Gnat 28.01.2009, 20:59 Uhr 4 2

Der kleine braune Mann

Der kleine, braune Mann und Lena waren ein ganz besonderes Liebespaar. Nicht nur was die Größe betraf.

In ihrem nun 31 Jahre dauernden Leben hatte sich Lena geschworen, niemals mit jemandem zusammen zu sein, der kleiner war als sie. Doch nun war es passiert.

Als sie sich kennenlernten, war es ihr ständig unangenehm, neben ihm zu stehen, weil sie ihn um circa fünf Zentimeter überragte. Lena ist keine große Frau. In ihrem Personalausweis steht, dass sie 168 Zentimeter groß ist. Ziemlicher Durchschnitt. Eigentlich hätte es nicht schwer für sie sein dürfen, einen Mann zu finden, der größer war als sie. Doch dann trat der kleine braune Mann in ihr Leben und seine Größe war ihr egal. Sie wollte nur noch bei ihm sein.
Der kleine braune Mann war nicht nur kleiner als Lena, sondern auch sehr schmal. Er hatte kaum Bartwuchs und auch sein Gesicht war eher weiblich geschnitten. Seine Stimme war nicht etwa tief und sonor, sondern eher hell, fast ein bisschen schrill, vor allem wenn er sich aufregte, was allerdings selten geschah. Trotz all diesen unmännlichen Eigenschaften war Lena sehr glücklich mit ihm. Sie teilte alles mit dem kleinen braunen Mann, ihre Gedanken, ihre Interessen und ihr Bett und das Schönste daran war, dass sie nicht einmal sagen konnte, was davon sie am liebsten mit ihm teilte. Sie liebte seine beruhigende Art, seinen Humor, der ihrem so ähnlich war und seine Zärtlichkeit, wenn er sie berührte. Er war sehr zuvorkommend, fast ein Kavalier der alten Schule, hielt ihr die Tür auf, wenn sie einen Laden betrat, rückte den Stuhl zu recht, wenn sie sich setzen wollte, ohne sich dabei jedoch anzubiedern. Niemals zuvor hatte Lena so einen Mann kennengelernt, der ihr scheinbar jeden Wunsch von den Lippen ablesen und konnte und immer zu wissen schien, was sie gerade wollte. Berühr mich an meinen Schenkeln, dachte sie und er tat es. Ich habe Lust auf eine Kiwi, dachte sie und er sprang keine zwei Sekunden später auf und holte zwei Kiwis aus Lenas Küche. Ihre ungläubigen Augen bemerkte er scheinbar nicht. Lena sah ihn an und er schaute zurück, grinsend, das erste Kiwistück kauend. Nachdem sie ihre Kiwi aufgegessen hatte, schmiegte sie sich an seine schmale Brust, atmete seinen Geruch ein. Es war nicht der schwere Geruch eines Mannes, er war leicht, beschwingend und frisch. Wie eine laue Nacht, in der der Frühling in den Sommer übergeht. Er erinnerte sie an gurrende Tauben, an die unbeschwerte Kindheit, die Lena genossen hatte. Sie grub sich in seine haarlose Brust, wollte in ihn hineinkriechen, ihm so nah sein wie möglich. Der kleine braune Mann reagierte, er streichelte sanft Lenas Gesicht. Sie schloss die Augen. Er benutzte nur einen Finger, während er sich in langsamen, kreisenden Bewegungen zu Lenas Dekolleté vortastete. Lena atmete schwer. Vorsichtig berührte der kleine braune Mann Lenas Brüste, als ob er zum ersten Mal etwas Derartiges entdeckt hatte und es nun neugierig mit seinen Händen betrachten wollte. Der kleine braune Mann ließ sich Zeit, wie bei fast allem, was er tat. Und Lena war es nur recht so, sie wollte jeden Moment mit ihm so lange auskosten, wie nur irgend möglich, auch wenn es ihr zunehmend schwerfiel.
Später lagen sie nebeneinander und schauten an die weiße Decke von Lenas Schlafzimmer. Der kleine braune Mann streichelte sie noch immer, denn alles was er tat, streichelte Lenas Seele.
Einmal war Lena sehr krank. Sie hatte hohes Fieber und ihr Hals fühlte sich an, als würde eine Säge dort Schwerstarbeit leisten. Der kleine braune Mann war nicht von ihrer Seite gewichen, hatte sie umsorgt, wo er nur konnte, brachte ihr Tee, den er ihr vorsichtig einflößte, denn Lena war sogar zu schwach, um eine Tasse zu halten. Er machte ihr Wadenwickel, als das Fieber die vierzig Grad überstieg und wechselte sie spätestens jede halbe Stunde. Als es ihr besser ging, kochte er Hühnersuppe, die Lena nicht sehr gut schmeckte, denn der kleine braune Mann hatte noch nie zuvor Hühnersuppe zubereitet und wusste nicht ganz wie es ging. Doch Lena war es egal, nie hatte ihr jemand eine Hühnersuppe gemacht, wenn sie krank war, nicht einmal ihre Mutter hatte das je getan und sie dachte, sie würde den kleinen braunen Mann von dem Moment an, da ihre Lippen sich fast an der Hühnersuppe verbrannten, noch tausend Mal stärker lieben als zuvor.
Der kleine braune Mann hieß der kleine braune Mann, weil er sich ständig braun anzog. Braun waren seine Schuhe, seine T- Shirts und sogar seine Unterwäsche war meistens braun. Braun war eigentlich von je her die am wenigsten geliebte Farbe von Lena gewesen, doch seit sie ihren kleinen braunen Mann hatte, war es die Farbe, die sie am liebsten von allen mochte. So wie sie den kleinen braunen Mann am liebsten von allen mochte. Wenn er mal nicht da war, kuschelte sich Lena in seinen braunen Rollkragenpulli, der sehr zu ihrem Missfallen immer weniger nach ihm roch, sondern immer mehr ihren eigenen Geruch annahm. Er muss ihn bald wieder anziehen, der kleine braune Mann, dachte Lena bei sich und strengte ihre Geruchsknospen noch einmal sehr an, um ihn zu riechen und die Illusion aufrecht zu erhalten, er läge neben ihr und würde ihre Seele streicheln.

Eines Nachmittags saß Lena in ihrem Liegestuhl im Garten und blätterte durch eine Zeitschrift, als der kleine braune Mann durch ihr Gartentor trat und vor Freude strahlte. Lena setzte ihre große schwarze Sonnenbrille ab, damit der kleine braune Mann ihre Sommersprossen besser sehen konnte, denn sie wusste, dass er sie sehr an ihr mochte. (Übrigens mochte Lena sie seitdem auch) .
„Ich lade dich zu mir nach Hause ein!“, berichtete ihr der kleine braune Mann. Das war etwas Neues für Lena. Sie war noch nie bei dem kleinen braunen Mann gewesen. Seit sie zusammen waren, hatten sie sich immer nur bei ihr daheim aufgehalten. Nie waren sie woanders und trotzdem wurde es ihnen nie langweilig, obwohl sie bisher nicht einmal etwas unternommen hatten. Lena war es ein wenig unheimlich zumute. Doch der kleine braune Mann strich ihr über die Stirn und küsste sie und das mulmige Gefühl verflog. Sie vertraute dem kleinen braunen Mann. Alles würde gut gehen, gut werden, gut bleiben.

Und eines Tages war Lena dann plötzlich bei dem kleinen braunen Mann zuhause. Er hatte ein schönes Haus, viel schöner als das, was sie ihr Eigen nannte, wie sie sich mit ein wenig Scham eingestand. Die Eingangstür war eingerahmt von zwei weißen Säulen, die Tür selbst sehr schwer und durch ein hoch technologisiertes Schloss gesichert, als ob man ein Museum mit vielen Kostbarkeiten betrat, wenn man hindurch ging. Lena betrat eine Art Eingangshalle. Eine Treppe führte nach oben, wohin sie und der kleine braune Mann nun gingen. Lenas Herz schlug sehr schnell und sie konnte sich einfach nicht erklären warum. Das ungute Gefühl war wieder da und sie wurde nur durch die Hand des kleinen braunen Mannes daran gehindert, auf dem Absatz kehrt zu machen und das Haus im Handumdrehen wieder zu verlassen. Doch er geleitete sie sicher zu einem Zimmer, in dem viele Poster von Rockbands hingen. Von manchen hatte Lena schon gehört, aber viele waren ihr nicht bekannt. Die Menschen darauf schauten sehr böse drein und Lena fühlte sich unwohl. Sie klammerte sich an den Arm des kleinen braunen Mannes, der immer noch ihre Hand hielt. Sanft ließ er sie los, nahm ihr Gesicht in seine kleinen Hände und wandte ihren Kopf von den unzähligen Postern ab, die ihr beinahe einen Schrecken einjagten. Er schaute ihr tief in die Augen.
„Du musst keine Angst haben, “ erklärte er. Und sofort war Lena beruhigt. Der kleine braune Mann war ein bisschen wie der Baldriansaft, den Lena eingenommen hatte, wenn sie nicht schlafen konnte. Bis sie den kleinen braunen Mann kennengelernt hatte, hatte sie oft nicht schlafen können.
Der kleine braune Mann ließ seine Hände von Lenas Gesicht herunter gleiten, massierte kurz ihren Nacken. Oh ja, dachte Lena. Sie war Butter in seinen Händen. Seine Hände strichen an Lenas Oberarmen herab und nahmen schließlich ihre Hände, er legte sie sich auf die Schultern, Lena musste ihre Arme nicht weit nach oben strecken, um sie zu erreichen. Er umfasste ihre Hüfte und küsste sie. Lange intensiv, fordernd und zugleich zärtlich, Lena wurde es ganz schwindelig und sie seufzte tief. Der kleine braune Mann hörte auf sie zu küssen und schien sie belustigt anzuschauen. Doch jetzt wollte Lena mehr. Diesmal nahm sie die kleinen Hände des kleinen braunen Mannes und drückte sie fest auf ihre Brüste. Sie spürte, wie sich bei dem kleinen braunen Mann etwas regte, das ausnahmsweise nicht klein war und nun war sie es, die lächelte. Als sie sich ihm spielerisch entziehen wollte, riss er sie an sich und schmiss sie auf das Bett, das mitten im Zimmer stand und von dem aus sie am weitesten von den Unheil verheißenden Postern entfernt waren. Sie rissen sich gegenseitig die Kleider vom Leib und lagen eine kurze Zeit lang einfach nackt aufeinander. So hatte Lena ihren kleinen braunen Mann noch nie erlebt, doch es gefiel ihr außerordentlich gut, wie er sich nahm, was er wollte und wie sie sich ihm hingeben konnte. Langsam ließ er sich in sie hinab gleiten und Lena fühlte sich, als würde sie vor Leidenschaft schreien müssen. Sie zerkratzte ihm den Rücken, der kleine braune Mann machte keinen Mucks, sie zog an seinen Haaren, der kleine braune Mann machte weiter, sie biss ihm in die Schulter, der kleine braune Mann ließ sich nicht beirren. Sie keuchte in sein Ohr und merkte, wie schwer es ihr fiel, die Beherrschung nicht zu verlieren. Dann spürte sie dieses Prickeln, welches anzeigte, dass sie sich ihrem Höhepunkt näherte. Es stieg langsam in ihr hinauf, war fast zum Greifen nah. Doch dann hörte der kleine braune Mann plötzlich auf. Einfach so. Lena hörte Schritte. Sie erschrak. Waren die Poster zum Leben erwacht und bestraften die beiden nun für das, was sie taten? Gehetzt sah sie sich um. Die Poster waren alle an Ort und Stelle, das Einzige, was sich bewegte, war nur die Tür, die der kleine braune Mann zuvor nicht hinter ihnen geschlossen hatte. Eine blonde Frau stand dort in der Tür. Lena konnte sich nicht rühren. Auch der kleine braune Mann schien zu einer Salzsäule erstarrt zu sein, wie er dort über ihr lag, nackt, hilflos. Die blonde Frau starrte nur. Lena kniff die Augen zusammen. Das konnte, das durfte nicht sein. Ihre Zeit mit dem kleinen braunen Mann durfte nicht zu Ende sein. Sie brauchte ihn. Mehr als sie jemals ihren Baldriansaft gebraucht hatte, obwohl sie sich das nie je hätte vorstellen können. Sogar mehr als sie die Luft zum Atmen brauchte. Der kleine braune Mann war ihr Leben. Schlagartig wurde sich Lena etwas bewusst, das schon eigentlich lange offensichtlich gewesen war. Und das nur weil er sie einmal bei sich daheim haben wollte. Das war ihr Verhängnis. Das Verhängnis ihrer Liebschaft, nein ihrer Liebe. Ihrer tiefen, nie zerbrechenden, nie enden wollenden Liebe, die sie sich stillschweigend geschworen hatten. Doch das war es. Das Ende.

Lena saß im Zug und dachte an den kleinen braunen Mann. Er war weggezogen. Weit weg, wie sie gehört hatte. Sie hatte keine Nummer, keine Adresse, kein gar nichts. Nur ihre Erinnerungen an die beste Zeit, die ihr ein Mann je beschert hatte. Aber nein. Sie musste sich korrigieren. Sie machte sich etwas vor. Er war kein Mann. Das hatte Lena nur einfach nicht wahrhaben wollen. Er war ein Junge. Ein fünfzehnjähriger Junge, verdammt nochmal. Ein fünfzehnjähriger Junge, der für sein Alter ein wenig zu klein und zu fein geraten war. Und Lena hatte sich in diese zarte Pflanze und in ihre Unschuld verliebt. Das Gefühl genossen, zu wissen, dass er dachte, sie würde die erste und einzige Frau in seinem Leben bleiben.

Sie hatte ihn geliebt. Liebte ihn immer noch. Sie wird immer an ihn denken, das war ihr klar. Mit einer Mischung aus Schmerz und Wonne. Sie wird ihn immer lieben. Ihm in Gedanken dafür danken, was er für sie getan hatte.
Der kleine braune Junge.

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4 Antworten

Kommentare

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    außer "oh ja, dachte lena" ein sehr schöner text.

    10.05.2009, 22:21 von Schnittlauchschnitte
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    Wunderschön und traurig zugleich. Man kann sich sehr gut hinein fühlen.

    09.05.2009, 11:03 von Gurkenbroetchen
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    tjoa pech ne

    08.05.2009, 17:33 von Gnat
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    "Eigentlich hätte es nicht schwer für sie sein dürfen, einen Mann zu finden, der größer war als sie."

    – da hab ich aufgehört zu lesen.

    08.05.2009, 16:36 von frl_smilla
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