Der letzte Besuch
Alkohol, Make up, Drogen, du kennst mich nicht, ich kenne dich nicht, Haarspray, Kleider, Beat, Schwarzlicht, Wimperntuscheberge. Knistern, rauschen.
Er sitzt in der U-Bahn, um seinen letzten Besuch anzutreten, es ist Nacht, er friert; die Kälte ist arktisch, dabei ist schon April.
Der Schnee in dieser Nacht; wie hochkarätiges weißes Gold. Er brennt noch immer in seiner Nase. Er weiß nicht mehr so recht, warum er ihn gekauft hat; vielleicht würde sie sich freuen, denn er hatte ihr einen Anteil übrig gelassen.
Sie öffnet ihm die Tür, ihr Lachen, als sie ihn sieht, so überirdisch schön. Er hasst es, er hatte es immer gehasst und er hasst es auch jetzt. Ihre Porzellanpuppenhaut ist parfümiert und das ist noch schlimmer, denn für ihr Lachen kann sie ja nichts und für ihr Lachen kann auch er nichts, zumindest nicht dafür, dass es so überirdisch schön ist. Redet er sich ein.
Er hatte damals fallen gelassen, seine Nase konserviere Erinnerungen besser als ein Tagebuch. Es hatte schön geklungen. Sonne hängt in ihren Wimpern, bevor er sie umarmt, als ob nichts wäre. Ihre Haare kitzeln ihn am Hals, er hat den rein moralischen Drang, einen Schritt zurückzugehen, gibt ihm dann nach und atmet tief ein. Tief. Er weiß, dass sie es auch tut.
Sie schreit, als er die Wohnung verlässt. Sie schreit ihn nicht an, sie schreit sich an, schreit in sich hinein, voller Schmerz, Schmerz, Schmerz, es hallt in seinen Ohren und das macht ihn wütend; denn seine Ohren sind eigentlich an allem schuld, an was er sich erinnert. Die Stimme seines Vaters, die hart und leise zerstört, das Weihnachtslied, das damals im Hintergrund lief, und Musik, immer wieder Musik, und Rauschen, Rauschen so oft, das alles andere, jeden Gedanken knistern lässt, wie in einem schlechten Radio, Rauschen, so gut, denn es verhindert jegliche Klarheit. Doch ihr Schreien ist kein Rauschen, es ist Wuttrauerhassliebebefreiungs-kampf, ihr letzter Überlebenskampf.
Er hatte fast vergessen, ihr den Schnee zu geben. Mit einem Wort des Abschiedes will er es ihr in die zittrige, weiße Hand geben, sie schlägt sie weg, leise leise rieselt der Schnee, ihre Pupillen sind riesengroß, er weiß, dass ihr Körper auf Stress reagiert und dass sie nüchtern ist, sie hatte ihm alles von sich erzählt.
Er sitzt jetzt in der U-Bahn, sie bringt ihn in die andere Richtung.
Menschen steigen ein, wenige, denn es ist Nacht. Er fragt sich, wie sie bei Tag aussehen, ob sie die gleiche Maske aufhaben wird, Alkohol, Make up, Drogen, du kennst mich nicht, ich kenne dich nicht, Haarspray, Kleider, Beat, Schwarzlicht, Wimperntuscheberge. Knistern, rauschen.
Er fragt sich, ob es morgen früh noch wichtig ist für das Mädchen, das ihm gegenüber sitzt, dass sie heute Nacht ihren Freund mit dem Bruder ihrer besten Freundin betrügen wird, ob der Mann, der gerade einen tiefen Schluck bunte Flüssigkeit aus einer Aldipfandflasche nimmt, morgen Mittag noch weiß, wem er heute Nacht einen Zahn ausgeschlagen hat, ob die kleinen kichernden Mädchen, die sich angemalt haben mit rot, lila, blau, braun, rosa, um älter auszusehen, ihrem ersten Mal, das sie vielleicht heute Nacht noch auf der Discotoilette erleben, jemals Bedeutung schenken werden.
Er weiß, dass sie alle diese Fragen mit Ja beantworten würden, und er weiß auch, dass er morgen früh verneinen würde, fragte ihn jemand, ob es wichtig sei, dass er gerade das Porzellanpuppensommermädchen mit dem er die letzten unbedeutenden vier Monate verbracht hat, mit einem Päckchen Koks und einem letzten intensiven, gekonnten Kuss eingefroren hat.




Kommentare
ja, drogen können menschen so verdammt zerstören.
26.07.2010, 12:14 von MsLeighja, wenn man mit menschen zusammen bleiben möchte, denen man egal ist, ist es schrecklich.
es fällt schwer, loszulassen.
ja, diese u-bahn-fahrten kenne ich.
schöner text.
sehr schön.
und leider so wahr.
dito.
17.06.2010, 18:11 von JoannaStarletteich finds sehr schön.kommt mir alles so bekannt vor...
@JoannaStarlette der teaser war großartig. wimperntuscheberge. knistern, rauschen. das is toll.
11.07.2010, 17:38 von kirschbluetenhanamidas "schnee-bild" war etwas zu deutlich. trotzdem mag ich deinen text !!
Ich finde es nach wie vor atemberaubend. Und ich bn der Meinung, dass man sich nicht an sowas wie rechtschreibung festklammern soll. Die Leute die hier was veröffentlichen sind keine redakteure und die texte kommen in keine zeitung, also entspannt euch mal n bisschen.
10.06.2010, 20:32 von wortkotzegefällt... mal was anderes die "ER" Form.. zu dem üblichen ich ich ich
08.06.2010, 17:48 von mill-makeZum Ersten muss ich feststellen, welche grausige Zeichensetzung mir hier zugemutet wird.
05.06.2010, 21:56 von Riku_HanaZum Nächsten sind hier Teilsätze ohne Sinn und Zusammenhang einandergereiht, entweder sollen durch Drogen vernebelte Gedanken plastisch dargestellt werden - dann gratuliere, ich frag mich gerade, inwieweit ich mich berauschen muss, um dem Sprachstil was abzugewinnen - oder wir bekommen hier vorgeführt, was Drogen bewirken und warum man die Finger davon lassen sollte.
Zu dem Hegemann-Vergleich. Kann man ersthaft einen Schreibstil mit einem aus Plagiaten zusammengesetzten Roman vergleichen?
Zum Vierten: Mir gefallen einige der VVerbildlichungen. Sonne in den Wimpern zum Beispiel. Das ist schön.
Durch die gezielte Wiederholung von Schnee Er hatte fast vergessen, ihr den Schnee zu geben. kommt für mich die Bedeutung des Textes deutlich zur geltung. Sehr schöner Vergleich.
05.06.2010, 20:06 von FrageZeichnenGänsehaut...
05.06.2010, 19:55 von LaaIch glaub ich bin nicht genug in der Drogenszene involviert für den Text. Hat mich nicht angesprochen, oder zumindest hab ich den Sinn dahinter nicht verstanden. Den Schreibstil fand ich auch etwas holprig...
04.06.2010, 10:16 von Eve_LaMellnochmal ich= .. cool geschriebene story, da geht kein engel dran vorbei.. kalt aus der hand geschlagene koksdose, einfrierende umarmung, kalt im april in der strassenbahn, ha: wer friert denn da bzw. wer nicht. eine edle trash-romanze fuer psycho- und koksfreunde. was wohl wahr dran ist ..
03.06.2010, 22:27 von YasminTranz