init-admin 14.04.2011, 14:10 Uhr 0 2

Der protzigste Tag des Lebens

Kutsche und »Rehearsal Dinner«: Seit neuestem gibt man sich beim Heiraten blaublütig. Schuld daran sind William und Kate.

Drei Einladungen im Briefkasten, es geht wieder los. Die erste Hochzeit der Saison findet in Malaga statt (die Freundin heiratet einen Spanier). Flug 200 Euro, Hotelkosten rund 700 Euro. Die zweite Ehe wird auf einem Gut in der Eifel geschlossen, der Dresscode lautet »black tie«, sprich: Smoking und Abendkleid. Und mit der dritten Hochzeitseinladung flattert gleich noch das »Save the date « für den Junggesellenabschied herein: ein Partywochenende in Prag.

Sind denn alle größenwahnsinnig geworden? Warum sind Hochzeiten heute Events, die die Gäste ganze Monatsgehälter kosten? Klar: Heiraten war seit jeher eine Art Leistungsschau, mit der Familien zeigen wollten, was sie besaßen. Man denke nur an die Tradition, dass die Brauteltern das Fest ausrichten. Oder dass die Braut eine Mitgift erhält. Neu ist der Wunsch, die Fesseln der Mittelschicht abzulegen und einen Tag lang auf Adel zu machen. Auch Jacqueline und Silvio aus Köln-Deutz fahren heute in einer Kutsche vor.

Schuld daran sind William, Kate, Victoria, Daniel, Felipe und Letizia. Mit ihren von »Bunte«, »Gala« und »TV-Adelsexperten« reichlich ausgewalzten Hochzeiten haben sie die Blaupause zum formvollendeten Jawort geschaffen. Politisch längst bedeutungslos, setzt der europäische Hochadel anscheinend noch immer die Standards in Stilfragen. Dabei ist Heiraten (und Sichfortpflanzen) eigentlich das Einzige, was die Royals noch machen. Mit ihrer kitschigen Familien-PR sichern sie sich das Wohlwollen ihrer Landsleute. Und so ihre Existenz.

Das Volk gerät bei so viel Reichtum und öffentlich zelebrierter Liebe ins Träumen - und will alles ganz genauso haben. »Hochzeiten werden immer aufwendiger«, sagt Melanie Schmitz, Hochzeitsplanerin aus Hamburg. »Die Gästezahl ist zwar seit Jahren konstant, aber der Anspruch, was den Gästen geboten werden soll, wird immer höher.« Kutsche, Oldtimer, weiße Tauben: Was früher nur den Reichen vorbehalten war, kann sich heute theoretisch jeder leisten - die Konsum- und Dienstleistungsmöglichkeiten sind unbegrenzt, der Kleinmädchentraum ist machbar. »Sogar toughe Geschäftsfrauen haben den Wunsch, einmal im Leben Prinzessin zu sein«, sagt Hochzeitsplanerin Melanie Schmitz.

20 000 bis 30 000 Euro geben Paare im Durchschnitt für ihre Hochzeit aus: den vielleicht schönsten Tag ihres Lebens, ganz sicher aber den teuersten. Der Trend geht zur Nobellokalität: Schlösser und Burgen sind die meistgefragten Veranstaltungsorte. Allein die Strathmann GmbH, zu der drei Schlösser beziehungsweise Herrenhäuser bei Hamburg gehören, richtet pro Jahr 120 Hochzeiten aus, jeden dritten Tag eine. Auch die Paare, die sich kein Schloss leisten können, schmücken sich gern mit dem royalen Ambiente: Geht man an einem sonnigen Wochenende durch einen beliebigen deutschen Schlosspark, lugt hinter jedem zweiten Baum verschmitzt ein Hochzeitspaar hervor - in der Dorffotografen-Standardpose (er umfasst sie von hinten).

Warum übt das Aristokratische einen solchen Reiz aus? Natürlich geht es den Paaren um Ästhetik: Ein Schlosspark macht sich auf den Hochzeitsfotos besser als der Grünstreifen vor dem Landgasthof. Aber vor allem geht es darum, sich und den anderen zu versichern, dass man es sich leisten kann: Hochzeiten sind Statussymbole. Und ihre pompöse Inszenierung vor allem eine Abgrenzung nach unten.

Dass Hochzeiten immer kostspieliger werden, liegt auf der Hand: Das Heiratsalter stieg allein in den vergangenen zwei Jahrzehnten um drei Jahre. Je später geheiratet wird, desto mehr Geld haben die Brautleute zur Verfügung. Nur noch selten richten die Eltern die Hochzeit aus, die Paare bestimmen selbst das Budget. Hinzu kommt, dass Heiraten heute eine andere Bedeutung hat als früher. Die Skepsis und Neugier, die aus den Gesichtern der Brautpaare auf alten Fotografien spricht, gibt es nicht mehr. Heute belohnen sich Paare mit Hochzeiten. Psychologisch ist das nachvollziehbar: Was unsicherer geworden ist, wird stärker bekräftigt. Man gehört ja nicht zu den vierzig Prozent, die sich wieder scheiden lassen.

Seit neuestem ist es in Mode, Dresscodes in der Einladung mit anzugeben - als bestünde ernsthaft die Gefahr, die Gäste würden im T-Shirt auftauchen. Wie bei den Royals ist auch die Welt der bürgerlichen Hochzeiten eine Welt der strengen Regeln: bitte Geld schenken, Fotos nicht auf Facebook stellen, Darbietungen vorher ankündigen. Und auch, was nicht als Regel formuliert ist, hat Aufforderungscharakter: Am besten die Hochzeitsgäste übernachten im nahe gelegenen Hotel (DZ ab 150 Euro). Und: Wer will, kann beim »Rehearsal Dinner«, einem Kennenlernessen am Vorabend, schon mal die Beiträge proben. Immer neue »Traditionen« werden ausgerufen, vom Junggesellenabschied über den Pre-Wedding- Brunch bis zum Fotonachtreffen. Dass die Kosten für all das die finanziellen Möglichkeiten der Gäste übersteigen, traut sich keiner von ihnen zu sagen. Der schönste Tag im Leben der Freunde ist sakrosankt. Man hat dankbar zu sein, wenn einem die Gelegenheit gegeben wird, sich an Wachtelbrust auf Thymianjus und dem Anblick einer Schlosskulisse zu laben. Als Gast hat man bei solchen Hochzeiten das Gefühl, bloßes Jubelvolk zu sein. In einer von einem britischen Hochzeitsveranstalter in Auftrag gegebenen Studie gaben von tausend Frauen, die bald heiraten, sechzig Prozent an, dass es ihnen am wichtigsten sei, bei den Gästen das Gefühl zu erzeugen, ihre Hochzeit sei die beste, zu der sie jemals gegangen sind.

Kate Middleton weiß, wie groß der Unterschied zwischen ihrem alten und ihrem neuen Leben ist: Ihre Eltern sind mit einem Unternehmen für Partyzubehör reich geworden. Auch ein Set für eine »Princess Party« gehört dazu. Damit konnte jedes Mädchen einen Tag Prinzessin spielen. Am nächsten Tag lag der Traum vom besseren Leben im Müll.

Text: Theresa Feldmann

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