0816 21.12.2008, 00:19 Uhr 8 5

Der Schmerz dich zu lieben.

Beim ersten Schritt auf einem neuen Bahnsteig hoffe ich immer, dass die Welt für einen kurzen Moment anhält, mich wahrnimmt und sich dann weiterdreht.

Aber das tut sie nicht. Natürlich nicht. Auch nicht an diesem Abend am Bahnhof, als ich nach langer Zeit wieder einmal den Bahnsteig meiner Heimatstadt betrete.

Merkwürdig ist es. So vertraut und doch entdecke ich kleine Veränderungen. Dort ein neues Geschäft, da ein neues Gebäude. Seit langer Zeit brauche ich ausnahmsweise keinen Stadtplan mehr und ich muss auch niemanden fragen, wo sich das Stadtarchiv befindet. Das hier ist meine Stadt. Die Stadt mit den ersten, schönsten, traurigsten, lustigsten - eben mit meinen Erinnerungen.
Die Stadt, in der du bist, in der wir waren.

Während ich durch die Straßen schlendere, versuche ich alle unsere gemeinsamen Erinnerungen wieder aus mir herauszuholen und sie in dieser Stadt, in der sie entstanden, wieder lebendig werden zu lassen. Einige Stunden gewähre ich ihnen Ausgang, bevor ich sie alle wieder einzeln einsammle und tief in meinem Inneren vergrabe.

Ich muss an unsere letzten Gespräche denken. Wie wir uns gegenseitig versichert haben, dass das Herz dem anderen versprochen ist. Für immer und ewig. Bis an unser bitteres Ende.
Wie sehr sie mich getröstet und auch gelegentlich gerettet haben. Deine letzten Worte vor der großen Stille.

Und plötzlich – während ich unsere gemeinsamen Erinnerungen genieße und meinem Herzen noch einmal deine letzten Worte vorspreche, entdecke ich dich in den Massen. Du bemerkst mich zuerst gar nicht, doch dann bleibt dein Blick an meinem hängen. Deine Augen weiten sich, aber du gehst weiter. Einfach weiter. Doch dann fällt mein Blick auf die Person, die ein wenig hinter dir geht. Immer noch sie. Immer noch nicht ich.
Schnell hat der eisige Wind, der mich plötzlich umgibt, die Erinnerungen weggeweht und mit ihm sind auch deine letzten Worte verschwunden und ich frage mich, ob es sie wirklich jemals gegeben hat.

Ich gehe schnell weiter. Du drehst dich kein einziges Mal um. Aus Respekt, aus Liebe, aus Angst vor ihr, um sie nicht zu verletzen. Dabei bemerkst du gar nicht, wen du am meisten damit verletzt, die letzten Jahre immer wieder verletzt hast.

Klar denken kann ich auch einige Zeit später immer noch nicht. Ich kann einfach immer noch nicht glauben, was aus uns, den größten Idealisten, geworden ist. Aneinander vorbeigehen und so tun, als ob wir uns nie gekannt, nie geküsst, nie geliebt hätten. Und das eigentlich für immer und ewig.
Ich konnte nichts aus deinen Augen lesen, was mich erkannt hätte. Und ich glaube, dass dein Herz das Versprechen, das es mir einst gegeben hat, vergessen hat. Schon längst vergessen hat.

Einzig der Gedanke, dass ihr zwei besser ausseht, als wir zwei es jemals zusammen getan hätten, dass sie viel besser zu dir passt, zu deinem Bild, tröstet mich.

Verwirrt irre ich durch die Straßen, die Massen und fühle mich zum ersten Mal fremd und verloren in dieser Stadt. In meiner Stadt.

Und ich merke, dass diese Stadt nicht mehr nur meine Heimat ist, sondern mein Fluch ist. Vor allem mein Fluch.
Dass ich nicht mehr durch diese Straßen gehen kann, ohne die vielen Erinnerungen. An dich. Ohne die Angst. Dich zu treffen. Ohne die Hoffnung. Dir doch vielleicht zu begegnen.
In dieser Stadt kann ich nicht mehr ich sein. Egal, was ich mache, wen ich besuche, wohin ich auch gehe – dein Ich verfolgt mich, verschlingt mich letztendlich – bis nichts mehr von mir übrig ist. Du und deine Welt, in die du mich nicht aufnehmen wolltest. Überall.

Und ich erinnere mich wieder, warum ich damals ging: ich habe es nicht mehr ausgehalten, du und ich – wir waren zu groß, zu zerstörerisch für den anderen – in nur einer Stadt.

Das einzige Mittel, dass ich bis jetzt gegen dich gefunden habe, ist eine neue Stadt. Eine in der es dich nicht gibt, in der du deine Spuren nicht verbreitet hast, in der ich frei atmen kann. Auch wenn ich mich abends manchmal einsam fühle, auch wenn ich in dieser Stadt vielleicht nicht die schönsten, traurigsten und lustigsten Erinnerungen sammeln werde, so gibt es wenigstens keine Angst und keine Erniedrigung, die mich immer bei Gang durch meine Heimatstadt, bei unseren Begegnungen durchströmen.

Und vielleicht gelingt es mir in dieser neuen Stadt endlich das, was sich in mir scheinbar verewigt hat: ihn zu überwinden.

Den Schmerz dich zu lieben.

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8 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Dieses Gefühl kene ich und würde auch sehr gerne darauf verzichten.

    Schön geschrieben.

    09.02.2009, 21:33 von Lew
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  • 0

    schick geschrieben, auch wenn ich das Gefühl nicht kenne...

    22.01.2009, 16:35 von DasDing
    • 0

      @DasDing du verpasst nichts, wenn dir dieses gefühl entgeht. eher im gegenteil: sei froh...

      24.01.2009, 15:55 von 0816
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    fein

    07.01.2009, 16:50 von Zuendy
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    große liebe, kleine stadt. oder?

    03.01.2009, 20:31 von Kocmonabt
    • 0

      @Kocmonabt so ungefähr...

      04.01.2009, 19:02 von 0816
    • 0

      @0816 klarer tipp:
      --> größere stadt, größere liebe.

      vg k

      04.01.2009, 19:30 von Kocmonabt
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    Gefällt mir gut. Schöner Text!

    01.01.2009, 23:58 von TajAway...
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    so schön geschrieben. danke dafür.

    29.12.2008, 00:11 von rocknrollgirl
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    absolut klasse!! respekt

    28.12.2008, 20:52 von aldianer
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    That´s it!! Kenne die Situation nur zu gut! Sehr schön geschrieben!

    Grüße Maxxx

    21.12.2008, 11:29 von MaxxxPower
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