Der ganzen Welt präsent.
Sie alle waren zu aufgeregt über ihre Entdeckung, als dass sie darüber sprachlos geworden wären.
Ich hatte in dem Traum keinen Körper, oder zumindest keinen
Spiegel. Und die Wahrnehmung meiner Selbst war vollkommen belanglos.
Viele Menschen, auch sie körperlose Stimmen, erzählten mir von dem schönsten
Foto, das sie bisher gesehen hätten, und von dem Mann, den das Foto abbildete.
Sie alle waren verzaubert von
seinem Lächeln, fasziniert von seinen Augen und sie alle waren zu aufgeregt
über ihre Entdeckung, als dass sie darüber sprachlos geworden wären.
Es dauerte wohl ewig, bis ich mich dazu hinreißen ließ, dieses Foto zu betrachten. Doch dann steckte es mir jemand zu. Die Situation lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Am Ende hielt ich es jedoch in der Hand:
Das erste Bemerkenswerte an dem Foto war die Intimität, die es
ausstrahlte. Es war, als wäre ich heimlich in ein Leben eingedrungen und würde einen
sonst gar unmöglich authentischen Moment beobachten.
Es war eine Wand auf dem Foto, der Bodenbelag und ein Stuhl. Und auf dem Stuhl saßt
Du.
Fast lächerlich falsch herum, die Arme locker auf der Lehne verschränkt, den
Kopf geneigt; in einem weißen T-Shirt und der dunkelroten Boxershorts , in der
ich mich oft unbesiegbar gefühlt hatte.
Du sahst aus, wie so viele Male zuvor.
Doch in diesem Augenblick wurde mir bewusst.
Dass Deine Schönheit nicht mehr mein Geheimnis war.
Und ab sofort der ganzen Welt präsent.
Deine Lippen spielten mit einem sanften Lächeln. Deine Grübchen zeichneten
kleine Fältchen und Dein Blick. War so tief. Dass mir die Lunge riss. Oder das
Herz. Oder Beides.
Mein Blick wanderte Deine dünnen Beine hinauf. Dann entdeckte ich den Schaft Deines Schwanzes.
Beschämt schaute ich weg. Zu intim war dieser Moment. Als
hättest Du mich direkt angesehen. Mit all Deiner Imperfektion. Die unerreichbar
schmerzte.
Ich ließ das Foto wohl fallen, denn einen Sekundenbruchteil später war ich wach. Und das Foto von Dir nicht mit mir in der Realität.



Kommentare
erst dachte ich mir:
19.11.2012, 20:00 von Ansoticageht. der Text. so weiter. wie. der Teaser. ?
fand ihn dann aber stilistisch doch ganz nett zu lesen.
"An deinen dünnen Beinen bleib ich hängen, wandere Deine... hinauf..." Biste 'ne Spinne?
19.11.2012, 16:10 von JustaffHaste Recht, eigentlich nich.
19.11.2012, 19:29 von Sarah.tanztBis zum Schwanz fand ich den Text gut, sprachlich wie auch stilistisch. Beim Schwanz allerdings, auch wenn es ab da sowas wie ein Stilmittel ist, die ruhige Art des Erzählens ins Aufgebrachte zu lenken, dachte ich noch, ja, die Perfektion der Fotografie lässt uns auch in keiner Realität zurück.
Ein Lungenriss ist 'ne verdammt ernste Sache, Mensch....
17.11.2012, 09:21 von somehowamusing