Der bittere Nachgeschmack
Eine Zeit, die beflügelte, dann verdammt weh tat und ganz am Ende stark gemacht hat
Es war schon lange nach Mitternacht, irgendwo hinter den Dächern der Stadt hätte man den neuen Tag erahnen können. Die Tanzfläche war voller Marionetten der Musik, in ihrem Taumel, sie hatten es kaum bemerkt, war die Müdigkeit schon lange vorbeigezogen.
Ein junger Mann drängt sich durch die Menge. Sein Versuch, den randvollen Becher Bier heil durch die tanzenden Leute zu bringen, scheiterte kläglich. Und das genau an meiner Schulter.
Nicht so schlimm, bin nassgeschwitzt. Trotzdem. Stumm formen seine Lippen einen trägen Satz, ich verstehe ihn nicht. Ein Lichtkegel streift ihn, sein T-shirt ist gestreift und verschwitzt. Ein kurzer Blick, dann wankt er weiter. Er muss schon einiges getrunken haben.
Halb fünf, die Menge kocht. Da ist er wieder und sieht mich an. Er zieht mich an sich, tanzen kann er. seine Hände an meinem Rücken, immer tiefer wandern sie.
"Will ich das?"
blinkt es träge in meinen Kopf, aber wir küssen uns schon.
Der Kuss, ein physischer Vorgang. Es ist das plötzliche Zusammentreffen zweier Münder irgendwann und irgendwo, der eigene Speichel mischt sich mit demjenigen eines Fremden, abrupt und ohne Emotionen.
Nein, ich habe nichts getrunken. Da ist sie auch schon wieder, die Leere. Begehrt zu sein fühlt sich süss an. Eigentlich eher bittersüss, sei ehrlich, bitter, aber bitter ist besser als nichts.
Scheisse alle sehen uns. Alle wissen, dass ich leicht zu haben bin. Egal, die Nacht darf erst zu ende gehen, wenn was gelaufen ist. So bitter, ich möchte kotzen. Doch danach: Leere. Alles ist besser als Leere.
Der nächse Tag. Er wollte mich wiedersehen, sagte mir, dass er nur an mich denken könne und sich über einen Besuch von mir freuen würde, was ich gerade mache, wieso ich nicht wolle. Alles sei locker, nein, vertrauen sei gegeben.
"Denk nicht so viel nach!"
Die Leere ist wieder da, die Angst, alleine zu sein, auch. Ich sehe dich nicht und will nichts über dich wissen, du bist durchsichtig wie eine Scherbe und genau so austauschbar. Nur eine Bitte: weis mich nicht zurück.
Ich, Ich, Ich.
Du kannst dich noch so bitter anfühlen, hauptsache du schmeckst nach Irgendwas. Ich will wissen, dass ich noch schmecken kann. Eigentlich will ich gar nichts wissen, nur, die Leere kann ich nicht ertragen.
Doch das weiss niemand.




Kommentare
hmm. stimmt irgendwo ja schon.
05.10.2006, 16:59 von envyschön geschrieben, gefällt mir.