Der Letzte macht die Tür zu.
Darum mag meine Oma dich nicht.
Meine Oma mag dich nicht.
Das liegt daran, dass sie
auf Höflichkeit steht.
Und wer sich nicht
verabschiedet, ist unhöflich.
Du hast dich nicht
verabschiedet.
Du bist einfach weg.
Darum mag meine Oma dich
nicht.
Der silberne
Bilderrahmen liegt kalt in meinen Händen. Ich fahre ganz vorsichtig
über das Glas, das hinter sich brühwarme Erinnerungen trägt. Ich
bin von diesem Moment, von all den kleinen Gefühlen, überwältigt.
So sehr mir steht kurz der Atem still.
„Na dann viel Spaß!“,
hast du in einem beiläufigen Ton gesagt. Und der Ton schrammelte an
mir herum. Er war mir zu beiläufig und zu sicher. Ich fand, ein
bisschen Eifersucht wäre okay. Eifersucht in Form eines kleinen
Zögerns, eines angedeuteten Schmollmundes oder eines direkten
Fragens, wie „Hä? Wer ist denn Ben? Und warum gehst du mit ihm weg
und nicht mit mir?“ Das Grundgerüst der
Eifersucht fand ich schon immer irre romantisch. Man macht sich
Sorgen und belagert den anderen herzlich mit einer gewissen
Eigenunsicherheit, weil man sich fragt, ob alles okay bleibe. Man hat
etwas Angst vor einem Ende, das man nicht erwartet, noch weniger
will. Keiner hat um einen anderen Angst, wenn der andere für den
einen nichts Bedeutsames ist. Und dieses leichte Pingpongspiel wollte
ich gerne mit dir spielen. Und dann, irgendwann später, hätte ich
mich zu dir gesetzt und gesagt, dass mein Abend -egal ob er nun ein
total toller war oder nicht- eigentlich nur ein okayer war, weil du
nicht bei mir warst. Vielleicht hätten wir dann noch einen Film
geguckt. Oder geknutscht. Oder beides. Aber du wünschtest mir nur
viel Spaß mit Ben. Und fragtest nicht einmal, wer er war. Daher
schmollte ich innerlich und legte mich an deine Brust.
„Was machst du dann
heute?“, murmelte ich und gab dir nochmal die Möglichkeit alles
rauszuholen. Dein Handy vibrierte in der Tasche. Du last die SMS und
lachtest in dich rein. Das konnte ich hören, da mein Ohr direkt an
deiner Brust war. Es brummte immer, wenn du lachtest. Oder redetest.
„Kneipentour!“,
sagtest du nur. Ich stutzte.
„Mit wem?“
„Mit meinen Jungs.“
„Und wer sind deine
Jungs?“
„Meine Freunde?“
„Hm“, sagte ich und
wollte nachfragen, wer denn all diese Freunde waren. Und vor allem,
wie sahen sie aus und wie toll waren sie bitte, dass für ein
bisschen romantische Eifersucht kein Platz mehr war? Es bimmelte in
mir. Eigentlich brüllte es in mir. Eine Stampede aus ganz viel
Gefühlswahnsinn brach aus. Ich war neidisch, dass deine Jungs dich
haben konnten. Im Teilen war ich schon immer schlecht. Außerdem
wollte ich wissen, wohin ihr wolltet und ob du überhaupt Lust darauf
hattest. Unsere Idee, mal unabhängig voneinander etwas zu machen,
schmeckte wie Sanostol. Ziemlich ekelig. Dabei war es eigentlich auch
ziemlich gesund für uns.
„Hm“, machte ich
nochmal. Da hatte mich mein Pingpong der Eifersucht beim
Um-den-Baum-Rennen von hinten wohl erwischt und mal umgenockt.
„Ich kann ihnen endlich
sagen, dass wir zusammen sind“, flüstertest du grinsend in meine
Haare und zeigtest mir auf dem Display deines Handys ein Bild von
uns.
Und plötzlich war alles
okay.
Im Winter vor einem Jahr
konnte man den fallenden Schnee nur ganz schwach erkennen. Der fahle
Lichtkegel der Innenbeleuchtung reichte immerhin so weit in die
Nacht, dass man einzelne Schneeflocken sehen konnte, die jetzt starr
und eingefroren in der Luft hängen. Die Flocken konnte man damals
nur sehen, wenn man mit dem Finger drauf zeigte. Aber das tat keiner.
Und selbst wenn, hätte es mich nicht interessiert. Jetzt finde ich
es schön.
Wir sitzen im Bild auf
einer Bank und sind vom ganzen Gucken betrunken. Überall Bilder und
Figuren. Und Videos, Führungen und Gerede. Überall so viel.
Maßgeblich trug das Bier im Foyer zu meinem betrunkenen Zustand bei.
Es gibt auch einen Poetry Slam, der gerade läuft. Und Sitzsäcke mit
Cocktailtanten, die im gebrochenen Deutsch dafür sorgen, dass man
auch schön betrunken bleibt. Die Sitzsäcke probieren wir noch aus.
Und das wird auch der Moment sein, in dem wir das erste Mal Kopf an
Kopf liegen und meinen, dass die Nacht ewig ist. Und vor den
Sitzsäcken wirst du meine Hand genommen haben, um schneller durch
die Ausstellung zu kommen. Du wirst sie greifen und mich mitziehen.
Und ich werde vor Rührseligkeit und Freude (und ein bisschen durch
den Alkohol) glücklich sein. Doch jetzt gerade bin ich
es auch schon. Wir sitzen auf dieser Holzbank, ignorieren den ersten
Schnee und schauen uns an. Ich schaue mir jedes einzelne Detail in
deinem Gesicht an, das du sehr ernst verstellst. Ich lache.
Jetzt auch.
Es ist Montag.
Ich streife über den schlichten
Rahmen des Bildes hinweg und lege es in Zeitungspapier ein. Akribisch
wird es eingewickelt und bestimmt mit zu viel Tesafilm zugeklebt.
Sicher ist sicher. Die feuerroten Ziffern des Radioweckers surren und
flackern leise, während der trennende Doppelpunkt zwischen Stunden-
und Minutenzahl monoton aufblinkt und dann wieder erlischt. Minütlich
wechseln die Zahlen ihr Aussehen und arbeiten darauf hin, die
Morgenstille wie eine scharfe Klinge zu durchschneiden. Ich zähle
die Sekunden runter, bis der Wecker klingelt.
Von draußen hallt
dumpfer Stadtlärm herein. Straßenbahnen surren, Autos geben Gas,
die ersten Schuhschritte der frühen Leute knallen auf kaltem Beton.
Die Stille ist fort. Ich bin erstaunt, dass schon am Morgen so viel
los sein kann und schaue in den dämmernden Himmel. Er ist grau und
es regnet. Ab und zu gewittert es auch noch.
Und seit Tagen
suche ich das Leuchten am Himmel.
Erinnerst du dich noch daran,
als du mir erklärtest, wie ich mir merken kann, ob es sich um einen
abnehmenden oder zunehmenden Mond handle?
Der Abend mit Ben
war wirklich nur okay. Wir drückten uns von einer Bar in den
nächsten Club, bis uns die Ohren wegflogen. Ben verschwand
irgendwann mit seiner Herzensdame, die er zufällig traf. Ich schrieb
ihm eine SMS und wünschte eine gute Nacht.
Du saßest noch auf
dem Balkon und rauchtest. Mit deiner Gitarre spieltest du Bright
Eyes. Auf dem kleinen Wackeltisch stand etwas Kuchen. Ich setzte mich
zu dir, schaute dir beim Spielen zu und seufzte innerlich auf wie ein
Orkan. „This is the first day of my life“ sangst du und bekamst
einen Kuss, als du die Gitarre zur Seite stelltest.
„Wie war
dein Abend?“
Ich naschte den Kuchen mit der einen Hand und mit
der anderen hielt ich deine.
„Okay.“
Du konntest dir das
Lachen nur knapp verkneifen. Ein leichtes Rauschen ging durch deine
Nase heraus und enttarnte meine eingeprobte Antwort. Was du nicht
wusstest, sie war ehrlich.
Und dann saßen wir aufeinander. Ich
legte meinen Arm um deinen Hals, du stachst mir einmal in die Seite
und ich schnippste aus Rache gegen dein Ohr. Dann guckten wir uns die
Sterne an. Ich beeindruckte dich, als ich den großen Wagen erkannte
und dir wie ein Sternenkundler neunmal-, ach was, vierzehnmalklug
erklärte, wo der Henkel des Wagens im Himmel baumelte.
„Und
ist nun abnehmender oder zunehmender Mond?“, fragtest du mich dann
nach meinem kleinen Wikipediavortrag.
Ich formte das Wort
„abnehmend“ lautlos mit meinen Lippen. Natürlich war es
falsch.
„Zunehmend“, korrigiertest du mich. „Wenn du dir ein
Süttelin-Z anschaust, siehst du eine Sichel, die nach links offen
ist.“
„Ein was?“
„Ein Z, wie deine Uroma es machte. Ein
Z mit einer Schlaufe unten.“
In die sternklare Nacht maltest du
mit deiner leuchtenden Zigarette das Z nach.
„So merkst du dir
den zunehmenden Mond. Und den abnehmenden...“
Dein Glimmstängel
fuhr wieder durch die Nacht. „Den abnehmenden Mond merkst du dir
durch das kleine 'a'. Da ist auch eine Sichel. Nur nach rechts
geöffnet.“
Ich malte in deiner Handfläche die Buchstaben nach.
„Wir sollten reingehen“, sagtest du dann. „Deine Hände
sind eisig. Und dann können wir uns auch die Zähne putzen.“
„Ich
will vorher noch ein Eis essen!“
Deine Augen strahlten ganz doll
und ganz heftig auf und wir rannten zum Kühlschrank. Eis ging bei
uns immer. Egal wann und wo. Daher war es auch immer schnell auf.
Der Badezimmerboden unter meinen Füßen ist
fürchterlich kalt. Darum setze ich mich auf die Badewannenkante,
ziehe meine Beine an und baumle nur wenige Zentimeter mit den Füßen
über die Kälte hinweg. Jedes Mal, wenn ich den Mond sehe, muss ich
an dich denken. Total romantisch, denke ich. Es ist genauso schön,
wie sich Silvester oder Weihnachten die Liebe zu gestehen. Ein
ziemlich perfekter Moment. Aber was ist, wenn die Liebe weicht? Man
wird einmal pro Jahr unweigerlich dran erinnert. Der Jahrestag des
Herzbruchs. Wie wahnsinnig muss man dann sein, jemanden mit dem Mond
zu verbinden.
Das Badezimmer wirkt recht groß. Noch immer stehen
dort die zwei Becher mit jeweils einer Zahnbürste drin. Wir sind
immer zu zweit die Zähne putzen gegangen. Ich stand dann am
Waschbecken und du saßest auf dem Toilettendeckel. In gewaltigen
Sekunden höchster Spontanromantik hattest du meine Zahnpasta schon
auf die Zahnbürste gedrückt. Und wenn meine Hände kalt waren, hast
du extra warmes Wasser laufen lassen und meine Hände drunter
gehalten.
Ich vermisse es ein wenig. Wie den Mond, der sich
hinter dem grauen Schleier verbirgt. Ich nehme deine Zahnbürste,
dein Shampoo, Haargel. Alles kommt in den Karton rein. Ganz
vorsichtig, damit das Bild nicht kaputt geht. Haarbürste, Deo und
Parfüm. Ich sprühe es einmal in die Küche und dann mache ich mir
Frühstück. Wenn man die Augen nun in der Küche zumacht, wirkt
alles sommerlich.
Unsere erste, unsichere Verabredung
meistertest du mit einem Verband an der Hand. Unter dem ganzen Blau
entwickelte sich eine längliche Narbe, die seit zwei Tagen genäht
war. Ich hatte dir kurz vor meinem Feierabend den Glassplitter
rausgeholt und die Wunde genäht. Du standest mit einem weißen
Küchentuch in der Chirurgie und ich dachte: „Kurz vor Feierabend.“
Ich bat dich ins Untersuchungszimmer und du sagtest: „Kurz vor
Feierabend, hm?“ Ich musste lachen und du auch. Ziemlich
unbeeindruckt erzähltest du mir, dass du von der Leiter in ein Glas
fielst. Du warst gerade in deine Wohnung eingezogen.
„Nähst du
mir einen Stern?“, fragtest du.
„Eher streiche ich deine
Wohnung“, duzte ich, lässig wie du da saßest, zurück und bekam
einen leicht roten Kopf. Patienten duzt man nicht.
„Kein
Stern?“
„Höchstens eine feine Narbe.“
„Kaffee?“
Also
tranken wir Kaffee. Die ganze verregnete Nacht durch. Und als es
dämmerte, schlenderten wir nach Hause. Unsere Schritte hallten über
das Kopfsteinpflaster hinweg. Ich streckte meine Hand leicht aus und
lief dicht neben dir her, damit es eine Chance gab, dass sich unsere
Hände zufällig berühren konnten. Deine unverletzte Hand war frei.
Die Straßen unter uns waren glatt. Nach wenigen Schritten dankte ich
meiner Tollpatschigkeit. Ich rutschte aus, griff sofort nach dir und
landete inmitten deiner Hände. Groß, wie sie waren, fingen sie
alles auf. Auch mich. Wir mussten beide lachen und ließen einander
nur ungerne los, als wir ankamen.
„Dann werden wir uns wohl
wiedersehen.“
Es war keine Frage, sondern eine Feststellung,
gegen die ich nichts sagen konnte. Zum Abschied umarmtest du mich.
Dein Parfüm stieg in meine Nase. Du rochst nach der Farbe Gelb und
erinnertest mich an jene Sommer, die weder zu heiß, noch zu kalt
waren. Jene Sommer, in denen der Himmel strahlend blau und nur von
wenigen Wolken besetzt war. Man lag auf der Liege, hörte den
leichten Wind durch dichte, grüne Baumkronen schleichen und Musik
machen. Mit Eiswürfeln war der Eistee versehen, den man halbdösend
trank und meinte, dass dieser Tag niemals enden wolle. Ich atmete
alles ein und nahm alles mit, was ich behalten konnte.
Meine
neue Wohnung hat keinen Balkon. Ich habe mein Frühstück
übersprungen und sitze mit dem Cappuccino auf unserem Balkon. Und
den Schaum löffle ich von oben weg. Ganz vorsichtig kleckere ich ihn
in das kleine Loch der Regenrinne. Seitdem du mir immer beim
Cappuccinotrinken den Schaum klautest, mag ich ihn nicht mehr. Wir
haben immer mit unseren Löffeln darum gekämpft, wer den Schaum
essen darf. Ich habe dich immer gewinnen lassen, weil im Schaum die
ekeligen Bröckchen sind, die sich nicht auflösen wollten.
Ella
findet es übrigens nicht so schlimm, dass ich keinen Balkon habe.
Weißt du, von der neuen Wohnung kann ich zwar nicht so toll über
die Stadt gucken, aber ich habe den Park vor den Fenstern. Im Winter
bestimmt etwas trostlos, aber im Frühling total toll, wenn ich dann
im Schlafzimmer Blättermeerrauschen hören kann. Ich muss nur noch
ein paar Kartons hier einpacken und dann verlasse ich deine Wohnung
auch. Sie ist mir alleine eh zu groß. Ich komme mir hier vor, als
säße ich alleine auf der Titanic. Obwohl du überall hier bist.
Manchmal spüre ich im Bett noch, wie du meinen Nacken küsst, kurz
bevor du aufstehen musstest und zur Arbeit gingst.
Ella hat
übrigens deinen Geburtstag aus meinem Kalender gestrichen. Meine
Eltern finden, dass die eigene kleine Schwester mich öfter besuchen
soll. Ich freue mich auch darüber. Du dich auch? Ihr habt euch immer
gut verstanden. Ella meint, da du eh nicht mehr da bist, muss man den
Geburtstag auch nicht mehr feiern. Sie malte mit Wachsmalern drüber
und meint nun, dass man ihn vergessen wird. Das war immer deine
größte Angst, dass ich vergesse, dich zu vergessen.
Ella mag
immer noch kein Eis essen. „Das bringt Unglück“, sagte sie beim
Malen.
Ich gehe rein und packe den Kalender in den Karton.
Meine
Beine baumelten über der Stadt. Ich beobachtete, wie die Sonne die
gesamte Stadt in einem Ton einfärbte. Die Farbe war irgendwas
zwischen feinem Rot und weichem Gold. Unter mir war der Feierabend.
Leute kehrten heim. Ich brauchte keinen Feierabend, um nach Hause zu
kommen. Denn dort war ich schon. Ich saß auf unserer Dachterasse
und schaute mir den Sonnenuntergang an. Seit Stunden schon. Er fühlte
sich ewig an. Langsam glaubte ich, dass die Sonne heute nicht mehr
untergeht. Die ganze Stadt strahlte. Genüsslich schüttelte ich die
Eiswürfel in meinem Glas hin und her. Die Bäckerei unter uns hatte
begonnen, ihre Feierabendbrötchen zu backen. Der Duft stieg in den
Himmel hinauf und lenkte mich vom Chaos ab. Ich schloss die Augen.
Im
gleichen Moment dröhnte ein lautes Kinderschreien in meine Ohren.
Ich öffnete meine Augen und ballte meine Hände vor Schreck. Der
Schrei war laut, wild, hysterisch. Er klang nach bitterem Schmerz.
Ein Schrei, als habe man etwas sehr Wichtiges verloren. Nur wenige
Sekunden später stieg vor mir ein knallroter Luftballon mit einer
weißen Kordel in den zeitlosen Himmel empor. Ganz neugierig
starrtest du dem roten Ballon nach, wie er sich in die Antenne neben
mir verirrte und hängen blieb. Dabei riebst du beide Handflächen
übereinander, um sie zu wärmen. Es war ein rauer, intensiver Ton.
Und er war schnell. Du schautest einmal zu mir. Dein Blick war
besorgt und müde und wanderte dann nach unten. Dein Blick wandte
sich von allem ab und landete irgendwo in der Ferne. Ganz weit weg
und sah nach Vermissen aus. Deine Blicke reichten schon immer so weit
und verloren sich im Nichts. Das Geräusch deiner Hände setzte sich
über alles hinweg und erhielt meine ganze Aufmerksamkeit. „Ich
habe immer Angst, dass du mein roter Ballon mit weißer Kordel bist“,
sagtest du leise. In einer Blinzelsekunde meines Lebens hast du neben
mir gesessen und es fühlte sich an, als verschwinde meine Hand in
deiner. Und ich mit. Ich betrachtete sie genau. Die kleine Narbe
zierte deinen Handrücken. Im Inneren deiner Handfläche flossen
tausend Linien umher. Immer wieder fuhr deine Hand über meine
hinweg. Irgendwo zwischen Narbe und Linien schlug mein Herz.
Ich
hatte schon immer Höhenangst. Warum sollte ich dir fortfliegen?
Aber das sagte ich dir nicht. Es war ein gutes Gefühl, dir nicht
alles gesagt zu haben; gleichzeitig aber auch ein seltsames. Was
sollte ich machen, wenn ich nie mehr die Chance haben sollte, es dir
zu sagen? Müsste ich dann alle Wörter an einen Ballon binden und
ließe sie fliegen? Ich wusste nicht, was schmerzlicher sein würde.
Die Chance verpasst zu haben oder alle Wörter blind fliegen zu
lassen.
Ich habe den Haustürschlüssel gerade bei deinem
Vermieter abgegeben. Er nahm ihn etwas irritiert an und wünschte mir
alles Gute. Alle Kartons sind raus. Ich habe die Tür fest zugezogen,
als ich abschloss. Wirklich. Wenn man die Tür nicht richtig zuzieht
und sie abschließen will, springt sie irgendwann von alleine auf.
Und dann steht sie weit auf. Das habe ich deinem Vermieter auch
nochmal gesagt. Jedes Mal, wenn ich versuchte, sie abzuschließen und
nach traurigen drei Minuten quengelte, hast du nicht geholfen,
sondern nur schiefgrinsend gesagt: „Der Letzte, der diese Wohnung
verlässt, macht die Tür zu.“ Du kannst nun stolz sein. Ich habe
es geschafft.
Ich turne auf dem Wochenmarkt herum. Ich will noch
Blumen kaufen. Vermutlich hättest du deine Augen nun verdreht, weil
ich nicht einmal unsere Pflanzen am Leben halten konnte. Aber nun ist
mir danach. Ich springe über Pfützen und komme an deinem
Lieblingskäsehändler vorbei. Er grüßt mich, ich grüße zurück
und schlucke dabei einen Kloß die Kehle hinunter. Und dann stehe ich
vor einem großen Blumenmeer. Für mich sind alle Sachen hier Blumen.
Du konntest sie immer auseinanderhalten. Tulpen, Rosen und all die
anderen Namen. Ich gehe zielstrebig auf etwas Buntes zu und zeige es
der Verkäuferin.
„Die da!“
„Ein Tulpenstrauß?“
„Wenn
sie so heißen, ja.“
Ich bezahle sie und freue mich, dass ich
sie in deiner Lieblingsfarbe habe. Ich rieche einmal dran. Und in
meinem Kopf sagst du: „Tulpen duften nicht.“
Und im Kopf zeige
ich dir die Zunge und mache sowas wie „häwäwäwäwä.“ Manchmal
konntest du ein blöder Klugscheißer sein. Und dann haben wir uns
auch wieder schnell vertragen.
Ein Krankenwagen jagt an mir
vorbei.
Mein ganzer Körper zitterte. Ich saß auf dem Flur
des Krankenhauses und fummelte an meiner Arbeitskleidung herum. Ich
stand auf, setzte mich hin. Stand auf und setzte mich. Immer noch
hallten in mir die ganzen Geräusche von rollenden Tragen,
EKG-Geräten und dem Brüllen von Dr. Weiß herum. Dr. Weiß kanntest
du nicht, weil du nie nach Ben gefragt hast. Er war Unfallchirurg und
vor wenigen Sekunden hatte er mich aus dem OP geworfen. Ich war bis
dahin nur auf dem Stand, dass ein Mann von einem Auto angefahren
wurde. Der Fußgänger kam vom Supermarkt. Ich kannte die Straße.
Ben und ich hatten Nachtdienst und bereiteten den OP-Raum vor.
Dann hörte man die heulenden Sirenen und das Blaulicht. Gegen die
Scheiben drückten sich hysterische Rufe.
Wir zogen uns um und
ich wartete im OP, atmete ganz ruhig durch den Mundschutz und führte
mit einer Schwester ein Gespräch, wie so etwas passieren konnte. Sie
erzählte mir, dass die Straßen glatt waren und das Auto beim
Bremsen ins Schleudern kam. Und dann kam das schrille EKG-Piepen in
den OP. Das Erste, was mir passierte, war, dass Ben mich aus dem OP
warf und mir etwas in die Hand drückte. „Du kommst hier nicht mehr
rein“, sagte er und dann schloss sich die Tür.
Bis zum frühen
Morgen stand ich mit einem blutverschmierten Portmonee mit Schokoeis
auf dem Flur und zitterte am ganzen Leib.
Du bist gar nicht
weit weg von meiner neuen Wohnung, weißt du? Ich kann dich also auf
dem Weg zur Arbeit immer besuchen und dir neue nicht-duftende Tulpen
in dieser feuerroten Farbe auf die kalte Erde niederlegen und dir
erzählen, was ich so erlebe. So ohne dich. Ich habe mir auch einen
roten Ballon gekauft. Und eine weiße Kordel mit einer Karte. Da
schreibe ich irgendwann deinen Duft drauf. Ich bin froh, dass ich dir
aber immer wieder verriet, wie sehr ich in dich verknallt war.
Das Telefon klingelt.
Meine Oma ist dran.
Wir
reden über ihren Tag.
Nebenbei räume ich den Bilderrahmen aus
dem Karton aus und stelle ihn auf.
„Und wie war dein Tag
so?“
Ich streife einmal über das kalte Glas, hinter dem die
brühwarmen Erinnerungen schlafen, berühre einmal kurz dein Gesicht
und antworte:
„Okay.“
Tags: Fux.






Kommentare
Ja, echt sehr schönund detailliert. Mit Kleinigkeiten die jeder kennt und sich freut sie wieder zusehen (wie den Doppelpunkt zwischen den Zahlen im Radiowecker). Was hat dich zu der Geschichte inspiriert?
02.07.2012, 01:13 von ElegianUnheimlich berührend. Mir gefällt insbesondere deine Detailgetreuheit.
22.02.2012, 14:41 von Honigmaedchen.Tiefgang. Ich bin berührt!
22.02.2012, 02:07 von sellardore