MaasJan 30.11.-0001, 00:00 Uhr 6 16

Der Hang

Das Kratzen des Strickes hat er mit Sicherheit gespürt, aber geflissentlich ignoriert.

Irgendwann muss er geboren worden sein.
So genau weiß das keiner, außer uns.
Ist auch eigentlich nicht so wichtig, denn jetzt baumelt er hier.
Zehen hängen schlaff und bleich, genau wie seine sterblichen Überreste.
Mehr gibt es auch nicht von ihm.
Kein Wunder, hat ja alles verbrannt. Alles, was ihn an sein Leben erinnerte, mitunter ausmachte.
Aufgelöst in einem Haufen Asche und einem Hauch von verbrannter Herbstluft.
Ob er es gerochen hat?
Vermutlich, kurz bevor er mit allem brach, nicht zuletzt mit dem Leben.
Das Kratzen des Strickes hat er mit Sicherheit gespürt, aber geflissentlich ignoriert.
Was kümmert ein kratziges Seil vor dem großen Krachen?
Nicht viel.
Einen Brief hat er noch geschrieben.
Mit einem Füllfederhalter, ordentlich, ohne Tintenkleckse.
Ob er den Briefbogen andächtig und ordentlich gefaltet hat?
Wahrscheinlich.
Er war immer gierig gewesen, hatte nach Leben gelechzt, jede Minute ausgekostet.
Wahrscheinlich auch eben diese, seine Letzte.
Fremdes Leid konnte er schlecht ertragen. Eigenes noch viel weniger.
Deswegen hat er die Kirchenkollekte stets mit Papiergeld bedacht.
„Damit die Münzen nicht so erbärmlich klimpern.“
Er war stets der Erste , der kondolierte, hat es ebenso stets gehasst.
Nun nötigt er alle dazu.
Ob er sich über die Flut an Kondolenzkarten wundern würde?
Oder eher über den Moment?
„Er war ein sehr beliebter Mann, unfassbar beliebt, weißt du?“ sagt sie.
Vielleicht.
Zumindest zeugt die Salzkruste auf dem Umschlag von den letzten klaren Gedanken.
Warum er weg wollte?
Dass ihn nichts hielt, verschweigt er zumindest.
Er wusste um die Lücken, die es zu füllen galt. Und dass er grandios scheitern würde.
Vielleicht war es auch einfach das Gefühl, nicht nur durch mit dem Leben zu sein, sondern einfach auch fertig.
Eigentlich ein schönes Ende.
Gefunden werden wollte er nicht.
Obwohl er wusste, dass man sofort nach ihm suchen würde.
Hat sich den schönsten Schemel gegriffen und mühsam die Treppen hinauf gewuchtet.
In aller Ruhe den Brief geschrieben und seine Kiste verbrannt, sich ausgezogen und ist auf den Schemel geklettert.
Seine nackten Zehen müssten das kühle alte Leder gespürt haben.
Interessiert haben, wird ihn das nicht.
Was ihm vor dem letzten Satz durch den Kopf gegangen sein mag?
Mir zumindest dreierlei.
Ich liebe dich.

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6 Antworten

Kommentare

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    Haste wieder schön gemacht Maasichen!

    10.06.2014, 19:47 von jebus
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  • 0

    Oh....


    Das ist das Schönste seit langem.

    21.05.2014, 20:53 von cosmokatze
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Diesen Abschiedsbrief schreiben wohl weniger als 20%. Aber ist ja eigentlich voll schnuppe.

    21.05.2014, 14:58 von Feodor
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  • 2

    geflissentlich ist ein tolles wort.

    28.04.2014, 12:03 von mo_chroi
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  • 0

    Sehr fein, Orange. Sehr fein.

    27.04.2014, 21:33 von JackBlack
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