Christine_Fenger 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 22

Der Spiegeltyp

Du bist in einer Beziehung, alles läuft gut ... bis auf dieses Gefühl, dass da irgendwo noch was Aufregenderes, Wilderes auf dich warten könnte? Oh je.

Irgendwas ist immer«, so heißt ein Lied der Band Britta. Irgendwas ist immer – auch in der funktionierendsten Beziehung der Welt. Mit anderen Worten: Ein einziger Mensch kann niemals und unter keinen Umständen in sich vereinen, was man sich theoretisch nun mal von dem Menschen wünscht, mit dem man eine Beziehung führt. Bestenfalls kriegt man 70 Prozent. Die anderen 30 Prozent laufen garantiert irgendwo draußen in der Gegend rum und sind damit beschäftigt, furchtbar sexy zu sein. Wenn man sie zufällig trifft, sagen wir, leicht angeschlagen an einem verregneten Donnerstagabend am Tresen der Lieblingsbar, ist man erst mal verloren.

Idealtypisches Beispiel? Okay. Verena und Kai leben seit zwei Jahren ihren Altbautraum im Hamburger Schanzenviertel. Was Verena an Kai liebt: seine umwerfende Art, mit Menschen auszukommen, seinen Witz, seinen Ehrgeiz und dass er freiwillig den Müll runterbringt. Außerdem küsst er ausgesprochen gut. Verena ist sich sehr sicher mit ihrem Freund. Sie fühlt sich glücklich. Oder kann sie sich nur nicht beklagen? Dann ist da plötzlich dieses seltsame Gefühl, das sie beschleicht, wenn sie Kai bei der Mülltrennung oder bei seinen Fernsehgewohnheiten beobachtet: Ist es womöglich etwas übertrieben, jeden Aluminiumdeckel vom Joghurtbecher einzeln zu »entsorgen«? Ist es nicht ein Zeichen von unglaublicher Schrägheit, sonntags »Lindenstraße « schauen zu müssen? Aber vor allem: Sind diese kleinen, alltäglichen Schrullen ein Hinweis auf noch viel größere, bisher gnädig im Verborgenen gebliebene Schrullen?

Verena gerät ins Zweifeln. »Es sind keine süßen Marotten, über die man zusammen lacht. Diese Mülltrennungsgeschichten jagen mir echte Angst ein«, sagt Verena. »Ich glaube, ich fürchte mich heimlich davor, dass ich immer so leben werde. Dass nichts mehr passiert.« – »Liebe Verena«, sagen ihre Freundinnen, »so ist das, wenn man mit seinem Partner zusammenlebt. Du kannst nicht ununterbrochen die Anfangsaufregung haben. Machst du dir auch Gedanken da - rüber, was Kai an dir auf die Nerven geht?«
Verena mochte die Anfangsaufregung, die mittlerweile einem dezenten Überdruss gewichen ist, eigentlich ganz gern. Sie hat keine Lust, den ganzen Tag im Büro zu sitzen und abends dann auch noch an ihrer Beziehung zu arbeiten. Sie sehnt sich nach etwas, das von selbst funktioniert. Sie ist bereit für ein Abenteuer. Sie ist bereit für: den Spiegelmann.

Es kommt der Donnerstagabend, an dem Verena leicht angeschlagen vom Job, vom Wetter und von Kai am Tresen ihrer Lieblingsbar steht. Verenas Spiegelmann trägt schwarze Röhrenjeans, raucht filterlose Marlboros aus dem Softpack und trinkt Wodka. Er heißt Joseph, spielt Bass in einer Band, ernährt sich hauptsächlich von Junkfood und hat noch nie etwas von einer deutschen Fernsehserie namens »Lindenstraße« gehört.

Kurzum: Joseph hat vieles von dem, was Verena glühend an Kai vermisst. Sie stürzt sich in eine Affäre mit ihm, und je öfter sie Joseph sieht, desto unattraktiver erscheint Verena ihre beschauliche Beziehung mit Kai. Sie versucht zu überspielen, dass sie es nicht mehr erträgt, wenn er sie anfasst. Der Gedanke an die seit langem geplanten Ferien macht ihr starke Kopfschmerzen. Sie wird zu einer Schauspielerin, die jeden Abend auf dem Dielenboden ihrer gemeinsamen Wohnung ein neues Stück aufführt. Joseph, der Spiegelmann. Wie ein blank polierter Vergrößerungsspiegel reflektieren Typen wie er die verstopften Poren und eingewachsenen Härchen der Beziehung, in der man gerade steckt. Du schaust sie verknallt von der Seite an – und in Wirklichkeit siehst du dein eigenes Elend. Sicher, zu Hause ist es warm und kuschelig, aber wäre auf dem Tagesplan des Lebens nicht eigentlich mal wieder Zeit für eine Doppelstunde Rock ’n’ Roll?

Spiegelmänner und -frauen sind die 30 Prozent, die einem in der eigenen Beziehung fehlen. Das macht sie so außerordentlich reizvoll. Sie tauchen aus dem Nichts auf und bauen blitzschnell Nester in deinem Herzen und deinem Hirn. Einem Spiegelmann oder einer Spiegelfrau zu verfallen, bedeutet meistens auch Sex. Dabei handelt es sich selbstverständlich nicht um Kose namen-Wellness-Sex. Sondern um atemlosen, dramatischen, verbotenen Sex. Die Art von Sex, der nicht unbedingt dazu beiträgt, eine Gesamtlebenssituation rational einzuschätzen.

Es gibt Menschen, die für Spiegelmänner und -frauen besonders anfällig sind. Es sind die getriebenen Romantiker. Sie fallen von einem Extrem ins andere. Von der harmonischen, neobürgerlichen Idylle zu einem Joseph, der nur ein einziges Set löchriger Bettwäsche besitzt. Von der freundlichen Germanistikstudentin mit einer Vorliebe für Antiquariate zur kiffenden, hünenhaften, ganzkörpertätowierten Eisverkäuferin. Dadurch haben sie das Gefühl, stärker am Leben teilzunehmen. Mehr zu leben. Pragmatische Charaktere schaffen es dagegen, ihren Spiegeltypen zu widerstehen – und, richtig, den Alkoholkonsum zu drosseln, nach Hause zu gehen und sich um den Partner zu kümmern. Verena weiß, dass Kai sie uneingeschränkt liebt. Wahrscheinlich mehr als sie ihn. Die bösen, gefährlichen 30-Prozent-Abenteuer-Josephs suchen sich immer den stärkeren Part einer Gefällebeziehung. Woran erkennt man, dass man der stärkere Part in einer Beziehung ist? Einfach: Man wird von der leisen Ahnung gequält, dass man den anderen eines Tages verlassen wird. Man schiebt diese Ahnung weg. Und hofft, niemals zum schwachen Part zu werden. Denn man ist ja bestens mit den Symptomen des schleichenden Sichentziehens vertraut: allein sein wollen, gemeinsame Pläne vertagen, plötzlich auftauchende neue Interessen, emotionale Abwesenheit. All das bei seinem Partner zu spüren, tut natürlich weh.

Auch Kai spürt, dass Verena sich von ihm entfernt. Er überschüttet sie mit Zuneigung. Aber nachts liegt Verena neben ihrem schlafenden Freund und starrt an die Zimmerdecke. In diesen Nächten fühlt sie, dass die Luft langsam dünner wird. Sie sehnt sich nach Joseph. Oder sehnt sie sich nur raus aus dieser Beziehung, weg von Kai? Sie beschließt, Joseph noch mal zu sehen. Ist er es wert, dass sie Kai für ihn verlässt? »Nein!«, schreien die Freundinnen ins Telefon. »Sei nicht blöd! Kai und du, ihr seid ein schönes Paar. Was ist mit unseren lustigen Pärchenabenden, wenn ihr nicht mehr zusammen seid?« Es sind Freundinnen, die niemals freiwillig ein Risiko eingehen würden.

Bei ihrer letzten Verabredung mit Joseph hat Verena vergessen, ihr Handy leise zu stellen. Während sie also mit ihrem Spiegelmann auf dem Sperrmüllsofa seiner Sperrmüllwohnung rummachte, kam einen SMS von Kai: »Koche Thaisuppe. Gut gegen schlechte Laune. Wo bist du?« Verena steigt auf ihr Fahrrad, radelt nach Hause und löffelt Thaisuppe. Sie ist auf dem besten Weg, ein klassisches Doppelleben zu führen.

Ach, das klingt alles wahnsinnig zynisch, sogar hoffnungslos, nicht wahr? Gibt es keine Medizin, die einen gegen Spiegeltypen immun macht? Schlechte Nachricht: Nein, diese Medizin gibt es nicht. Wahrscheinlich ist der beste Schutz gegen Spiegeltypen der, dass man sich bewusst macht, dass es sie überhaupt gibt. Und dass sie zwar ungeheuer sexy sind, aber durchschnittlich nur 30 Prozent dessen in sich vereinen, was man sucht. 30 Prozent reichen für eine Hochzeit in Las Vegas. Aber nicht für ein Leben. Verena sieht die Sache inzwischen so: Sie hat sich mit Josephs Hilfe aus ihrer langweiligen Beziehung befreit. Dafür musste sie Kai das Herz brechen. Sie hat ein schlechtes Gewissen, vermisst ihn als Gesprächspartner. Jetzt befindet sie sich in einer nervenaufreibenden On-and-Off-Beziehung mit Joseph, es fließt viel Wodka. Bald wird der Moment kommen, da sie sich wieder nach der Geborgenheit einer geschmackvollen Altbauwohnung sehnen wird. Irgendwas ist immer.


Tags: Liebeskummer, Fremdgehen, Eifersucht
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