human_coloured_alien 30.11.2012, 14:48 Uhr 6 14

Der Cellist im Dunkeln

Er liebte sie, jeden einzelnen seiner Töne, die lauten, die leisen, die langen, die kurzen ...

Den Kopf tief über den Korpus aus dunklem Holz geneigt, malte er mit dem Bogen in seiner rechten Hand Schatten an die Wand, im Halbdunkel kaum zu erkennen. Jeder Ton verwandelte sich vor seinen Augen in eine Seifenblase, gefüllt mit dunklem Rauch. Sie trieben vor ihm durch die Kälte, neben ihnen der weiße Dampf, der einmal sein Atem gewesen war und platzten an den nackten Wänden des kargen Raumes, vier Wände, drei Fenster, zwei Türen und in der Mitte ein Stuhl. Es war nichts und es war doch alles.
Er verfolgte die Töne seines Instruments, die Erzeugnisse seines Schaffens und hörte ihnen beim Sterben zu. Wenn sie verklangen, dann war es ihm, als bräche Glas in seinen Ohren. Er liebte sie, jeden einzelnen seiner Töne, die lauten, die leisen, die langen, die kurzen und am allermeisten die, die die Sehnsucht in seinen Venen durch seine Finger auf den Bogen trieb, der die Saiten streichelte und mit wilder Gewalt durch sein Instrument und sein Herz jagte.

Sommer war es gewesen und ein langer, ebener Weg war vor ihnen gelegen, durch sanfte, frisch grüne Hügel und Heerscharen von Schmetterlingen. Der Himmel hatte sich jeden Tag eine andere Pastellfarbe ausgesucht und sie hatten Luft und Liebe geatmet und den Tau von den Lippen des anderen geleckt. Er hatte jeden Morgen neue Sommersprossen auf ihrer Nasenspitze gefunden und die Sonne in ihren Haaren gerochen. Sommer war es gewesen und er war so verliebt.

Sein Atem gefror in der Luft noch zu Reif und die Schatten tanzten durch den kahlen Raum, während er sich in Ekstase spielte, in der Hoffnung, nach dem perfekten Ton ein letztes Mal weiße Wolken zu atmen und sie, zeitgleich mit dem Erstummen seiner letzten Melodie verschwinden zu sehen. Wohin gingen Töne, wenn sie gespielt waren und niemand sie mehr hören konnte? Gingen sie in die Welt unter dem pastellfarbenen Himmel, wo Heerscharen von Schmetterlingen sich in blondem Haar verfingen, dass der Wind in Aufruhr brachte und das nach Sonne roch? Starben Töne wie gute Seelen? Gab es einen Himmel für Klänge und welchen Weg gingen sie dorthin?

Sommer war es gewesen und milde Nacht in den Hügeln, als sie zu husten begann und nicht Blüte, noch Sonne sie wiederfand. Und ihre Sommersprossen verblassten auf ihrer Haut und sie wurde so dünn, dass sie unsichtbar zu werden begann und er begann zu spielen und spielte ihr ein Kleid aus Tönen um sie zu halten und zu wärmen. Doch je verzweifelter er spielte, desto mehr schwand sie und schließlich wurde sie ganz und gar unsichtbar und ihr Geist ging, wie dunkler Rauch in einer Seifenblase, die auf nackte Wand in einem kargen Raum trifft. Doch sie versprach ihm, auf ihn zu warten, unter dem pastellfarbenen Himmel, zwischen den sanften, frisch grünen Hügeln und er wusste, es würde dort sein wie früher, Sommer und Licht in ihren Augen und sie würden verfolgt werden von Heerscharen von Schmetterlingen, die die Sonne in ihren Haaren riechen konnten. Und er wäre immer noch so verliebt.

Doch er fand den Weg nicht dorthin und so saß er allein im Dunkeln und sein Atem gefror zu Reif in der Nacht und er spielte gegen seinen eigenen Schatten und er spielte mit Verzweiflung und Sehnsucht und schickte jede seiner Melodien in den Himmel für Klänge und weinte um sie alle, denn sie waren das Einzige, was er noch zu lieben vermochte, die lauten und die leisen Töne, die langen und die kurzen und ganz besonders die, die die Sehnsucht in seinen Venen durch seine Finger auf den Bogen trieb, der die Saiten streichelte und mit wilder Gewalt durch sein Instrument und sein Herz jagte.

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6 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Wahnsinn...man spuert foermlich den Schmerz des Protagonisten..

    05.12.2012, 16:08 von LupinaThirteen
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  • 1

    Ich habe den Text gerne gelesen und er hat mich berührt.

    04.12.2012, 14:40 von wunschpunkt
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  • 1

    wow...sehr schön geschrieben..

    04.12.2012, 02:38 von Sanne19
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  • 1

    Sprachlos. Ein wirklich berührender Text....

    03.12.2012, 23:14 von black_eye
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  • 2

    "...begann zu spielen und spielte ihr ein Kleid aus Tönen um sie zu halten und zu wärmen.

    Finde ich sehr gelungen.

    03.12.2012, 18:58 von marco_frohberger
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  • 1

    oh wow, wie gut mir das gefällt. sprachlich unheimlich schön...
    ich mag die Frage danach, wo die Töne hingehen, wenn sie verklingen..
    schön, schön!

    30.11.2012, 20:21 von Herztraene
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