zzebra 25.02.2007, 12:05 Uhr 2 2

Der Sehnzuchtgarten

Nein, er würde nicht zurückkehren. Denn er war nie fortgegangen. Weil Rost zusammenhält und sich hinter Blätterlidern Seelen umschlingen.

Die Tage voll Sonne waren die besten. Wenn feuchte Erde zwischen den Fingern krumte, wenn er den Boden durchwühlte, den Blick über das schweifen ließ, was unter fleißiger Obhut gewachsen war: Tag für Tag, Jahr für Jahr. Ein buntes Geflecht voller saftiger Früchte neben Millionen anderer kleiner Gärten, die sich an seinen reihten, eine endlose Armada an Heimat, Geborgenheit, Ankunft, Fülle. Die Suche nach den Antworten als Weg zur Lösung findend.

Mit stillem zufriedenen Lächeln begoss er die Vertrautheit, die er liebte, ein Lächeln so tief, als hätten seine Füße selbst Wurzeln geschlagen. Dankbare Wurzeln, eins mit dem Holzhäuschen, dessen wettergegerbte Maserung einen schützenden Anstrich herbeisehnte und heute abermals nur ein zustimmendes Nicken erhielt, unter dem es auch erglänzen konnte. Eins mit der halbhohen Linde, auf die man bereits klettern konnte, dort, inmitten des Wiesenstücks, das er ungemäht beließ, um sich von kniehohen Gräsern eingerahmt auf den Rücken in einen dichten Teppich legen zu können, in die Welt zu starren, die sich erst hinter wisperndem grünen Blätterwerk, dann hinter seinen geschlossenen Lidern abspielte. Eins mit dem kleinen Tor, das an besonders trübsinnigen Tagen einladend offen stand, er wusste nicht, warum. Als hätte ein niemals liefernder Bote erneut eine Einladung geschickt.

"Lass mich bei dir sein!", hörte er in solchen Augenblicken einen Ruf in sich, schwach, aber stark genug, um nie zu enden, so wusste er.

"Ich kann nicht...", erwiderte er stumm. "Es darf nicht sein..."

Eine andere Antwort war nicht zu finden.

Das Gatter rastete schon lange nicht mehr ein. Das Schloss hing defekt in der verrosteten Verankerung. Der Zaun: eine lächerliche Barriere, als wäre sie müde vom vielen Schützen. Mit einem Sprung, den man kaum als kühn bezeichnet konnte, war die Wehmut zu bezwingen. Ein schwelender Freudentaumel und ein zuverlässiges Umklammern gleichermaßen. Wenn er die Hand auf die eiserne Klinke legte, blieb manchmal ein wenig Rost kleben, ein feiner brauner Staub, der sich in die Falten seiner Hand schmiegte als wären sie dessen Nest.

Er sprach gerne mit dem Wind, denn die besten Antworten ruhten in ihm. An die Linde gelehnt oder die Holzwand, den Blick ganz weit, das Herz ein Seufzen, die Tiefe endlos schwer, fragte er nachdenklich in sich hinein, warum er nicht diesem Ruf folgte.

"Wie viele Gärten kann man bewirtschaften?", dozierte der Agrartechniker in ihm vorwurfsvoll.

"Was, wenn die Erde nichts hergibt?", jammerte der Zweifler. "Hier. Dort?"

"Warum genügt dir der eine nicht?", wunderte sich seine Sehnsucht.

Warum genügt mir der eine nicht.
Warum nur.

"Weil ich liebe", blieb er und alles in solchen Augenblicken stumm. "Nur weil ich liebe, weiter nichts. Weil kein Tag vergeht, an dem ich in mir nicht diesen einen Garten erahne, weit weg, unerreichbar, ein Ort, der mir so vertraut wie fremd erscheint, den ich manchmal bemerke, wenn ich mit den Fingern in die feuchte Erde fahre, um einen Keimling zurecht zu rücken. Weil mein Platz ein anderer sein könnte, nicht in irgendeinem, sondern in diesem einen Garten, den ich nicht teile. Als hätten meine Wurzeln hier unter der Erde ausgetrieben und sich heimlich kilometerweit verrankt. Als riefen sie von fern nach mir. Nur deswegen."

Er stellte sich vor, seine Tulpen, Sträucher, Tomatenstauden einzuebnen, eine Startbahn zu betonieren und für immer abzuheben. Noch im Steigflug fiel sein Blick aus dem Fenster hinab auf die Piste und sein Herz krampfte sich zusammen und schrie verzweifelt auf; alles Schaffen, alle Überzeugung, alle Philosophie schienen niedergewalzt, verraten. Zerplatzt zu einem Blick hinauf zu den Blättern der Linde, gefangen in einem weisen Lächeln, dass diese Art Treuebruch eine hoffnungslose Grundlage war, zerplatzte alle Hoffnung auf Befreiung versickerte traurig in einer Wolke, in die sich ein Kondensstreifen schob und die der Himmel beide mit sich fortriss und auflöste.

Er malte sich aus, sich den Bauch voll zu schlagen mit Gemüse, Obst, den Früchten seiner Hände, begann Raubbau zu betreiben an den Köstlichkeiten und Annehmlichkeiten seiner vertrauten Umgebung, aber mit jedem gierigen Bissen litt die Schönheit, und mit der Schönheit starb auch der Wunsch zu entfliehen und unerträgliche Bauchschmerzen verlitten allen gierigen Genuss.

"Du brauchst nicht wegzugehen", hauchte eines Nachmittags ein Nordwind. "Ich weiß dein Herz, dein Lächeln bei mir. Leide nicht. Ich fühle deine Liebe, wie sie aufbegehrt. Aber wenn du sie nicht beschneidest wie deine Rosen, wenn du ihnen nicht die Triebe kürzt wie den Erdbeeren, wird sie alles überranken und erdrücken und ersticken, dich dazu und ganz am Ende: sich. Pflege dieses Pflänzchen in dir, lass es unter den Lidern deiner himmelwärts gerichteten Lindenblicke erblühen und erfreue dich, dass du niemals einsam sein wirst."

"Und du?", warf er ein und pflügte den Spaten wutentbrannt und herzentflammt in die Erde, dass die Saat seines Zorns eine junge Wurzel spaltete.

Da verstummte der Wind plötzlich und die Luft stand still unter dem ersterbendem Blitz eines Traumes, der lange als warnendes Grollen nachhallte. Wie eine Statue aus gefesselter Sehnsucht und ohnmächtiger Sorge stützte er sich auf den Stiel.

Sie kamen alle, um ihn zu trösten, zu ermahnen, zurechtzurücken: wärmende Sommersonne erzeugte kleine Bahnen aus Schweiß auf seinem Rücken, peitschender Regen stach ihm ins Gesicht, Schnee legte sich wie eine kalte, schützende Decke über ihn.

Inmitten alldem oder auch irgendwann oder eben hin und wieder fiel sein Blick auf das vertraute Häuschen, das gestrichen werden, die Hecke, die beschnitten werden musste. Er bemerkte, dass das Gras beim Gatter gekürzt gehörte und die überreifen Tomaten bereiteten ihm ein schlechtes Gewissen.

Dann war es, als kehrte die Stimme zurück, von Nord, unter dem Blätterdach hervor, aus ihm, wer wusste das schon.

"Du musst lernen, dir selbst Antworten zu suchen", hauchte die Stimme des Windes ihm einen Kuss zu, und für einen Moment berührten sich zwei Zungen, so zart und wild, wie er es in Erinnerung behalten hatte, tief umschlungen. Dann drückte er eine Träne weg und nahm sich vor, gleich morgen früh die Bretterwand mit Holzschutz zu behandeln und den ewigen Rost an seinen Händen an seinem Hemd abzustreifen. Am besten an der Stelle, die direkt über seinem Herzen lag.

Während all der notwendigen Geschäftigkeit ging ihm nachdenklich durch den Kopf:

"Die Tage voll Sonne waren die besten. Wenn feuchte Erde zwischen den Fingern krumt. Wenn ich den Boden durchwühle, den Blick über das schweifen lasse, was unter fleißiger Obhut gewachsen ist: Tag für Tag, Jahr für Jahr. Ein buntes Geflecht voller saftiger Früchte neben Millionen anderer kleiner Gärten, die sich an meinen reihen, eine endlose Armada an Heimat, Geborgenheit, Ankunft, Fülle."

Seine Suche nach Antworten als Weg zur Lösung findend.

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2 Antworten

Kommentare

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    Als natur- und wortliebender Mensch muss ich hier auch unbedingt eine Empfehlung hinterlassen.

    Dein Text hat mich an vieles erinnert. Danke dir!

    27.02.2007, 12:27 von NinaBerth
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    Sehr schöne Umschreibungen und Bilder! Meine Empfehlung!

    25.02.2007, 13:34 von Hild
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