grinchy 30.11.-0001, 00:00 Uhr 10 4

Der kleine Spießer in mir

Aber in aller erster Linie bin ein Flirtopfer.

>Lächeln und Winken!< Mein Mantra für die nächsten 3 Nächte.
Und da kommt auch schon der Erste. Und er ist sogar nüchtern.
Na gut, wir haben auch erst halb 9 aber in diesem Etablissement freue ich mich über jeden der meiner Sprache mächtig ist, noch eine gewisse Grundkoordination besitzt und auch keine Lust auf Diskussionen hat.
„Hi, bist du schon Mitglied in unserem Raucherclub? Nein? Dann musst du dich hier bitte eintragen. Die Mitgliedschaft kostet einmal einen Euro und dafür erhältst du diese wundervolle Plastikkarte mit der du dir nicht nur Luft zufächern und Türen knacken kannst. Nein, auch Koks lässt sich damit super portionieren.“
Zugegeben, die letzten paar Punkte lasse ich meistens weg. Man weiß ja nie wer Zivilbulle ist.
Diesen wundervollen, abwechslungsreichen und kommunikativ extrem anspruchvollen Nebenjob habe ich übrigens den netten, gesundheitsbewussten bayrischen Politiker zu verdanken.
Seit dem in öffentlichen Gebäuden, Bars und Restaurants totales Rauchverbot herrscht sprießen an allen Ecken und Enden Raucherclubs aus dem Boden wie Fußpilz im Schwimmbad.
Mein Job besteht darin ca. 7 Stunden auf einem Hocker zu sitzen und immer wieder das gleiche zu sagen und jeden auf seine Mitgliedschaft hin zu kontrollieren.
Eigentlich.
Denn, wie ich nach den ersten 2 Stunden merken durfte, wird noch wesentlich mehr von mir verlangt.
Ich fungiere nicht nur als Verkäuferin und Kontrolleurin sondern auch als Guide, Türsteher, Streitschlichter, Therapeut und ab und an bin ich auch einfach nur das Arschloch, das den armen Leuten hinterhältig einen Euro aus der Tasche ziehen will.
Aber in aller erster Linie bin ein Flirtopfer.
Leicht ins Visier zu nehmen, da ich meinen Platz nicht verlassen kann und jeder ohnehin an mir vorbei geht.

Sinnlose Diskussionen haben sich in mein Leben geschlichen.
„Ach komm schon. Lass mich einfach so rein. Weil ich so nett bin.“
„Ich hab keinen Euro.“
„Ich will nur kurz schauen ob meine Freunde da sind.“
„Wie? Du kennst mich nicht? Ich bin der Freund von >Schlagmichtot<. Ich bin immer hier. Wahrscheinlich schon seit vor deiner Geburt.“
Diskussionen dieser Art kann ich noch verkraften. Die Fronten sind klar und genau für so was wurde mein Job geschaffen.
Was mich wirklich fuchsig macht sind Männer auf Raubzug. Brandschatzen, plündern und noch ein paar Weiber auf den Karen schmeißen bevor sie heimwärts ziehen.
Langsam aber sicher verliere ich den Glauben in die männliche Menschheit.
„Hey Baby, du bist ja echt der Hammer. Hast du Bock nachher noch mit zu mir zu kommen?“ sind absolut harmlose Sprüche.
Ich Lächle und schüttle den Kopf. Beim ersten Mal.
Beim zweiten Mal höre ich auf zu lächeln und beim dritten Mal ist der Ofen aus.
Dann bekommt der Gute von mir einen Spruch á la „Tu mir nen Gefallen und langweil eine Andere. Vielleicht hast du in ner Taubstummeneinrichtung ne Chance.“ Oder „Wirst du fürs Nerven bezahlt?“ zu hören.
Aber es ist kaum zu Glauben, sogar danach reagieren viele kein Stück sonder ziehen einfach weiter ihre Tour durch. Hauptsache ins Ziel kommen. Egal ob Würde und Stolz auf der Strecke bleiben.
>Dabei sein ist Alles< scheint sich langsam aber sicher auch auf dem Flirtmarkt durchzusetzen.
Es schein immer weniger wichtig zu werden ob der Gegenüber wirklich gefällt. Ob man sich mit ihm unterhalten kann.
Hauptsache am Start prollen und sich am Ende irgendwie ins Ziel schleppen.
Alles was sich nicht schon auf dem Baum befindet wenn das Raubtier die Bühne betritt ist ein potenzieller Mitternachtssnack.
Genommen wird was da ist.
Und das Erschreckenste: Es scheint zu funktionieren. Nicht nur Männer werden anspruchslo(o)ser.
Immer mehr Mädchen lassen sich auch noch vom Letzten aus dem Sangria-Eimer klar machen.
Und plötzlich merke ich das ich vielleicht, möglicherweise, ein kleiner Spießer bin.
Gönne ich den Anderen nicht ihren Spaß?
Na toll, jetzt haben wir den Salat.
In meinem Hirn herrscht Krieg. Vergangenheit und Erfahrungen habe sich gegen Einstellung, Erziehung und Ego verbündet.
Der Kampf wird im Kleinhirn ausgetragen. Die Parteien scheinen gleichstark.
Doch da mischt sich auf einmal die Gleichgültigkeit ein. Sie kämpft völlig für sich alleine und sie bringt ihre Geheimwaffe mit. >Die Faulheit<.
Der Kampf ist entschieden.
Und mich überrumpeln zwei Erkenntnisse.
1. Macht doch einfach alle was ihr wollt.
2. An dem Tag an dem ich nicht mehr auf einen Nebenjob angewiesen bin mach ich ein Fass auf.

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10 Antworten

Kommentare

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      @[Benutzer gelöscht] das pferd würde eh umkippen bei der schnapsfahne

      01.07.2009, 09:36 von grinchy
  • 0

    uiuiui *G* das du dabei ruhig bleiben konntest *G*

    17.03.2009, 00:34 von justnine
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    mich macht es auch immer fassungslos, mit was für Vollpfosten viele Mädels abziehen...

    31.12.2008, 23:32 von Emil_Empire
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      @Emil_Empire sehr nett.. und witzig!... hast auf jedenfall mein tiefstes mitgefühl grinchy!

      16.02.2009, 15:24 von Kalisto
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    ich mag deinen text irgendwie total gern
    du hast das wirklich sehr schön geschrieben,
    und auch das gefühl, dass alles anspruchsloser geworden sind kenne ich auch
    kompliment für deinen text :D
    lg

    26.10.2008, 00:29 von feenstaub.
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    Hihi,

    Kenne das vom Rikscha fahren. Nicht zwangsweise das angeflirtet werden. Obwohl auch das sowohl von Weibchen, als auch von Männchen teilweise penetrant vollzogen wird. Aber vor allem das dumm angelabert werden ist oft echt anstrengen. Á la: "Du fahrst uns fünfe fia 50 cent auf Dachau aussi, oda?" "A komm, gehts weita!!!" "Na, packst as ned, oda?" "Na, ihr seids mia eifach zu bleed. Solche Debn foa i ned." "Is scho kloa. Steht da umanand aber ko nix!" ect. pp.

    Andererseits gibt es natürlich Lokalitäten wo eindeutig "die Jagd" im Vordergrund steht. Aber mal ganz ehrlich: Wenn ich im Winter die meiste Zeit beim Boarden bin, dann will niemand ne Beziehung mit mir. Seh ich auch ein. Dann geh ich zwischendurch auch mal gerne "auf die Jagd". Und ich glaube so geht es heute einfach immer mehr Menschen. Schlicht weg keine Zeit für eine richtige Beziehung. Aber auch mir ist dabei auch aufgefallen, dass es immer mehr Frauen gibt, die auf plumpe Anmachen stehen. Da sind schon alle Frauen auf Karen verladen, bevor jemand zurückhaltendes wie ich überhaupt die Chance hatte, eine vernünftige Konversation anzufangen. Naja.

    Nach der kurzen Enttäuschung bleibt der Stolz darüber ein gewisses Niveau behalten zu haben und die Freude auch den nächsten Tag im Schnee. Der ist ja in ein paar Stunden auch schon da! ;o)

    26.10.2008, 00:15 von 1328
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    Super Thema, schön geschrieben.
    Aber deine Sprüche spielen sich zu großer Wahrscheinlichkeit eher in deinem Kopf ab, als dass du sie offenbarst.

    Nichtsdestotrotz -> Was mich wirklich fuchsig macht sind Männer auf Raubzug. Brandschatzen, plündern und noch ein paar Weiber auf den Karen schmeißen bevor sie heimwärts ziehen.

    --> mmd :D

    23.10.2008, 10:20 von MrKartoffelkopf
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    guter Text. Ich kann viel davon nachvollziehen

    22.08.2008, 14:52 von CrvenoVino
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    Ob Frauen viel anders sind??

    22.08.2008, 13:51 von netter
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      @netter nach meinen neusten erhebungen zu schließen, nicht wirklich

      22.08.2008, 14:08 von grinchy
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      @grinchy Siehst du, irgendwie sind alle gleich.

      22.08.2008, 14:11 von netter
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    cool!!!

    toller satz: Was mich wirklich fuchsig macht sind Männer auf Raubzug. Brandschatzen, plündern und noch ein paar Weiber auf den Karen schmeißen bevor sie heimwärts ziehen.

    sunny

    22.08.2008, 13:33 von RedSonja
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    Allein für diesen Text hat sich der Nebenjob doch schon gelohnt!!
    Fands witzig und gut beobachtet.

    22.08.2008, 13:13 von Tanea
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