fabi-xo 09.12.2009, 16:45 Uhr 3 2

Der Tag, an dem die Müllabfuhr nicht kam

Vor drei Tagen hattest du mir gesagt, ich wäre nicht wie du, ich wäre nicht perfekt, ich wäre zu anders, du würdest mich nicht kennen.

Es klingelte. Es war acht Uhr abends, draußen war der Himmel schwarz.
Es klingelte noch einmal. Ich hörte es wie von fern. Es musste die Klingel gewesen sein, ich war allein.
Es klingelte ein drittes Mal und da rollte ich mich sehr langsam aus meinem Bett, aus dem wohl behütenden Nest, das ich mir erbaut hatte und schlurfte zur Tür.

Meine beste Freundin strahlte mich mit ihrem wunderschönen Lächeln an.
“Es ist Samstagabend. Heute gehen wir aus, tanzen. Du musst. Die anderen kommen auch.”
Ich schluckte, sie wartete gespannt meine Reaktion ab.
Ich verzog mein Gesicht zu einer Grimasse, die wohl sehr wenig Ähnlichkeit mit einem Lächeln hatte.
Ich begann zu weinen. Sie drückte mich fest an sich und wisperte in mein Ohr, viel mehr jedoch mitten in mein Elend: “Er ist es nicht wert.”

Seit drei Tagen hatte ich geweint.
Seit drei Tagen hatte ich nichts mehr gegessen.
Seit drei Tagen hatte ich meinem Alltag dabei zugesehen, wie er an mir in einem bunten Farbenschleier vorbeizog.
Seit drei Tagen hatte ich nichts anderes gemacht, als zu weinen und die Worte, die gefallen waren, immer und immer wieder in meinem Kopf zu wiederholen.
Seit drei Tagen war ich wieder allein.

Vor drei Tagen hattest du mir gesagt, ich wäre zu still, ich wäre nicht wie du, ich wäre nicht perfekt, ich wäre anders, zu anders.
Vor drei Tagen hattest du gesagt, du würdest mich nicht kennen.
Vor drei Tagen hattest du mir gesagt, du liebst mich nicht mehr.
Vor drei Tagen hatte mein Herz vergessen, was es heißt, zu schlagen.
Vor drei Tagen - nach genau sechs Monaten - hattest du das beendet, was mich überglücklich gemacht hatte.

Nachdem ich mich halbwegs beruhigte, drehte sie mich um und schob mich, vor den Spiegel.
Das Mädchen, das ich sah, blickte mir verweint und unglücklich in die Augen. Es schniefte laut. Es war blass, seine Augen waren gerötet, seine Haaren waren durcheinander.
Ich berührte das kalte Glas und erkannte, dass es wirklich ich war. Wie eine Geistiggestörte erschien ich mir.
“Das ist nicht dein wirkliches Ich. Du darfst nicht zulassen, dass er das aus dir macht.”
Aber, dachte ich, mich gibt es doch nicht mehr, ich atme nur noch.

Wieder nahm sie mich an den Schultern. Im Bad zog sie mich aus, als wäre ich eine Puppe und stellte mich unter das warme Wasser.
Wie in Trance wusch ich mich.
Sie föhnte mir die Haare, schminkte mich, half mir die Strumpfhose und das Kleid, das sie ausgesucht hatte, anzuziehen. Sie zwang mich etwas zu essen.
Ich war überrascht, das es schmeckte und bemerkte er jetzt, wie hungrig ich war.

Kurz bevor wir das Haus verließen, standen wir beide wieder vor dem Spiegel.
Da war ich. Ich erkannte mich. Gab es mich wirklich noch?
Neben meiner schillernden Freundin machte ich immer noch einen bedauernswerten Eindruck, aber, als ich mich an sie lehnte, kam mir das Bild vollkommen vor.
Sie legte ihren Arm um meine Taille.
“Wie fühlst du dich?”
“Ich fühle mich. Das ist die Hauptsache. Es ist gut.”
Sie drückte mich an sich. Unsere Seiten verschmolzen zu einer gemeinsamen.

Um zehn Uhr kamen wir an unserer Lieblingsdiskothek an.
Mein bester Freund, der wohl schon seit längerem nervös nach uns Ausschau gehalten hatte, nahm mich in seine Arme. Seine Wärme und seine schöne, brummende Stimme, die mir sagte, ich sähe wunderschön aus, ließen mich lächeln.
Er gab mir einen Kuss auf die Wange und flüsterte, es sei gut, dass ich den ersten Schritt zurück ins Leben gewagt hatte.

Durch den Alkohol begann sich die Welt zu drehen.
Ich lachte, weil ich mich wunderte, warum sie so umwerfend aussehen und sich weiterbewegen konnte, obwohl du nicht mehr neben mir standest, du sie nicht mehr mit deinem Licht ausfülltest.
Wir tanzten viel. Ich war wie in einem Rausch. Ich spürte mich. Ich merkte, dass es mich noch geben musste irgendwo unter all dem Schmerz.

Auf einmal küsste mich jemand. Ich hatte nicht bemerkt, dass ich mit einem Jungen getanzt hatte.
Er küsste mich. Ich küsste ihn.
Es war ein schönes Gefühl - bis ich anfing, ihn mit dir zu vergleichen.

Ich hatte keine Gefühle für ihn. Er küsste nicht so gut wie du.
Warum küsste ich ihn überhaupt? Ich wusste nicht einmal seinen Namen.
Er schmeckte nach Pfefferminze und roch nach Rasierschaum, deinem Rasierschaum.
Ich drehte mein Gesicht weg von ihm. Eine Träne lief über mein Gesicht.
Durch einen Schleier sah ich jemanden auf mich zukommen, schnell und groß. Er zog mich aus den Armen des anderen.

Er stützte mich.
Seine Wärme umschloss mich.
“Was machst du denn?”
Ich kannte seine Stimme.
Nun weinte ich wieder.
Es war mein bester Freund, der mich aus dieser, meiner persönlichen Hölle gerettet hatte.

Er brachte mich nach Hause, legte sich neben mich aufs Bett.
Ich lag auf seiner Brust, weinte sein T-Shirt nass und lauschte seinem Herzschlag.
Er strich beruhigend mit seiner Hand über meinen Rücken.
Ich weiß nicht, wie lange wir so dalagen, wie lange ich weinte.
Ich kam mir vor wie eine kleines, dummes Kind - aber ich war ja auch eines.

“Es tut mir…”
“Dir muss gar nichts leid tun!” Er klang zornig.
“Ihm sollte es leid tun, dass er so etwas aus dir gemacht hat. Du bist wunderbar, so wie du bist und wenn er das nicht erkennt, dann hat er dich nicht verdient.”
Er nahm meine Hand.
“Lass dir bloß nicht etwas von ihm einreden. Du bist das schönste Mädchen, das es gibt, auf der Welt, gerade weil du anders bist, weil man viel Zeit braucht, um dich kennenzulernen.”

Ich nahm unser ineinandergeschlossene Hände und drückte sie fest an meine Brust.
Und da spürte ich es.
Mein Herz schlug wieder.
Meine besten Freunde hatten mich gerettet - beide, auf ihre Weise, auf ihre ganz eigene

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Kommentare

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    ich hoffe er hat Dich nicht wirklich zur Begrüßung auf die Backe gekuesst. Vielleicht war es ja auch die Wange ...

    14.12.2009, 16:32 von Seerosengiesser
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    ich muss fast weinen...
    wenn andere dir sagen "vergiss ihn.." aber er bis vor paar tagen noch dein leben war. oder immer noch ist.
    es ist nicht einfach...
    hoffentlich gehts dir schon viel besser!

    09.12.2009, 19:48 von allthatshewants
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    schön. traurig. beides...mir ists neulich so ähnlich gegangen. dann bin ich viel zu spät viel zu weit mit dem zug gefahren, um bei meinem besten freund zu sein. und es war das beste was ich tun konnte. wünsch dir viel kraft.

    09.12.2009, 18:17 von arc-en-ciel
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