich muss ich ziehen, ja. Aber nicht gestreckt mit Süßstoff und Backpulver. Hat doch schon die bittere Medizin aus braunen Bügelflaschen und später die Breitbandinfusionen mit desinfizierendem Alkohol nichts gebracht. Ich muss es einsehen – für Herzschmerz gibt es kein Methadon.

All die Dinge, die mich auch nur entfernt an sie erinnern, werfe ich in ein postialisch gelbes trojanisches Pferd aus Pappkarton. Bücher mit verlogenen Widmungen. Liebesbriefe aus dem Urlaub, aus Liebe und aus Verzweiflung. Kleinigkeiten, die mich für immer an sie erinnern sollten. Unseren Kindern hätte ich sie gezeigt. How I met your fucking mother.

Ich lege einen Zettel dazu. Ich wünsche ihr nur das Schlechteste und prophezeie ihr, dass sie keines ihrer Lebensziele erreicht. Sie wird im Sand der Zeit keine Spuren hinterlassen. Nur Scherben.

Durchschaubares Klebeband bändigt meine pandorare Büchse. 500 Gramm schwere Erleichterung, herausgenommen, nah bei meinem Herzen. Der selbstinszenierte theatralische Suff beim Hass zusammenschüren in meinem Zimmer zeigt Wirkung. Der Alkohol als Entwicklerflüssigkeit für die Bilder in meinem Kopfkino. Fox tönende Wochenschau berichtet von ihrem Zusammenbruch. Die blecherne Stimme verkündet mit der Zuversicht meines Endsiegs: „Eine emotionale Briefbombe zerfetzte ihr das Herz. Völlig zerbombt ihre angeblich unschuldige Scheinwelt. Ihr Leben steht in Flammen.“ Ich will es nur noch brennen sehen.

Doch als die dunklen Gedankenwolken sich langsam lichten und die Ruinen meines geistigen Kriegsschauplatzes gegen sie, zu Tage treten sehe ich, dass ich nun mit leeren Händen dastehe. All mein Hass, mein Zorn, meine Wut, mein Unverständnis, ja und auch meine Restliebe – in einem Expresspäckchen auf dem Weg. Weg von mir.

Ich stehe zitternd vor der Post. Wann bin ICH, zum gefühlskalten, hasserfüllten Bösen in dieser Geschichte geworden?

Ich war ein Käpt’n Ahab. Segelte auf dem Meer der Tränen und jagte dem Wahnsinn anheim gefallen, nach dem Trübsal, das in Form des weißen Wales in der Ferne bläst. Und wie manch anderer, der losfuhr um seinen Horizont zu erweitern, stieß ich mit meinem Segelschiff auf gemalte Kulissen.

Es ist vorbei. Sie ist nur noch ein weiterer Zwischenstopp in meinem Laufpass. Meine Liebe wurde auf dem Stempelkissen zur letzten Ruhe gebettet. Eine angenehme Weiterreise, der Herr.

Ich rede ein letztes Mal über sie. Wenn Menschen für einen gestorben sind und weiterleben ist es nicht so einfach mit der Trauerbewältigung. Doch ich sehe jetzt klar. Auch wenn wir ein Paar wie Bernhard und Bianca waren – auch in unserem Fall war eine Fortsetzung keine gute Idee. Ich bedanke mich fürs zuhören und lege auf. Ein letztes Mal, die Dinge klarstellen, bei Menschen, die es nicht ändern können. Jeder Atemstoß, der jetzt noch ihren Namen formt ist ein missbrauchter.

Mein größtes Problem sind nun wieder die Plastiktüten an der Gemüsetheke, in unserem Edeka des Grauens.

Ich lebe mein Leben bis ich grün und blau davon werde. Schreibe weiter meine Biografie in roten Zahlen, denn es lebt sich gut, weit über der heimatlichen Landesgrenze und noch weiter über den Verhältnissen.
 

Ich lebe jetzt ein Leben, das ich nie haben wollte. 
Ich Idiot. 
Ist es doch um so vieles besser.

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25 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Großartig!

    24.11.2012, 17:38 von Line_Von_Miez
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    Unglaublich toll ge- und beschrieben

    22.11.2012, 00:40 von Buchsbaum
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    Interessant, wie man bei einem so niederdrückendem Inhalt so aufmunternt schreiben kann. :-)

    Schöne Zitate aus der Weltliteratur!

    18.11.2012, 20:09 von LudwigMartin
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  • 0

    Wenn die Restliebe einmal vorbei ist, wird alles besser. Aber im Liebesunglück sind schon die besten Texte entstanden. 

    Dein Sortiment an gut gewählter Sprache gefällt mir an diesem Text.

    18.11.2012, 15:30 von marco_frohberger
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    Sehr schön!

    16.11.2012, 17:39 von bierschnaps
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    "Wann bin ICH, zum gefühlskalten, hasserfüllten Bösen in dieser Geschichte geworden?">>> diese Frage stelle ich mir all zu oft...

    16.11.2012, 15:53 von Kronleuchter
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    für "gestorbene Würde" hat das noch ganz anständig lebendigen Tanz aufm Herzsarg.

    PS.
    Ich hab Kat Frankie n paar Mal in unsere WG gelassen. hätt ich's ihr verbieten solln, damit sie nich bekommt was sie will?  und wenn sie keiner mehr reinlässt, nicht auszudenken, wie wieviel herzzerissen trauriger ihre Musik noch werden würde.

    16.11.2012, 00:41 von schauby
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    Das Kokain war ein Griff ins Klischeeklo, aber der Rest des Textes ist das, was der Stuckdingsbarre gerne hätte schreiben wollen, als er dieses Solodings verbrochen hat.

    15.11.2012, 23:48 von frl_smilla
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  • 0

    Überragend! 

    15.11.2012, 22:53 von End-of-the-Sky
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    der text gefällt mir sehr gut, aber der titel passt für mich irgendwie nicht?! 

    15.11.2012, 17:50 von FrauTina
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