Evil-Eve 03.03.2009, 17:12 Uhr 51 63

Der Moment ohne Dich

Ich kann nichts festhalten, weder die Zeit, noch Momente oder Dinge, und vor allem nicht dich.

Früher brauchtest du nur da sein, und es ging mir gut. Allein deine Anwesenheit, dein Körper, deine Stimme konnten in mir das warme Gefühl von Glück auslösen, welches alles andere verblassen lies, was sich wie Nebel über alles andere gelegt hat. Wir lagen einfach nur auf dem Bett, du auf dem Rücken und ich auf der Seite, eine Hand um dich geschlungen, dich festhaltend. Ich habe gespürt, wie sich dein Körper im Takt deines Atems bewegt hat, wie deine Hand sanft über meinen Rücken streifte, habe den Frieden gespürt, der sich wie eine große Glocke aus Glas über uns legte. Wenn wir so dalagen, konnte nichts an uns herankommen.

Wenn ich heute so daliege, ist da ein Loch neben mir, denn du bist nicht da. Es fühlt sich falsch an, so dazuliegen, ohne dich. Als ob ich am Bahnhof stehen und auf den Zug warten würde. Doch der war schon längst da und hat dich mitgenommen. Ich hab ihn verpasst.
Ich zwinge mich zu warten und weiß gleichzeitig nicht auf was, denn alles, was ich jemals wollte, ist fort.

Wenn ich unsere Musik dabei höre, wird es ein bisschen besser. Ich flüchte mich in Erinnerungen, die mir diese Musik gibt, die ich schon längst vergessen hätte, würden mich die Töne nicht immer wieder an sie erinnern.

Manchmal habe ich das Gefühl, in einem Vakuum zu leben. Ich stelle mir dann vor, dass du, als du gegangen bist, die Zeit einfach mitgenommen hast. Sie vergeht jetzt an einem anderen Ort, dort, wo du bist, und zu dem ich keinenZutritt habe. Stattdessen lebe und lebe ich und drehe mich doch nur auf der Stelle. Ich gehe zur Schule, schlafe, esse, doch die Zeit vergeht nicht, die Bäume werden nicht grün, das Wetter verändert sich nicht, die Welt ist stehen geblieben und ich tue so, als würde ich es nicht merken. Mache einfach weiter, obwohl inzwischen alles zu einem leerem, sinnlosen Nichtstun geworden ist.

Es stimmt nämlich nicht, dass das Leben immer weitergeht. Manchmal muss es stehen bleiben, damit man zur Ruhe kommen kann, durchatmen, nachdenken. Ich weiß, dass es irgendwann wieder anfangen wird, denn ich habe gelernt, dass Loslassen eines der wenigen Dinge im Leben ist, die einen auf die Dauer wirklich glücklich machen können. Ich kann nichts festhalten, weder die Zeit, noch Momente oder Dinge, und vor allem nicht dich.

Dich nicht. Du gehst, und ich sehe dir nach, du bist wie Wasser, welches ich versuche, mit den Händen festzuhalten. Es geht nicht, ich bin machtlos und irgendwann ist es weg. Noch bist du da, bist überall wo ich hinkucke, hingehe, überall liegt dein Geruch in der Luft, überall ist deine Stimme, dein kehliges Lachen. Schaue ich auf das weiße Regal in meinem Zimmer, sehe ich nicht die vielen Bücher, sondern dich, wie du neben mir im Bett sitzt, und mir Kafka vorliest. Meine Stereoanlage ist nicht meine Stereoanlage, sie ist Du, wie du mit Bedacht eine CD aussuchst, sie vorsichtig aus der hülle nimmst und schließlich lächelst, wenn die ersten Takte unserer Musik beginnen.
Du bist überall, in jedem Moment, der nicht vergeht.

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51 Antworten

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    :'(...

    07.11.2011, 17:37 von friska_viljor
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    Ich habe diesen Text schon hunderte Male gelesen, und dieser eine Satz "Du bist überall, in jedem Moment, der nicht vergeht" ist schon beim ersten lesen an mir hängen geblieben. Ich habe es endlich geschafft mich hier anzumelden, und deshalb muss ich dir einfach sagen wie sehr mich der Text berührt. Ich kenne diese Situation und kann mich damit gut identifizieren.
    Großes Kompliment. Ich weiß leider nicht wie ich es anders ausdrücken soll...

    27.10.2011, 14:35 von neverending
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    der text ist so wunderschön....

    23.02.2011, 18:10 von stella.filante.
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    unglaublich wie sehr ich mich mit diesem text vergleichen kann!
    du hast deine gefühle echt nich schlecht in sätze gefasst ;)

    15.03.2010, 16:41 von Katonga
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      @Katonga 100&ig auf den punkt getroffen!!schöner text, aber blöde situation

      29.03.2010, 15:29 von Herz.Dame
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      @Herz.Dame Mein Lieblingstext hier auf neon.de. So simpel, so wahr, so treffend. Hab den Text schon paar Mal gelesen - du hast das ganze Drama wirklich gut auf den Punkt gebracht.

      10.06.2010, 22:56 von Zuckerle
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    unglaublich wie sehr ich mich mit diesem text vergleichen kann!
    du hast deine gefühle echt nich schlecht in sätze gefasst ;)

    15.03.2010, 16:40 von Katonga
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    Ich finde die Metaphern etwas ausgelutscht.
    Der Text ist ganz okay.

    05.03.2010, 00:42 von xzw
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    Stattdessen lebe und lebe ich und drehe mich doch nur auf der Stelle. Ich gehe zur Schule, schlafe, esse, doch die Zeit vergeht nicht, die Bäume werden nicht grün, das Wetter verändert sich nicht, die Welt ist stehen geblieben und ich tue so, als würde ich es nicht merken. Mache einfach weiter, obwohl inzwischen alles zu einem leerem, sinnlosen Nichtstun geworden ist.

    Mein Lieblingsabsatz. De ganze Text is' gaaanz toll!

    26.01.2010, 18:22 von K.L.A.R.
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    Ich lese diesen Text so gerne. Er hilft mir irgendwie.

    06.01.2010, 11:44 von Kaesenacho
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    Manchmal habe ich das Gefühl, in einem Vakuum zu leben.
    Dieses Gefühl kenne ich, und es fühlt sich schrecklich an. Die ganze Zeit wartet man darauf, dass die Sachen die man davor gemacht hat, sich wieder so anfühlen wie immer. Das man dieses andauernde Gefühl, auf etwas zu warten vergeht...

    21.12.2009, 01:59 von Sternnacht
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    Schöne Beschreibungen für ein allzu bekanntes und leidiges Thema. Sehr schön finde ich die entgegengesetzte Realität, die Du so selbstverständlich behauptest:

    "Es stimmt nämlich nicht, dass das Leben immer weitergeht. Manchmal muss es stehen bleiben..." oder:

    "Meine Stereoanlage ist nicht meine Stereoanlage, sie ist Du..."

    Schöne Sache, obwohl ich sonst immer versuche den allgemeinen "Liebeskummer-Texten" hier auf Neon.de aus dem Weg zu gehen.

    15.11.2009, 11:04 von MadActor
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