justanotherpicture 11.01.2013, 14:10 Uhr 44 60

Der Geschmack von Eisen

„Ich bin schlecht im Dinge beenden“, sagte er.

„Ich bin schlecht im Dinge beginnen“, antwortete sie.

„Sollten wir uns dann nicht zusammentun?“, sprach er mehr zu sich selbst als zu ihr.

Im Bett studierte sie seinen narbenübersäten Körper und stellte fest, dass nur die Narben seiner Seele noch tiefer waren. Just promise me that you’ll never leave, stand über seinem linken Schulterblatt in verblassten Lettern, unbeholfen gestochen wie eine Knast-Tätowierung.

Tiefe Glückseligkeit durchströmte sie, wenn sie spürte, wie jede Faser seines Körpers vor Lust pulsierte und er bebend vor Erregung in ihr kam.

Doch zuverlässig hielt der Winter eines Tages Einzug in ihr Herz. Schwarze Schneeflocken legten sich auf ihr Gemüt und betteten sie auf einem aschfahlen Himmelbett.

Heute.

Über Nacht hat der erste Frost seit langem einen Schmetterling überrascht und in ewigem Schlaf mit einem Veilchen vereint.

„Bist du glücklich?“, fragt er sie in der Straßenbahn und hält ihre Hand.

Ihr Blick wandert nach draußen und verliert sich in grauen Häuserfassaden.

„Ja“, sagt sie und beißt sich auf die Unterlippe, bis sich der Geschmack von Eisen mit ihrem Speichel vermischt.

Am Bahnhof verlässt sie den Zug und lässt ihn allein zurück. Zum Abschied nur ein Kuss und zwei Worte. Rasch wird sie von den Menschenmassen verschluckt.

Er fährt mit der Zunge über seinen Mund, schmeckt das Blut und schaut ausdruckslos aus dem Fenster. Leuchtreklamen ziehen an ihm vorbei. Endlich lächelt er. Und lässt los.

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44 Antworten

Kommentare

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    So wunderbar gefühlvoll umschrieben!

    29.04.2013, 21:46 von matilde
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  • 1

    Richtig,richtig gut !

    09.02.2013, 16:52 von mariedreams
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    so gut!

    28.01.2013, 21:25 von butterkitten
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    Der Titel hat mich sofort angesprochen und ich war sehr fasziniert als ich entdeckte wie er zur Geschichte steht...

    24.01.2013, 00:51 von wortverliebt.a
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  • 0

    Das Ende finde ich ganz großartig, sodass der Anfang, der mich nicht begeistern konnte, verblasste. Danke dir für den schönen Text!

    23.01.2013, 15:28 von fraeuleinPanda
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  • 0

    Gut geschrieben, wenn auch für meinen Geschmack teilweise etwas zu gestelzt ("vor Lust pulsierende Körper", "Just promise me that you'll never leave"-Tattoo). Aber das Ende fand ich echt gut.

    16.01.2013, 01:39 von Juliie
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  • 1

    sehr gut..

    15.01.2013, 13:56 von sharkai_elayd
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  • 1

    Ich habe mehrere Anläufe gebraucht - vorgestern, gestern und heute. Mit jedem Mal Lesen gewinnt der Text mehr und mehr an Tiefe. Schön.

    15.01.2013, 12:40 von lalina
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  • 2

    Am Anfang wusste ich nicht, worauf der Text hinaus will. Im Mittelteil dachte ich dann: "moah, wie packt der nur solche Bilder in so kurze Sätze". Am Ende hab ich dann einfach nur dagesessen und gestaunt. Meiner Meinung nach einer deiner ausdrucksstärksten und für mich beeindruckensten Texte. Gerade weil er kurz und unaufgelöst bleibt. 

    15.01.2013, 03:16 von berlin_bombay
    • 0

      Wie packt er nur solche Bilder in so kurze Sätze - war auch mein Gedanke.

      29.03.2013, 16:32 von Neania
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  • 1

    so sprunghaft geschrieben, aber gerade deswegen so gut!

    14.01.2013, 17:51 von marie-gold
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