dori90 20.04.2012, 16:56 Uhr 4 1

Der Klang der Kirschblüten

Ein Weg entlang der Erinnerungen.

Gestern fuhr ich einen anderen Weg entlang als sonst. Ich weiß nicht wieso. Alles war ruhig, alles schlief. Meine Gedanken waren leer und noch unbekümmert, frei von bevorstehenden Sorgen des Alltags. Alltägliche Sorgen, alltägliches Tun. An der nächsten Kreuzung rechts. Die Straße glich den anderen, gefüllt von Leere, grauen Flächen und Vergesslichkeit. Die Wolken ließen nicht einmal der Sonne eine Chance zu strahlen, um die Leere weniger alltäglich zu machen. Ich fuhr an einer kleinen Seitenstraße vorbei. Dieser Klang. Mein Kopf drehte sich nach rechts und ich war geblendet von einem glühenden Glanz, der durch die geschmeidigen Zweige eines Baumes knisterte. Ein leises Knistern, welches die Leere und Vergesslichkeit gleichgültig werden ließ. Meine Räder hörten auf sich zu drehen, gefangen im Moment eines Wimpernschlags.


Nie hatten wir zusammen unter einem Baum gesessen, der so knisterte. Dieser kurze Atemzug berauschte meine betäubten Gedanken und Gefühle. Die grauen Straßen wurden gefüllt von Licht, welches den Duft der Vergangenheit hinter meinen Augen emporstiegen ließ. Gedanken verschleiert, eingehüllt in einen aromatischen Vorhang aus rosa Kirschblütendampf. Die Leere und Unbekümmertheit wurde verdrängt. Ich schloss meine Augen. Einundzwanzig, Zweiundzwanzig. Meine Lungen füllten sich mit dem unbeschreiblich süß-sauren, überwältigend warmen Schimmer, der selbst meine Wangen zum Glühen brachte. Ich konnte nicht ausatmen, wollte es nicht. Ein hauchdünnes Tuch geformt aus Klang, Duft und Glanz legte sich um meinen Torso. Es war ein angenehmes Gefühl, umhüllt von Erinnerungen der Gefühle und doch nicht gefangen sein.


Nie hatten wir zusammen unter einem Baum gesessen, der so süßlich blühte. Dennoch war es dein Lächeln, deine Schultern, deine Berührung, deine Küsse, die im rosa Nebel meiner Erinnerung Form annahmen. Vergessene Momente erschienen vor meinem Auge und spielten sich dort ab wo der verlorene Kirschbaum wuchs. Ich würde meine Augen öffnen und bemerken, dass du mich schon siebenunddreißig Minuten beim Träumen beobachtet hattest. Du würdest lächeln und eine Haarsträhne hinter mein Ohr streichen. Dein Lächeln glich den Strahlen, die mich blendeten und innehalten ließen. Vier Sekunden würden vergehen, niemand würde etwas sagen. Dieser einmalige Moment glich dem Knistern der geschmeidigen Zweige. Die Leere erschien gleichgültig, da wir sie in diesem Augenblick vier Sekunden lang die Luft erfüllen ließen, um uns ganz zu vergessen.


Der Dunst meiner Sinne benebelte meine Wahrnehmung und verursachte ein Neuverständnis der Erinnerungen an dich. Wir lagen im grünen Gras unter dem hellblauen Himmel. Deine Fingerspitzen kitzelten mich zwischen den Schulterblättern. So zart, deine Finger. Mein Rücken bemalt vom Schimmer der Sonne. Eine Kirschblüte fiel von einem der Zweige, die sich uns entgegenreckten. Sie setzte sich auf meine rechte Schulter. Der Klang des Berührung verströmte deinen Duft. Der Geruch deiner Brust, nachdem wir Sex hatten; der Geruch deiner lockigen Haare; der Geruch deines Parfums, nichts erfüllte meine Sinne mehr. Du würdest mich unter deinen Arm nehmen, dein Duft würde mich durchfluten und mir die Gewissheit von Bestimmtheit und Sicherheit geben.


Ich öffnete meine Augen und schloss sie wieder. Einundzwanzig, Zweiundzwanzig. Meine Zunge fuhr über meine vom Blütenstaub untergrabenen Lippen. Süß-sauer wie deine Lippen, wie dein Hals, wie dein Bauchnabel. Du würdest meine Lippen einsaugen und meine Schultern gegen die harte Rinde des Stammes pressen. Salzige Erregung und losgelöste Empfindungen. Der Klang des hauchdünnen Tuches, geformt aus Geschmack, Duft und Glanz, als es von meinem Torso gleitet und das Gras umhüllt, verhallte leise. Kein Geräusch, kein Schimmer, kein Duft trennte uns. Meine Zähne verbargen meine Unterlippe und ließen sie unmerklich frei, um den glühenden Duft der Strahlenklänge einzusaugen. Du hast meine Sorgen des Alltags mit Erinnerungen aus einer vergangenen Geschichte in einem rosa Kirschblütendampf ertränkt. Heute morgen fuhr ich wieder den normalen Weg entlang.

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4 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Ganz ehrlich? Nimms nich persönlich:
    Mir is der Text zu kitschig.



    glich dem Knistern der geschmeidigen Zweige


    is für michn Oxymoron.


     


    Aber: Es warn auch schöne Stellen dabei :)

    11.05.2012, 11:02 von Jingeling89
    • 0

      Hehe ja das stimmt. Wollte aber auch in die Richtung gehen ;)

      Danke dir :)

      11.05.2012, 20:38 von dori90
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  • 0

    wunderschön!

    11.05.2012, 10:18 von missweiss
    • 0

      dankeschön!

      11.05.2012, 20:37 von dori90
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