MrMelancholia 27.11.2015, 16:47 Uhr 0 1

Der erste Schnee

Promises are made to keep.

Da stehe ich nun, morgens um halb zwei im dichten Schneefall auf einem Friedhof im Süden der Republik, wo ich extra für Dich mitten in der Nacht die 150 Kilometer hingeschlittert bin.

Es ist jetzt fast einen Monat her, seit Du gegangen bist, oder wie Sinnead O'Connor das so wunderbar ausdrückt - since you took your love away. Liebeskummer hast Du mir allerdings keinen beschert, da waren wir lange drüber hinweg. Nur eine Sache, so essentiell wie einfach, hättest Du mir sagen können: wie wenig man sich darauf vorbereiten kann, und dass dies eines der wenigen Dinge im Leben ist, die einem niemand beibringt.
Außer irgendjemand übernimmt die Vorreiterrolle, und das hast Du ja nun getan.
In unseren letzten Wochen, die für mich wie eine unendliche Eisenbahnfahrt waren, schimmernd und verschwommen und schnelllebig (haha, bitter taste of irony) und dauernd übermüdet, in einem Bann aus Angst und Freude und völliger Unfähigkeit, gab es viele dieser Momente, von denen ich glaube, sie werden ein Leben lang anhalten. Dazu gehörte nicht, wie Du mir sagtest, dass ich der einzige Mann sei, den Du je wirklich geliebt hast und dass Du mich gern auf den letzten Metern noch heiraten würdest, nur um irgendwie ein bisschen angekommener gewesen zu sein im Leben - nein, es war der eine Satz, der hieß: ich will noch einmal in diesem Leben mit Dir auf den ersten Schnee warten, und wenn mir die erste Flocke ins Gesicht fällt, Deine Hand nehmen und die Augen zu machen.
Das war zu einer Zeit, wo ich schon aufgehört hatte, Dir Versprechungen zu machen, weil wir beide wussten, dass ich sie nicht würde einhalten können.

Ich wünschte, ich hätte, als unsere Zeit war, schon ein bisschen mehr vom Leben gelernt gehabt, wäre ein bisschen toleranter gewesen. Dann wünschte ich wieder, nichts zu bereuen, denn diese Unendlichkeit, die wir einen Sommer lang hatten, die ist wohl nicht zu toppen. Always like a forever, das war ja Dein Motto. Und als wir uns dann sechs Jahre später ein letztes Mal wiedersahen, haben wir das genauso gehalten. Das haben wir gut gemacht.

Ich kann nicht fassen, dass Du es nicht schaffen konntest. Ich kann nicht fassen, dass der Moment kam, an dem der Arzt uns bat, aus dem Raum zu gehen. Ich kann nicht fassen, dass er sagte: "Es ist vorbei. Sie müssen sie jetzt gehen lassen."

Dann bin ich ein letztes Mal aus der Onkologie gegangen, an der hässlichen Pflanze vorbei, an deren Spitze ein Papierdrachen baumelt, den ein Kind gebastelt hat, das mittlerweile vermutlich ebenfalls tot ist. 


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