Dela_Kienle 20.12.2007, 12:50 Uhr 0 1

Der Liebe hinterher

Wer es ernst meint mit der Liebe, muss auch einen UMZUG in Kauf nehmen. Aber: Der große Schritt ist einfacher als das, was danach kommt.

Schon wieder eine Rentnergruppe! Das war das Einzige, was Mitra in ihrer neuen Heimatstadt sah – oder sehen wollte: Rentner. Kaffeefahrttrupps. Die humpelten durch die putzige Altstadt von Stade, hielten vor Mitras Wohnzimmerfenster am Fischmarkt und lauschten der Führerin, die tagtäglich erzählte, dass Stades Hafen früher wichtiger gewesen sei als der Hamburger. »Wann war das denn bitte? Im Mittelalter? «, ärgerte sich Mitra. Was sollte sie auch sagen? Mitra liebt nun mal das Großstadt leben – aber noch mehr den Grund ihres Umzugs nach Stade: Andre. Bloß war der tagsüber bei der Arbeit, der norddeutsche Himmel war dauergrau und Mitra schwanger. »Vielleicht haben die Hormone mit reingespielt, aber in dieser Zeit hab ich jeden Tag geheult«, sagt sie. »Das war’s, habe ich gedacht. Ich bin in diesem Kaff gefangen, und alles war eine riesige Falle!« Mitra klingt amüsiert, wenn sie heute davon erzählt. Natürlich können Fernbeziehungen eine Weile ganz gut funktionieren – trotz trauriger Abschiedsküsse, horrender Telefonrechnungen, trotz Einsamkeitsattacken. Doch irgendwann schleicht sich bei vielen Paaren diese Sehnsucht ein, die stärker wird als alle Ängste und Gewohnheiten: Sie wollen gemeinsamen Alltag statt geplanter Treffen, Spontaneität statt Pendelei. Die Lösung? Sie ist einfach, verlockend und un - endlich grausam: Hinterherziehen! Einer muss sein altes Leben aufgeben, seine Stadt verlassen, in der er glücklich war. Den Job kündigen, sich von seinen Lieblingsplätzen verabschieden, seine Wohnung ausräumen. Vor allem aber muss einer seine Freunde zurücklassen, muss Abschiedspartys, Umarmungen, »Zwischen uns ändert sich gar nichts«-Schwüre ertragen – auch wenn alle wissen, dass es nicht das Gleiche ist, ob beste Freunde vier Blöcke auseinander wohnen oder vier Stunden Bahnfahrt. All das müssen Hinterherzieher auf sich nehmen – und sie tun es. Denn so schmerzhaft der Abschied auch sein kann, so groß ist doch auch die Hoffnung auf einen gemeinsamen Neuanfang: Endlich zu zweit!

Mitra und Andre hatten schon einmal zusammengewohnt, als Studenten in einer 6er-WG in Gießen. Gefunkt hat’s aber erst, als Mitra weg gezogen war – so begannen sieben Jahre Fernbeziehung. Erst war Mitra in Köln, dann lange in München; als Fotoredakteurin kann sie nur in Städten arbeiten, in denen Verlagshäuser ihren Sitz haben. Andre hingegen hat in Gießen sein Medizinstudium beendet, die PJ- und AIP-Zeit absolviert. Als die Ausbildung zum Facharzt anstand, wollte er zu Mitra, hat sich im Umfeld von München beworben, fünf Monate lang ohne Erfolg. Urologie ist ein kleines Fach mit wenigen Stellen. Und als sich im norddeutschen Stade ein guter Job auftat, ist Andre hingezogen. »Für mich klang das wie ein Kompromiss. Hamburg ist nur sechzig Kilometer weit weg, und da gibt es gute Arbeitsmöglichkeiten für Mitra«, sagt Andre. Nach einem halben Jahr ist Mitra tatsächlich hinterhergezogen. »In die Pampa. Aber zu Andre«, sagt sie und macht eine Grimasse.

Zusammenziehen ist schon in der gleichen Stadt wunderschön-kompliziert, weil aus zweimal »Ich« ein »Wir« werden muss, inklusive Möbelaufstellung, langen Haaren im Duschabfluss und Diskussionen, ob nachts noch im Bett gelesen werden soll oder nicht. »Aber Hinterherzieher müssen noch ganz andere Probleme bewältigen«, sagt die Berliner Diplompsychologin Berit Brockhausen. Tatsächlich kommen in ihre Beratungsstunden häufiger Hinterherzieher- als Fernbeziehungspaare. »Wer noch pendelt, hat immer die Hoffnung: Alles wird bestens, wenn wir nur erst mal zusammenleben«, erzählt sie. »Tatsächlich machen sich die Paare oft nicht klar, dass sich dafür ganz neue Schwierigkeiten ergeben werden.« Ein typisches Problem? Das Gleichgewicht von Nähe und Eigenzeit. In einer Fernbeziehung ist automatisch klar, wann man sich sehen kann. »Lebt so ein Paar dann zusammen, muss es erstmals absichtlich Abstand schaffen, muss sich jeder Zeit für sich nehmen. Und das ist doppelt schwierig, wenn der eine Partner neu in der Stadt ist.« Leicht passiert es dann, dass auch der andere verzichtet. Wie herzlos wäre es, jetzt zum Biertrinken mit den Kumpels zu gehen? Zum Freitagabendtreff mit den Freundinnen? Zum Basketball, zum Yoga, zu Bandproben – während der »Hinterherzieher« keine eigenen Freunde hat und allein in der neuen Wohnung sitzt. »Die Leute lieben sich und sind bereit, für den anderen zu verzichten«, sagt Brockhausen. »Aber da kann sich viel Unzufriedenheit anstauen. Und die ist gefährlich.«

Bei Andre und Mitra haben die Zusammenziehprobleme nicht gleich begonnen – dafür war Mitra viel zu selten in der neuen gemeinsamen Wohnung. Ständig kamen Angebote aus München, wo sie je für ein paar Wochen als freie Bildredakteurin arbeiten konnte. »Ich war das erste halbe Jahr wie auf der Flucht, kaum mal länger als vierzehn Tage in Stade«, sagt sie. Und in denen hat sie sich schnell gelangweilt: Sie hatte keinen Job, kannte niemanden außer Andre. Kam der abends aus dem Krankenhaus zu rück, wollte sie sofort etwas unternehmen oder wenigstens reden. »Ich konnte Mitra total verstehen, aber genervt hat es trotzdem«, sagt Andre. »Nach einem anstrengenden Tag in der Klinik wollte ich oft erst mal meine Ruhe.« Die große Krise kam, als Mitra schwanger war – und es mit den München-Ausflügen vorbei war. »Was habe ich Stade da gehasst! Ich war richtig aggressiv!« Sie bettelte und flehte, um Andre zu einem Umzug nach Hamburg zu bewegen, aber als der endlich nachgab, fanden sie in Hamburg keine passende Wohnung. Mitra: »Am Schluss hab ich gesagt: O.k., wir bleiben in Stade, bis das Baby da ist.«

Besonders hart kann das Hinterherziehen sein, wenn es nicht nur in eine andere Stadt führt, sondern gleich in ein anderes Land. Erasmus, Reisen und berufliche Termine auf der ganzen Welt: Kein Wunder, dass immer mehr Menschen ihr Herz in der Fremde verlieren. In den letzten zehn Jahren ist in Deutschland die Zahl binationaler Ehen um 84 Prozent gestiegen – dahinter steht meistens ein Partner, der seine Heimat verlassen hat.

Mariel zum Beispiel. Sie ist im letzten Herbst in die britische Stadt Leeds gezogen: der erste Auszug von zu Hause, die erste Wohnung mit einem Freund – bei der 22-jährigen Rechtsanwaltsgehilfin kam alles zusammen. Doch sie hatte einen charmanten, witzigen, gut aussehenden Grund dafür: Max. Den Engländer hatte sie auf einer Bananenfarm in Australien kennen gelernt, auf Weltreise. Anfangs saß sie noch mit dem Wörterbuch neben ihm, so schlecht war ihr Schulenglisch. Trotzdem war beiden bald klar, dass das keine Urlaubsaffäre war – sondern Liebe. Kein halbes Jahr nach ihrer Rückkehr nach Europa ist sie zu Max gezogen. »Manche Freunde haben gefragt: Ist das nicht alles ein bisschen schnell?«, erzählt Mariel. »Aber ich hab’s einfach versucht. Ich habe Max unendlich vermisst.«

Der hatte derweil einen Kompromiss ausgepuzzelt, um Mariel die Entscheidung zu er - leichtern: Er würde von Halifax ins 25 Kilometer entfernte Leeds ziehen, wo Mariel Arbeit finden könnte. Anfangs war sie auch optimistisch, ging ins Jobcenter, wurde zu Bewerbungsgesprächen eingeladen. Doch in den ersten Wochen bekam sie Absage nach Absage … und Angst vor der Zukunft. Nicht nur die Jobsuche war mühsam. Mariel vermisste auch ihre Zwillingsschwester, von der sie zum ersten Mal im Leben für längere Zeit getrennt war – und ihren Freundeskreis.

Wer allein in eine neue Stadt kommt, muss alles selbst entdecken: die beste Kneipe, die schönsten Spazierwege, das beste Kino. Wer hinterherzieht, erbt hingegen all das, was der Partner schon seit langem kennt und mag … und vor allem erbt er meistens den Freundeskreis. Anfangs ist das bequem, doch richtig angekommen ist man in der neuen Stadt wohl nur, wenn man nicht nur als Pärchenpartner existiert, sondern sein eigenes Leben führt. Mariel ist eifrig dabei – und fühlt sich inzwischen wohl in England. Nach einem Monat hat sie einen Job bei einer Finanzgesellschaft bekommen, hat nette Kollegen. Die gemeinsame Wohnung ist gemütlich. Vor allem aber sind Max und sie verliebt wie eh und je.

Doch auch wenn alles gut läuft, ist Hinterherziehen eine Nagelprobe für jede Beziehung. So schwierig das neue Leben für den Umziehenden ist, so verzwickt ist die Lage auch für denjenigen, der in seiner gewohnten Umgebung bleibt. Bei aller Freude steht er unter immensem Druck: Der andere hat so viel für die Beziehung geopfert, hat alles auf den Kopf gestellt … was, wenn das Zusammenleben anders ist, als er es sich vorgestellt hat? Wenn sich keine Arbeit, keine neuen Freunde finden? Jede Übellaunigkeit fühlt sich an wie ein Vorwurf. Das kennt auch Max nur zu gut. »Natürlich fühle ich mich verantwortlich, dass es Mariel hier gut geht«, sagt er. »Mir ist total bewusst, dass sie ohne mich nie nach England gekommen wäre.« Wenn ihr dann beim Streiten rausrutscht, dass sie alles nervt und dass sie gern wieder zu Hause wäre – dann erstarrt Max hilflos. Was für ein Killerargument! »Ich sollte das nicht sagen, aber manchmal passiert es«, gibt Mariel zerknirscht zu.

Dass Hinterherziehen nicht ohne Probleme abläuft – darauf hatte auch Martin sich eingestellt. Doch nie hätte der 24-jährige Dessauer gedacht, dass seine Beziehung schon wenige Wochen nach dem Umzug in die Brüche gehen würde. »Ich würde es mir gut überlegen, ob ich nochmals für eine Frau alles stehen und liegen lasse«, sagt er heute. Vor drei Jahren hatte er seine Freundin, nennen wir sie Anna, beim Chatten im Internet kennen gelernt. Und als sich die beiden dann erstmals in Dresden trafen, war Martin klar: Die ist es! Er hatte damals gerade sein Politikstudium in Halle begonnen. Am Wochenende reisten die beiden hin und her, feierten eine rauschende Silvester party in Dresden, küssten sich um Mitternacht und stießen an auf ein glückliches neues Jahr. »Mir war bald klar, dass ich zu ihr nach Dresden wollte«, sagt Martin. »Und sie schien wirklich begeistert. « De facto hieß das: Studienabbruch. Martins Abischnitt reichte nicht, um in Dresden mit Politik weiterzumachen. Kurz entschlossen hat er sich für Literaturwissenschaft eingeschrieben, ein WG-Zimmer in der Elbstadt gesucht. Anna half ihm dabei, und bald hatte Martin ein passendes Zimmer, keine zehn Minuten von ihrer Wohnung. Er freute sich auf die neue Stadt, auf das Leben als Paar.

Die ersten zwei Wochen waren toll … aber dann ist irgendetwas grundsätzlich schiefgegangen. Martin weiß bis heute nicht, woran es lag. Anna hat von einem Tag auf den anderen Schluss gemacht, am Handy, völlig unvorbereitet. »Von den Tagen danach weiß ich nicht mehr viel – nur dass ich versucht habe, es noch umzudrehen, mit ihr zu reden. Aber sie hat völlig abgeblockt.« Martin ist trotzdem noch zwei Jahre in Dresden geblieben, »schon aus Trotz«, sagt er. »Ich glaube inzwischen, dass manche Beziehungen von der Entfernung leben«, sagt er. »Die Magie bleibt erhalten, gerade weil man sich nicht sehr häufig sieht. Ich kann nur raten, sich nicht von spontaner Verliebtheit leiten zu lassen.«

Mitra hat inzwischen den dritten Sommer in der Kleinstadt Stade verbracht – und sagt in - zwischen, dass sich das Hinterherziehen trotz aller Krisen gelohnt hat. »Ich würde es wieder so machen«, erklärt sie und grinst, während im Kinderwagen Baby Siri brabbelt. Der Hamburg- Plan liegt allerdings nur auf Eis. »In ein, zwei Jahren sind wir weg«, sagt Mitra. Wo auch immer – Hauptsache gemeinsam. Auch Mariel und Max planen schon für die Zukunft: Max lernt fleißig Deutsch und ist entschlossen, längerfristig mit Mariel in ihre alte Heimat zu ziehen. »Ist doch nur gerecht«, sagt er. »Ich sehe das so: Wenn man jemanden liebt und unglücklich ist, sobald der andere nicht da ist – dann muss man sein Leben ändern und auch mal was riskieren. Mariel hat das getan. Und ich fänd’s toll, wenn ich mich für ihren Mut revanchieren könnte!« •


Mitra, Andre und Siri
Sie zog zu ihm nach Stade, dann kam die Krise, dann das Kind. Die Großstadtpläne sind auf Eis gelegt, aber nicht vergessen.
Max und Mariel
teilen sich eine gemütliche Wohnung in Leeds. Demnächst will er mit ihr nach Deutschland ziehen.


Tags: Erste Wohnung
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