Mutlos 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 1

Der August, der niemals endete

"Vergiss mich nicht, ja?" - "Natürlich nicht" Natürlich tat Er es.

Er:
Groß, muskulös, intelligent, engagiert, Partysau, von allen geliebt, doch zu schüchtern, wenn es darauf ankam, 18

Sie:
Klein, klug, leidenschaftlich, aufopfernd, introvertiert, von allen bewundert, doch am wenigsten von sich selbst, 18


Es gibt diese Zeiten im Leben, da Entscheidungen gefordert werden, die uns auf einen bestimmten Pfad führen, die das Leben zum Leben machen.
Für Sie und Ihn war eine dieser Zeiten der Sommer, ein heißer, berauschender Sommer der für Sie nie enden sollte. Es war nach dem Abitur, dem hart erarbeiteten Schulabschluss. Der Druck fiel ab. Sie waren nichts: Keine Schüler, keine Auszubildende, kein Studenten. Sie waren niemand anderes als einfach nur sie selbst, ungebunden wie nie zuvor. Die Abende waren lang und lustig. Sand zwischen den Zehen, Salz auf der Haut, Alkohol im Blut, Rauchgeruch in den Kleidern.

Schon lange hatte Sie ein Auge auf Ihn geworfen. Ihn, den alle bewunderten, der Womanizer, der Kerl, der die besten Sprüche bringt und trotzdem kein Arsch ist, sondern höchst zuvorkommend. Doch es schien hoffnungslos, er hat noch nie ein Mädchen an sich herangelassen, war auf der Suche nach sich selbst und nach niemand anderen. Wieso also zögern? Sie entschied sich. Amerika.
Er findet Mädchen generell ganz anziehend. Doch Sie war anders. Sie war die erste, die nicht aufgab, die ihn auf einer ganz unbekannten Ebene berührte, aber was sind schon Gefühle? Er hatte sich schon lange entschieden, es sei wichtig, Geld zu verdienen, sich etwas leisten zu können, ein Standbein aufzubauen. Studium.

Der Pfad war gewählt. Die Entscheidung war gefallen.

Und dann kam der August: Die letzten Wochen des Nichtssein, des Genießen des Lebens. Eines Sommerabends reihten sich beide, Er und Sie in die Reihen eines Freiluft-Festivals ein. Bunte Lampions erwärmten die Dunkelheit, schlechte Musik erregte zum Tanzen und plötzlich waren sie beieinander. Umschlungen, Seine Hände um Ihre Hüfte, Ihre Arme um Seinen Hals. Sie wussten, sie hatten sich nur noch ein paar Wochen, bevor sich ihre Wege trennen würden und genossen die verbleibende Nähe. Sie tanzten und drehten sich. Lachten, unsicher und doch bestimmt, sahen sich ungläubig in die ehrlichen Augen. Stunden vergingen, Sternschnuppen vergingen. "Weißt Du, was ich mir gewünscht habe?" - "Nein, was ist es denn?" Und da berührten sich ihre Lippen unter dem unendlichen Himmelszelt. Kein Gedanke an die Zukunft. Sie lebten im Jetzt und Hier, und nichts zählte mehr als dieser Moment.
Doch dieses Mal war es mehr, sie konnten sich nicht vergessen.
Aber die Zeit entrann schneller als gedacht, Ihr Abflug war nur noch wenige Woche entfernt.
So kam Er eines Nachts zu ihr. Keine Ahnung, was Ihn gerissen hatte. Juvenilität? Sehnsucht? Schlechtes Gewissen? Aber Er war hier. Sie waren zusammen, das war das einzige, was zählte.
Nächte vergingen, heiße Küsse, klopfende Herzen, weiche Hände, geschwollene Lippen.
Und da standen sie, in der Nacht, da der große Vogel sie mit nach Amerika verschleppen sollte, und konnten sich nicht voneinander losreißen. Tränen, zitternde Stimme, Verzweiflung.
"Vergiss mich nicht, ja?" - "Natürlich nicht"

Das war das Ende des Augusts, das Ende Ihres Lebens. Sie fing ein neues an.
Aber er lebte weiter.

Monate vergingen. Sein Leben ging seinen Lauf, jeder Monat forderte ihn neu. Er war noch derselbe, lernte neue Menschen und Mädchen kennen, wenn er sie doch auch niemals vergaß, doch was konnte er schon tun? Er würde Sie nicht vor dem Ende Ihres Auslandaufenthaltes wiedersehen.

Doch für Sie ist es immer noch August, jeder einzelne Tag war August. Nimmermüde hoffte sie jeden Abend, dass er sie nicht vergessen würde, als wäre es gestern gewesen, dass Sie ihn zum letzten Mal sah.

Er aber lebte weiter. Für ihn war der August vorbei.


Tags: Auslandsjahr, Trennung
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