vonFuchs 21.02.2012, 22:14 Uhr 3 4

Der Letzte macht die Tür zu.

Darum mag meine Oma dich nicht.

Meine Oma mag dich nicht.
Das liegt daran, dass sie auf Höflichkeit steht.
Und wer sich nicht verabschiedet, ist unhöflich.
Du hast dich nicht verabschiedet.
Du bist einfach weg.
Darum mag meine Oma dich nicht.

Der silberne Bilderrahmen liegt kalt in meinen Händen. Ich fahre ganz vorsichtig über das Glas, das hinter sich brühwarme Erinnerungen trägt. Ich bin von diesem Moment, von all den kleinen Gefühlen, überwältigt. So sehr mir steht kurz der Atem still.
„Na dann viel Spaß!“, hast du in einem beiläufigen Ton gesagt. Und der Ton schrammelte an mir herum. Er war mir zu beiläufig und zu sicher. Ich fand, ein bisschen Eifersucht wäre okay. Eifersucht in Form eines kleinen Zögerns, eines angedeuteten Schmollmundes oder eines direkten Fragens, wie „Hä? Wer ist denn Ben? Und warum gehst du mit ihm weg und nicht mit mir?“ Das Grundgerüst der Eifersucht fand ich schon immer irre romantisch. Man macht sich Sorgen und belagert den anderen herzlich mit einer gewissen Eigenunsicherheit, weil man sich fragt, ob alles okay bleibe. Man hat etwas Angst vor einem Ende, das man nicht erwartet, noch weniger will. Keiner hat um einen anderen Angst, wenn der andere für den einen nichts Bedeutsames ist. Und dieses leichte Pingpongspiel wollte ich gerne mit dir spielen. Und dann, irgendwann später, hätte ich mich zu dir gesetzt und gesagt, dass mein Abend -egal ob er nun ein total toller war oder nicht- eigentlich nur ein okayer war, weil du nicht bei mir warst. Vielleicht hätten wir dann noch einen Film geguckt. Oder geknutscht. Oder beides. Aber du wünschtest mir nur viel Spaß mit Ben. Und fragtest nicht einmal, wer er war. Daher schmollte ich innerlich und legte mich an deine Brust.
„Was machst du dann heute?“, murmelte ich und gab dir nochmal die Möglichkeit alles rauszuholen. Dein Handy vibrierte in der Tasche. Du last die SMS und lachtest in dich rein. Das konnte ich hören, da mein Ohr direkt an deiner Brust war. Es brummte immer, wenn du lachtest. Oder redetest.
„Kneipentour!“, sagtest du nur. Ich stutzte.
„Mit wem?“
„Mit meinen Jungs.“
„Und wer sind deine Jungs?“
„Meine Freunde?“
„Hm“, sagte ich und wollte nachfragen, wer denn all diese Freunde waren. Und vor allem, wie sahen sie aus und wie toll waren sie bitte, dass für ein bisschen romantische Eifersucht kein Platz mehr war? Es bimmelte in mir. Eigentlich brüllte es in mir. Eine Stampede aus ganz viel Gefühlswahnsinn brach aus. Ich war neidisch, dass deine Jungs dich haben konnten. Im Teilen war ich schon immer schlecht. Außerdem wollte ich wissen, wohin ihr wolltet und ob du überhaupt Lust darauf hattest. Unsere Idee, mal unabhängig voneinander etwas zu machen, schmeckte wie Sanostol. Ziemlich ekelig. Dabei war es eigentlich auch ziemlich gesund für uns.
„Hm“, machte ich nochmal. Da hatte mich mein Pingpong der Eifersucht beim Um-den-Baum-Rennen von hinten wohl erwischt und mal umgenockt.
„Ich kann ihnen endlich sagen, dass wir zusammen sind“, flüstertest du grinsend in meine Haare und zeigtest mir auf dem Display deines Handys ein Bild von uns.
Und plötzlich war alles okay.

Im Winter vor einem Jahr konnte man den fallenden Schnee nur ganz schwach erkennen. Der fahle Lichtkegel der Innenbeleuchtung reichte immerhin so weit in die Nacht, dass man einzelne Schneeflocken sehen konnte, die jetzt starr und eingefroren in der Luft hängen. Die Flocken konnte man damals nur sehen, wenn man mit dem Finger drauf zeigte. Aber das tat keiner. Und selbst wenn, hätte es mich nicht interessiert. Jetzt finde ich es schön.
Wir sitzen im Bild auf einer Bank und sind vom ganzen Gucken betrunken. Überall Bilder und Figuren. Und Videos, Führungen und Gerede. Überall so viel. Maßgeblich trug das Bier im Foyer zu meinem betrunkenen Zustand bei. Es gibt auch einen Poetry Slam, der gerade läuft. Und Sitzsäcke mit Cocktailtanten, die im gebrochenen Deutsch dafür sorgen, dass man auch schön betrunken bleibt. Die Sitzsäcke probieren wir noch aus. Und das wird auch der Moment sein, in dem wir das erste Mal Kopf an Kopf liegen und meinen, dass die Nacht ewig ist. Und vor den Sitzsäcken wirst du meine Hand genommen haben, um schneller durch die Ausstellung zu kommen. Du wirst sie greifen und mich mitziehen. Und ich werde vor Rührseligkeit und Freude (und ein bisschen durch den Alkohol) glücklich sein. Doch jetzt gerade bin ich es auch schon. Wir sitzen auf dieser Holzbank, ignorieren den ersten Schnee und schauen uns an. Ich schaue mir jedes einzelne Detail in deinem Gesicht an, das du sehr ernst verstellst. Ich lache.
Jetzt auch.

Es ist Montag.
Ich streife über den schlichten Rahmen des Bildes hinweg und lege es in Zeitungspapier ein. Akribisch wird es eingewickelt und bestimmt mit zu viel Tesafilm zugeklebt. Sicher ist sicher. Die feuerroten Ziffern des Radioweckers surren und flackern leise, während der trennende Doppelpunkt zwischen Stunden- und Minutenzahl monoton aufblinkt und dann wieder erlischt. Minütlich wechseln die Zahlen ihr Aussehen und arbeiten darauf hin, die Morgenstille wie eine scharfe Klinge zu durchschneiden. Ich zähle die Sekunden runter, bis der Wecker klingelt.
Von draußen hallt dumpfer Stadtlärm herein. Straßenbahnen surren, Autos geben Gas, die ersten Schuhschritte der frühen Leute knallen auf kaltem Beton. Die Stille ist fort. Ich bin erstaunt, dass schon am Morgen so viel los sein kann und schaue in den dämmernden Himmel. Er ist grau und es regnet. Ab und zu gewittert es auch noch.
Und seit Tagen suche ich das Leuchten am Himmel.
Erinnerst du dich noch daran, als du mir erklärtest, wie ich mir merken kann, ob es sich um einen abnehmenden oder zunehmenden Mond handle?

Der Abend mit Ben war wirklich nur okay. Wir drückten uns von einer Bar in den nächsten Club, bis uns die Ohren wegflogen. Ben verschwand irgendwann mit seiner Herzensdame, die er zufällig traf. Ich schrieb ihm eine SMS und wünschte eine gute Nacht.
Du saßest noch auf dem Balkon und rauchtest. Mit deiner Gitarre spieltest du Bright Eyes. Auf dem kleinen Wackeltisch stand etwas Kuchen. Ich setzte mich zu dir, schaute dir beim Spielen zu und seufzte innerlich auf wie ein Orkan. „This is the first day of my life“ sangst du und bekamst einen Kuss, als du die Gitarre zur Seite stelltest.
„Wie war dein Abend?“
Ich naschte den Kuchen mit der einen Hand und mit der anderen hielt ich deine.
„Okay.“
Du konntest dir das Lachen nur knapp verkneifen. Ein leichtes Rauschen ging durch deine Nase heraus und enttarnte meine eingeprobte Antwort. Was du nicht wusstest, sie war ehrlich.
Und dann saßen wir aufeinander. Ich legte meinen Arm um deinen Hals, du stachst mir einmal in die Seite und ich schnippste aus Rache gegen dein Ohr. Dann guckten wir uns die Sterne an. Ich beeindruckte dich, als ich den großen Wagen erkannte und dir wie ein Sternenkundler neunmal-, ach was, vierzehnmalklug erklärte, wo der Henkel des Wagens im Himmel baumelte.
„Und ist nun abnehmender oder zunehmender Mond?“, fragtest du mich dann nach meinem kleinen Wikipediavortrag.
Ich formte das Wort „abnehmend“ lautlos mit meinen Lippen. Natürlich war es falsch.
„Zunehmend“, korrigiertest du mich. „Wenn du dir ein Süttelin-Z anschaust, siehst du eine Sichel, die nach links offen ist.“
„Ein was?“
„Ein Z, wie deine Uroma es machte. Ein Z mit einer Schlaufe unten.“
In die sternklare Nacht maltest du mit deiner leuchtenden Zigarette das Z nach.
„So merkst du dir den zunehmenden Mond. Und den abnehmenden...“
Dein Glimmstängel fuhr wieder durch die Nacht. „Den abnehmenden Mond merkst du dir durch das kleine 'a'. Da ist auch eine Sichel. Nur nach rechts geöffnet.“
Ich malte in deiner Handfläche die Buchstaben nach.
„Wir sollten reingehen“, sagtest du dann. „Deine Hände sind eisig. Und dann können wir uns auch die Zähne putzen.“
„Ich will vorher noch ein Eis essen!“
Deine Augen strahlten ganz doll und ganz heftig auf und wir rannten zum Kühlschrank. Eis ging bei uns immer. Egal wann und wo. Daher war es auch immer schnell auf.

Der Badezimmerboden unter meinen Füßen ist fürchterlich kalt. Darum setze ich mich auf die Badewannenkante, ziehe meine Beine an und baumle nur wenige Zentimeter mit den Füßen über die Kälte hinweg. Jedes Mal, wenn ich den Mond sehe, muss ich an dich denken. Total romantisch, denke ich. Es ist genauso schön, wie sich Silvester oder Weihnachten die Liebe zu gestehen. Ein ziemlich perfekter Moment. Aber was ist, wenn die Liebe weicht? Man wird einmal pro Jahr unweigerlich dran erinnert. Der Jahrestag des Herzbruchs. Wie wahnsinnig muss man dann sein, jemanden mit dem Mond zu verbinden.
Das Badezimmer wirkt recht groß. Noch immer stehen dort die zwei Becher mit jeweils einer Zahnbürste drin. Wir sind immer zu zweit die Zähne putzen gegangen. Ich stand dann am Waschbecken und du saßest auf dem Toilettendeckel. In gewaltigen Sekunden höchster Spontanromantik hattest du meine Zahnpasta schon auf die Zahnbürste gedrückt. Und wenn meine Hände kalt waren, hast du extra warmes Wasser laufen lassen und meine Hände drunter gehalten.
Ich vermisse es ein wenig. Wie den Mond, der sich hinter dem grauen Schleier verbirgt. Ich nehme deine Zahnbürste, dein Shampoo, Haargel. Alles kommt in den Karton rein. Ganz vorsichtig, damit das Bild nicht kaputt geht. Haarbürste, Deo und Parfüm. Ich sprühe es einmal in die Küche und dann mache ich mir Frühstück. Wenn man die Augen nun in der Küche zumacht, wirkt alles sommerlich.

Unsere erste, unsichere Verabredung meistertest du mit einem Verband an der Hand. Unter dem ganzen Blau entwickelte sich eine längliche Narbe, die seit zwei Tagen genäht war. Ich hatte dir kurz vor meinem Feierabend den Glassplitter rausgeholt und die Wunde genäht. Du standest mit einem weißen Küchentuch in der Chirurgie und ich dachte: „Kurz vor Feierabend.“
Ich bat dich ins Untersuchungszimmer und du sagtest: „Kurz vor Feierabend, hm?“ Ich musste lachen und du auch. Ziemlich unbeeindruckt erzähltest du mir, dass du von der Leiter in ein Glas fielst. Du warst gerade in deine Wohnung eingezogen.
„Nähst du mir einen Stern?“, fragtest du.
„Eher streiche ich deine Wohnung“, duzte ich, lässig wie du da saßest, zurück und bekam einen leicht roten Kopf. Patienten duzt man nicht.
„Kein Stern?“
„Höchstens eine feine Narbe.“
„Kaffee?“
Also tranken wir Kaffee. Die ganze verregnete Nacht durch. Und als es dämmerte, schlenderten wir nach Hause. Unsere Schritte hallten über das Kopfsteinpflaster hinweg. Ich streckte meine Hand leicht aus und lief dicht neben dir her, damit es eine Chance gab, dass sich unsere Hände zufällig berühren konnten. Deine unverletzte Hand war frei. Die Straßen unter uns waren glatt. Nach wenigen Schritten dankte ich meiner Tollpatschigkeit. Ich rutschte aus, griff sofort nach dir und landete inmitten deiner Hände. Groß, wie sie waren, fingen sie alles auf. Auch mich. Wir mussten beide lachen und ließen einander nur ungerne los, als wir ankamen.
„Dann werden wir uns wohl wiedersehen.“
Es war keine Frage, sondern eine Feststellung, gegen die ich nichts sagen konnte. Zum Abschied umarmtest du mich. Dein Parfüm stieg in meine Nase. Du rochst nach der Farbe Gelb und erinnertest mich an jene Sommer, die weder zu heiß, noch zu kalt waren. Jene Sommer, in denen der Himmel strahlend blau und nur von wenigen Wolken besetzt war. Man lag auf der Liege, hörte den leichten Wind durch dichte, grüne Baumkronen schleichen und Musik machen. Mit Eiswürfeln war der Eistee versehen, den man halbdösend trank und meinte, dass dieser Tag niemals enden wolle. Ich atmete alles ein und nahm alles mit, was ich behalten konnte.

Meine neue Wohnung hat keinen Balkon. Ich habe mein Frühstück übersprungen und sitze mit dem Cappuccino auf unserem Balkon. Und den Schaum löffle ich von oben weg. Ganz vorsichtig kleckere ich ihn in das kleine Loch der Regenrinne. Seitdem du mir immer beim Cappuccinotrinken den Schaum klautest, mag ich ihn nicht mehr. Wir haben immer mit unseren Löffeln darum gekämpft, wer den Schaum essen darf. Ich habe dich immer gewinnen lassen, weil im Schaum die ekeligen Bröckchen sind, die sich nicht auflösen wollten.
Ella findet es übrigens nicht so schlimm, dass ich keinen Balkon habe. Weißt du, von der neuen Wohnung kann ich zwar nicht so toll über die Stadt gucken, aber ich habe den Park vor den Fenstern. Im Winter bestimmt etwas trostlos, aber im Frühling total toll, wenn ich dann im Schlafzimmer Blättermeerrauschen hören kann. Ich muss nur noch ein paar Kartons hier einpacken und dann verlasse ich deine Wohnung auch. Sie ist mir alleine eh zu groß. Ich komme mir hier vor, als säße ich alleine auf der Titanic. Obwohl du überall hier bist. Manchmal spüre ich im Bett noch, wie du meinen Nacken küsst, kurz bevor du aufstehen musstest und zur Arbeit gingst.
Ella hat übrigens deinen Geburtstag aus meinem Kalender gestrichen. Meine Eltern finden, dass die eigene kleine Schwester mich öfter besuchen soll. Ich freue mich auch darüber. Du dich auch? Ihr habt euch immer gut verstanden. Ella meint, da du eh nicht mehr da bist, muss man den Geburtstag auch nicht mehr feiern. Sie malte mit Wachsmalern drüber und meint nun, dass man ihn vergessen wird. Das war immer deine größte Angst, dass ich vergesse, dich zu vergessen.
Ella mag immer noch kein Eis essen. „Das bringt Unglück“, sagte sie beim Malen.
Ich gehe rein und packe den Kalender in den Karton.

Meine Beine baumelten über der Stadt. Ich beobachtete, wie die Sonne die gesamte Stadt in einem Ton einfärbte. Die Farbe war irgendwas zwischen feinem Rot und weichem Gold. Unter mir war der Feierabend. Leute kehrten heim. Ich brauchte keinen Feierabend, um nach Hause zu kommen. Denn dort war ich schon. Ich saß auf unserer Dachterasse und schaute mir den Sonnenuntergang an. Seit Stunden schon. Er fühlte sich ewig an. Langsam glaubte ich, dass die Sonne heute nicht mehr untergeht. Die ganze Stadt strahlte. Genüsslich schüttelte ich die Eiswürfel in meinem Glas hin und her. Die Bäckerei unter uns hatte begonnen, ihre Feierabendbrötchen zu backen. Der Duft stieg in den Himmel hinauf und lenkte mich vom Chaos ab. Ich schloss die Augen.
Im gleichen Moment dröhnte ein lautes Kinderschreien in meine Ohren. Ich öffnete meine Augen und ballte meine Hände vor Schreck. Der Schrei war laut, wild, hysterisch. Er klang nach bitterem Schmerz. Ein Schrei, als habe man etwas sehr Wichtiges verloren. Nur wenige Sekunden später stieg vor mir ein knallroter Luftballon mit einer weißen Kordel in den zeitlosen Himmel empor. Ganz neugierig starrtest du dem roten Ballon nach, wie er sich in die Antenne neben mir verirrte und hängen blieb. Dabei riebst du beide Handflächen übereinander, um sie zu wärmen. Es war ein rauer, intensiver Ton. Und er war schnell. Du schautest einmal zu mir. Dein Blick war besorgt und müde und wanderte dann nach unten. Dein Blick wandte sich von allem ab und landete irgendwo in der Ferne. Ganz weit weg und sah nach Vermissen aus. Deine Blicke reichten schon immer so weit und verloren sich im Nichts. Das Geräusch deiner Hände setzte sich über alles hinweg und erhielt meine ganze Aufmerksamkeit. „Ich habe immer Angst, dass du mein roter Ballon mit weißer Kordel bist“, sagtest du leise. In einer Blinzelsekunde meines Lebens hast du neben mir gesessen und es fühlte sich an, als verschwinde meine Hand in deiner. Und ich mit. Ich betrachtete sie genau. Die kleine Narbe zierte deinen Handrücken. Im Inneren deiner Handfläche flossen tausend Linien umher. Immer wieder fuhr deine Hand über meine hinweg. Irgendwo zwischen Narbe und Linien schlug mein Herz.
Ich hatte schon immer Höhenangst. Warum sollte ich dir fortfliegen?
Aber das sagte ich dir nicht. Es war ein gutes Gefühl, dir nicht alles gesagt zu haben; gleichzeitig aber auch ein seltsames. Was sollte ich machen, wenn ich nie mehr die Chance haben sollte, es dir zu sagen? Müsste ich dann alle Wörter an einen Ballon binden und ließe sie fliegen? Ich wusste nicht, was schmerzlicher sein würde. Die Chance verpasst zu haben oder alle Wörter blind fliegen zu lassen.

Ich habe den Haustürschlüssel gerade bei deinem Vermieter abgegeben. Er nahm ihn etwas irritiert an und wünschte mir alles Gute. Alle Kartons sind raus. Ich habe die Tür fest zugezogen, als ich abschloss. Wirklich. Wenn man die Tür nicht richtig zuzieht und sie abschließen will, springt sie irgendwann von alleine auf. Und dann steht sie weit auf. Das habe ich deinem Vermieter auch nochmal gesagt. Jedes Mal, wenn ich versuchte, sie abzuschließen und nach traurigen drei Minuten quengelte, hast du nicht geholfen, sondern nur schiefgrinsend gesagt: „Der Letzte, der diese Wohnung verlässt, macht die Tür zu.“ Du kannst nun stolz sein. Ich habe es geschafft.
Ich turne auf dem Wochenmarkt herum. Ich will noch Blumen kaufen. Vermutlich hättest du deine Augen nun verdreht, weil ich nicht einmal unsere Pflanzen am Leben halten konnte. Aber nun ist mir danach. Ich springe über Pfützen und komme an deinem Lieblingskäsehändler vorbei. Er grüßt mich, ich grüße zurück und schlucke dabei einen Kloß die Kehle hinunter. Und dann stehe ich vor einem großen Blumenmeer. Für mich sind alle Sachen hier Blumen. Du konntest sie immer auseinanderhalten. Tulpen, Rosen und all die anderen Namen. Ich gehe zielstrebig auf etwas Buntes zu und zeige es der Verkäuferin.
„Die da!“
„Ein Tulpenstrauß?“
„Wenn sie so heißen, ja.“
Ich bezahle sie und freue mich, dass ich sie in deiner Lieblingsfarbe habe. Ich rieche einmal dran. Und in meinem Kopf sagst du: „Tulpen duften nicht.“
Und im Kopf zeige ich dir die Zunge und mache sowas wie „häwäwäwäwä.“ Manchmal konntest du ein blöder Klugscheißer sein. Und dann haben wir uns auch wieder schnell vertragen.
Ein Krankenwagen jagt an mir vorbei.

Mein ganzer Körper zitterte. Ich saß auf dem Flur des Krankenhauses und fummelte an meiner Arbeitskleidung herum. Ich stand auf, setzte mich hin. Stand auf und setzte mich. Immer noch hallten in mir die ganzen Geräusche von rollenden Tragen, EKG-Geräten und dem Brüllen von Dr. Weiß herum. Dr. Weiß kanntest du nicht, weil du nie nach Ben gefragt hast. Er war Unfallchirurg und vor wenigen Sekunden hatte er mich aus dem OP geworfen. Ich war bis dahin nur auf dem Stand, dass ein Mann von einem Auto angefahren wurde. Der Fußgänger kam vom Supermarkt. Ich kannte die Straße.
Ben und ich hatten Nachtdienst und bereiteten den OP-Raum vor. Dann hörte man die heulenden Sirenen und das Blaulicht. Gegen die Scheiben drückten sich hysterische Rufe.
Wir zogen uns um und ich wartete im OP, atmete ganz ruhig durch den Mundschutz und führte mit einer Schwester ein Gespräch, wie so etwas passieren konnte. Sie erzählte mir, dass die Straßen glatt waren und das Auto beim Bremsen ins Schleudern kam. Und dann kam das schrille EKG-Piepen in den OP. Das Erste, was mir passierte, war, dass Ben mich aus dem OP warf und mir etwas in die Hand drückte. „Du kommst hier nicht mehr rein“, sagte er und dann schloss sich die Tür.
Bis zum frühen Morgen stand ich mit einem blutverschmierten Portmonee mit Schokoeis auf dem Flur und zitterte am ganzen Leib.

Du bist gar nicht weit weg von meiner neuen Wohnung, weißt du? Ich kann dich also auf dem Weg zur Arbeit immer besuchen und dir neue nicht-duftende Tulpen in dieser feuerroten Farbe auf die kalte Erde niederlegen und dir erzählen, was ich so erlebe. So ohne dich. Ich habe mir auch einen roten Ballon gekauft. Und eine weiße Kordel mit einer Karte. Da schreibe ich irgendwann deinen Duft drauf. Ich bin froh, dass ich dir aber immer wieder verriet, wie sehr ich in dich verknallt war.

Das Telefon klingelt.
Meine Oma ist dran.
Wir reden über ihren Tag.
Nebenbei räume ich den Bilderrahmen aus dem Karton aus und stelle ihn auf.
„Und wie war dein Tag so?“
Ich streife einmal über das kalte Glas, hinter dem die brühwarmen Erinnerungen schlafen, berühre einmal kurz dein Gesicht und antworte:

„Okay.“


Tags: Fux.
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3 Antworten

Kommentare

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    Ja, echt sehr schönund  detailliert. Mit Kleinigkeiten die jeder kennt und sich freut sie wieder zusehen (wie den Doppelpunkt zwischen den Zahlen im Radiowecker). Was hat dich zu der Geschichte inspiriert?


    02.07.2012, 01:13 von Elegian
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  • 2

    Unheimlich berührend. Mir gefällt insbesondere deine Detailgetreuheit.

    22.02.2012, 14:41 von Honigmaedchen.
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  • 1

    Tiefgang. Ich bin berührt!

    22.02.2012, 02:07 von sellardore
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