Summerflower 30.11.-0001, 00:00 Uhr 4 15

Der Moment, in dem sich alles dreht.

Es fängt an zu kribbeln und es fühlt sich so an, als ob die Gedanken ein Karussell in meinem Kopf drehen würden.

Ich schaue aus dem Fenster, ein Sonnenstrahl trifft auf den Apfelbaum. Eine große Wärme breitet sich in meinem Bauch aus. Es fängt an zu kribbeln und es fühlt sich so an, als ob die Gedanken ein Karussell in meinem Kopf drehen würden. So schnell, dass mir fast ein bisschen schwindelig wird. Die Gedanken rauschen vorbei, viele kurze Sequenzen, keine davon lang genug, um sie genauer zu betrachten, eine große Sammlung von kleinen Augenblicken.
Ich atme tief ein. Das Karussell hält an. Zurück bleiben die Wärme in meinem Bauch und ein kleines Grinsen auf meinem Gesicht.
So fühlt es sich an, mein Glück. Meine Glücksmomente, die mich durch mein Leben begleiten. Meine Glücksmomente, die dafür sorgen, dass ich manchmal Tränen in den Augen habe. Aus Dankbarkeit. Aus Dankbarkeit für den Moment, weil ich weiß, wie kostbar diese Momente sind, wie fragil Glück ist und wie wichtig es ist, diese Momente ganz bewusst in meinem Kopf abzuspeichern.
Mein Blick schweift durch unser Wohnzimmer. Er bleibt an einem Ordner mit einem knallgelben Etikett hängen. Diesem Ordner, der so stark aus dem sonst harmonischen Bild hervorsticht, der sich nicht einfügen möchte in die Aneinanderreihung dezenter Farben. Textmarker-Gelb ist sein Etikett. Ganz so, als hätte ihn jemand angestrichen um zu sagen „Da, schau hin, erinnere dich an meinen Inhalt“. „Befunde Klinik“ steht auf dem Etikett. Ganz nüchtern und sachlich. Auf diesem Ordner, dessen Anblick mich manchmal erstarren lässt.
„Der Papa hat Krebs“. Mit diesem Satz geriet meine Welt aus den Fugen. Meine schöne, heile Welt, in der ich bis dahin so wohlbehütet gelebt hatte. Ich werde die Wut nie vergessen, die in mir in diesem Moment aufstieg, die Stimme in meinem Kopf, die geschrien hat „Nein, das stimmt nicht!“ und den Gedanken, dass von jetzt an nichts mehr sein würde wie vorher.
Eine besonders schwer zu behandelnde Form von Krebs sei es, eine, bei der man sehr starke Chemos machen müsste. Eine Krebsart, die man nicht heilen könnte, nur aufhalten. Nur aufhalten, nicht heilen. Panik. Verzweiflung. Ein nicht-wahrhaben-wollen. Viele Tränen.
Und dann begannen die Chemos. Sätze wie „Wann musst du wieder in die Klinik?“, „Welche Werte haben die Leukos?“ wurden Bestandteile meines Alltags. Ich lernte, welche Seite bei einem Mundschutz nach außen gehört und wie man sich die Hände gründlich desinfiziert. Ich pendelte zwischen 2 Welten. Zwischen draußen und drinnen, zwischen „Ich habe die Hausaufgabe nicht vollständig lösen können“ und dem Kampf ums Überleben. Zwei Welten, deren Unterschiede manchmal schwer zu ertragen waren. Leben fand nur im hier und jetzt statt. In die Zukunft blicken machte mir Angst.
Am Ende der Chemos, die Wahnsinnsnachricht: Komplette Remission, keine Krebszellen mehr gefunden. Freudensprünge, Tränen und das Bedürfnis, die ganze Welt zu umarmen. Das Leben wurde wieder fast normal. Doch nie mehr so wie vorher. Ich weiß, wie kostbar mein Glück ist, wie zerbrechlich. Dass jeden Tag der Augenblick kommen kann, in dem der Krebs zurückkommt und meine Welt erneut zusammenbricht.
Doch dieses Wissen macht so viele Momente so wichtig, so wertvoll. Kleine Momente, wie heute. In denen nur der Augenblick zählt. In denen ich mich über die Schönheit einer Blume freue, über den Anruf einer Freundin oder über den Geschmack meines Nutellabrötchens.
Die Krankheit meines Vaters hat mich verändert. Und in gewisser Weise bin ich dadurch glücklicher geworden. Das klingt absurd, aber diese Zeit, in der alles aus den Fugen geraten ist, hat mir die Augen geöffnet. Für die kleinen Momente. Für die Momente, die sonst im Alltag einfach untergehen. Und manches, das mich früher beschäftigt hat, hat deutlich an Gewicht verloren. Mein Leben ist bei weitem nicht perfekt und es gibt trotzdem Momente, in denen ich mich ärgere oder in denen es mir nicht gut geht. Aber mein Blickwinkel hat sich verändert.
Hätte ich doch den anderen Pulli kaufen sollen, weil die Farbe mir besser steht? Mir fehlt in der Klausur ein Punkt zur besseren Note? Na und? Ist doch egal. Es wird mein Leben nicht verändern. Was mein Leben verändert, sind die schönen kleinen Momente. Die Momente, in denen mir bewusst wird, wie gut es mir genau jetzt gerade geht. Die Momente, die mich alles um mich herum vergessen lassen. Die Momente, in denen es im Bauch kribbelt und sich der Kopf dreht. Die Momente, die ich in meinem Gedankenkarussell sammle und hüte, wie einen Schatz. Die Momente, in denen mir klar wird: Genau daraus besteht es, das Glück. Aus diesen kleinen Momenten. Und es ist fragil. Und kostbar. Und so wunderschön.

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4 Antworten

Kommentare

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  • 0

    da muss ich grinsen, und nicken, und mitfühlen. und danke sagen - es ist so schön treffend formuliert. gänsehaut!

    16.02.2016, 14:15 von katikat
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Genauso ist es und ich glaube das ,dass nur die Verstehen die es erlebt haben oder erleben !Toll geschrieben ...

    27.01.2016, 03:58 von IstimmerIrgendwas
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  • 2

    Wunderschön festgehalten und zärtlich beschrieben. Genauso empfinde ich es auch, insbesondere weil es mich ebenfalls schon zweimal getroffen hat. Danke Dir ganz herzlich dafür!

    26.01.2016, 16:12 von Capt_Moe
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