Christoph_Koch 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 8

Der Horror hält Händchen

Der Frühling könnte so schön sein. Aber die betont VERKNALLTEN MENSCHEN überall nerven.

Damit eins gleich klar ist: Es soll an dieser Stelle nichts gegen die Liebe gesagt werden. Eine extrem gute Erfindung, die all dem Herumstolpern in dieser chaotischen Welt ansatzweise Sinn gibt. Das große Problem ist vielmehr die PR-Abteilung der Liebe: All diese betont verknallten Menschen in der Öffentlichkeit. »Pärchen« ist sicher eines der schlimmsten Wörter, die die deutsche Sprache hervorgebracht hat. Umlaut, Diminutiv – und für das weggeschrumpfte zweite »a« wissen Germanisten sicher auch einen Sachbegriff. Pärchen sind aber auch eine der schlimmsten Erfindungen, die der Frühling jedes Jahr wieder in neuer Rekordzahl auf uns loslässt wie Gräserpollen auf einen Allergiker: Prahlerisch verliebt schlendern sie durch die zum Leben erwachten Städte und scheinen nichts anderes verkünden zu wollen als: »Seht her, wir sind verliebt – alle Welt soll es wissen!« Da sie Pärchen sind, halten sie dabei selbstverständlich Händchen, geben sich Küsschen, trinken ein Käffchen und fummeln ein bisschen in kleinen Sträßchen.

Dem Kunstsammler und Mäzen Carl Hagemann werden die Worte zugeschrieben: »Es gibt nichts Ernsteres als ein Liebespaar. Für die Beteiligten selbst. Aber auch nichts Komischeres. Für die anderen.« Das ist angesichts von debilen Kosenamen und Partnerlook-Windbreakern richtig. Doch manchmal vergeht einem das Lachen und Kopfschütteln. Dann nämlich, wenn man merkt, dass diese selig lächelnde Lebensform einen Affront gegen die eigene Unzulänglichkeit darstellt. Allzu oft hat man schließlich das Gefühl, dass Pärchen sich gegenseitig zu einem guten Leben geradezu anstacheln. Ist man bei ihnen, haben sie stets hochwertiges Bio-Naschwerk im Haus, man selbst müsste (wenn mal Besuch käme), beschämt eine an gebrochene Jägermeisterflasche und ein Stück kalte Pizza hochhalten. Sind sie bei anderen Pärchen zum Pastaessen eingeladen, bringen sie stets etwas liebevoll Eingepacktes mit, während bei einem selbst eine – nun immerhin unangebrochene – Jägermeisterflasche in einer Edeka- Tüte am Fahrradlenker baumelt. (Immerhin wird man als Single überhaupt noch eingeladen – wenn auch nur, um lautstark bedauert oder dilettantisch verkuppelt zu werden.) Und am Wochenende schlafen Pärchen nicht etwa bis nachmittags, um dann alleine vor dem Fernseher essend Bundesliga zu schauen – sondern machen sich wachsweiche Frühstückseier, oder romantische Spaziergänge in Parks und zwischendurch zweimal Liebe. Schatz, bitte leg die Jack-Johnson-CD rein, es ist gerade Eisprung.

Man muss keinesfalls ein verbitterter Einzelgänger sein, um an dem Verhalten vieler Pärchen Anstoß zu nehmen. Selbst wenn man selber eine geliebte Person an seiner Seite hat, möchte man nicht zu - sehen, wie zwei Menschen scheinbar keine Minute überstehen können, ohne aneinander herumzufummeln. Ineinander verschlungen sitzen sie da und tun so, als würden sie sich für etwas anderes interessieren als für sich selbst. Er hat seine Hand zwischen ihren Jeansschenkeln einge lagert, sie wuschelt ihm zärtlich im Zeitlupentempo durchs Haar – und immer wieder Küsschen.

Wer von Pärchenhass spricht, darf natürlich von den Lassie Singers nicht schweigen. Jene von den meisten Menschen leider lang vergessene Berliner Band bewies grenzenlose Weisheit, als sie Anfang der 90er passend dichtete: »Ihr denkt ihr seid im Märchen / und seid nur blöde Pärchen / los stürzt euch ins Verderben / denn Pärchen müssen sterben.« Im kollektiven Hassgedächtnis hängen geblieben ist immer der vielzitierte Refrain: »Pärchen verpisst euch / keiner vermisst euch.« Gibt es also etwas Schlimmeres als verliebte Pärchen in der Öffentlichkeit? Kaum. Außer vielleicht solche, die sich im Innersten hassen und dauernd lautstark in Cafés über Nichtigkeiten zanken. Aber selbst die versöhnen sich ja meist eine halbe Stunde später unter lautem Geschmatze und innigen Liebeserklärungen wieder. Und falls nicht, kommen sie todsicher mitten in der Nacht zu ihren alten vernachlässigten Freunden zurück, um sich auszuheulen. Kein Problem, wir holen schon mal den Jägermeister.

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