Dropsknopf 30.11.-0001, 00:00 Uhr 4 2

Der naive Klumpen

Und plötzlich wird es einfach unerträglich. Also fasse ich mir kurzentschlossen an die Brust und reiße es einfach heraus.

Und plötzlich wird es einfach unerträglich. Also fasse ich mir kurzentschlossen an die Brust und reiße es einfach heraus. Ein paar Sekunden glotze ich es einfach nur an, wie es ungläubig in meiner Hand pulsiert, verunsichert, welchen Rythmus es finden solle. Ich ebenfalls ungläubig, dass dieses mickrige Ding mich so quälen kann, indem es Nichtigkeiten zerfühlt, deren emotionale Ausdünstungen dann meinen Kopf verpesten und mir die Luft zum Atmen nehmen. Jetzt hat es seinen Takt gefunden und pocht gemächlich vor sich hin. Ich werde wütend. Dann fange ich an, darauf einzuprügeln.

Wumm! Für all die Male, in denen du mir versichert hast, er sei der Richtige. Klatsch! Für all die Male, wo du behauptet hast, ich täte genau das Richtige. Bumm! Zack! Du bist eine elende Lügnerin! Dir kann man nicht trauen. Wumm! Zack! Klatsch!

Erschöpft schaue ich in meine Hand. Es rührt sich nicht mehr, dieser jetzt unförmige rotbraune Klumpen. Meine Hand wird feucht. Das Blut sickert langsam durch meine Finger und jeder Tropfen knallt ohrenbetäubend auf dem Boden auf. Wie es so daliegt, geschunden und wehrlos, tut es mir fast ein wenig leid. Eigentlich ist es ja genauso ahnungslos wie ich. Vielleicht hat es eine zu große Klappe. Es prahlt gern mit Wissen, das sich im Nachhinein meist als Vermutung, letztendlich immer als willkürliche Behauptung entpuppt. Aber egal, es wird mit Überzeugung verteidigt, bis die Realität jeden Zweifel zerfleischt und das zurückbleibt, was ich jetzt als Lügen beschrien habe. Und die Scham über diese Fehleinschätzung. Und die Traurigkeit.

Jetzt habe ich Mitleid. Weil es naiv ist und gutgläubig und verzweiflungserregend vertrauensselig. Es will mich nicht anlügen, wird mir klar. Es weiß es einfach nicht besser. Ich seufze. Mit der freien Hand streichle ich vorsichtig über die weiche Oberfläche und fühle, wie die Adern sich schreckhaft zusammenziehen. Zärtlich versuchen sich meine Finger zu versöhnen, jede Berührung eine Entschuldigung. Zaghaft fängt es wieder an, gegen meine Handinnenfläche zu klopfen. Es ist halt wirklich vertrauensselig.

Wir sind wieder im Reinen, mein Wutausbruch ist Vergangenheit. Also öffne ich den Mund, schlucke es in einem Happs herunter und warte, bis es seinen Platz wiedergefunden hat.


Tags: Lieben, Gefühle, wut, Herz, herzblut, Versöhnung, Im Einklang
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4 Antworten

Kommentare

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  • 2

    "Also öffne ich den Mund, schlucke es in einem Happs herunter und warte, bis es seinen Platz wiedergefunden hat."

    Meistens bleibt es braun und matschig und du siehst es dann bald wieder.

    27.07.2015, 12:15 von MaasJan
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 3

      "Das Blut sickert langsam durch meine Finger"

      ..klingt insgesamt nich besonders gesund..

      27.07.2015, 12:14 von MaasJan

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