AluRockt 22.04.2007, 19:14 Uhr 31 28

Der Alte. Ewige. Unzerstörbare.

Ihr Freund ist nett, gutaussehend und sportlich. Ein perfektes Arschloch.

Keine Ahnung, weshalb ich schon wieder hier sitze. Kaffee und Uhr im Blick, Füße extreeeeem weit ausgestreckt, gefaltete Hände, Dauergrinsen. Gegenüber sitzt sie, meine ewige Flamme, für die ich bedauerlicherweise zu einer Art Vorzeigekumpel geworden bin. Sie schwärmt mir vor, wie wichtig ihr unsere Freundschaft ist, und hofft, dass sich daran nichts ändern wird, auch wenn sie im Sommer die Uni wechselt. Ihre Einstellung zu unserer Beziehung teile ich nicht im Geringsten. Ich bin gelinde gesagt verknallt und hasse unsere Freundschaft. In einer Mischung aus offensiver Scheißegalhaltung und tiefstem Pessimismus lasse ich mir davon nichts anmerken. Während sie mir von ihrem perfekten Leben vorschwärmt, grinse ich freundlich weiter. Vielleicht warte ich auf ein Wunder, eine göttliche Erscheinung, die ihr die Augen öffnet. Keine Ahnung.

Jedenfalls gibt es einen guten Grund, die Dame schnellst möglich zu vergessen. Dank einer in naher Zukunft tragisch zu Bruch gehenden Beziehung mit meinem Mädchen, hat dieser Grund auch einen Namen: "Freund" - nein, schlimmer: "Ihr Freund". Ihr Macker ist so eine Art Topmodel unter den Lebensabschnittspartnern. Durch einen bedauernswerten Unfall bei der Entstehung des irdischen Lebens scheint dieser Typ sämtliche positiven Genome der menschlichen DNA auf sich vereinigt zu haben. Er ist eine Art porschefahrende, anthrazitäugige Wollmichsau mit polizeischule-gestähltem Waschbrettbauch und eingebautem Expressoaufschäumer für unterwegs. Gibt es irgendein Sportteam, in dem er nicht das Sagen hat, dann wird diese Mannschaft durchgereicht bis in die Bauernliga. Seine Elf dagegen spielt in Kürze sicher die Bayern an die Wand und zieht dank seiner fünf Traumtore in die Champions League ein. Sie findet ihn toll, ich finde ihn zum Kotzen. Natürlich!

Auch hierfür gibt es Gründe, deren Objektivität in etwa so gewahrt ist, wie die der chinesischen Regierung im Bezug auf die Ausweitung der Menschenrechte. Kürzlich hatte ich die zweifelhafte Ehre, das materialisierte Nichts an ihrer Seite persönlich kennen zu lernen. Eine mit schmalem Grinsen quittierte Bekanntmachung mit ihrer fleischgewordenen Pornopuppe hat mich zur Erkenntnis gebracht: Der Typ ist so ziemlich das ekelhafteste Objekt unter der Sonne und kann es auf der von mir erstellten Skala für organische Abfälle locker mit einem Wert mithalten, der den Schlachtrückständen aus der Aufzucht von Babynerzen entspricht.

Inzwischen habe ich, um weiteren leidigen Kaffeekränzchen zu entgehen, einen Entschluss gefasst: Ich werde sie und ihn und den ganzen ekligen Rest der Zivilisation Ende diesen Monats gen Wurzeltundra verlassen. Dort schreibe ich achtzig bis neunzig Songs; hauptsächlich über das Leben als verschmähte Liebe, mindestens einen jedoch über die unansehnliche Querstellung der schenkelstarken Karnickel-Vorderzähne ihres scheiß Arschloch-Mackers. Dessen den innermündlichen Keramiksteinbruch fest umschlingende und auf Grund dentaldrahtiger Geißelung fleischig hervorquellende, rotseidene Lippenwulst küsst nämlich gerade meine Frau und tut dies bisweilen auf Befehl seiner bis zur Unkenntlichkeit vermoderten Weichhirnplazenta, die auch mit viel Wohlwollen nichts, aber auch rein gar nichts Intelligentes abwirft. Detektiven möge aus diesen Worten ein Bild erstehen, das illustriert, weshalb sich die Frau meiner Liebe entgegen stellt: wegen eines Quasimodos von Mann, eines Muttermals am Arsche eines Okapis, eines entzündeten Wurmfortsatzes im Darmgeschlinge. Ein Idiot halt, ein Depp vor dem Herrn! Pisskopf! Hackfresse! Arschloch! Ich kann ihn nicht ausstehen!

Gerade setzt sie mit ihrem fünften "Hab-ich-dir-eigentlich-schon-erzählt?" an, um mir - unglaublich süß lächelnd - von ihrem ekelhaft romantischen Liebesurlaub in Venedig zu berichten. Sich in Venedig zu verlieben sei überhaupt das Schönste auf der Welt, ob ich mir denn das vorstellen könne? "Äh...ja." - Ich bemühe mich so wenig Resignation wie möglich in diese Silben zu legen. Da klingelt plötzlich ihr Handy. Sie lächelt und entschuldigt sich, da sie jetzt gehen müsse. Ich benötige keine weiteren Infos, um zu wissen: Quasimodo aus der Lagunenstadt hat Sehnsucht nach meiner Frau... ekelhaft!

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    Lässt sich auch gut auf das "perfekte" Mädchen anwenden. Und schwupps, haben wir meine Situation ^^
    Würde mich mla interessieren, was daraus geworden ist!

    01.05.2012, 23:56 von LaParisienneAllemande
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    mag ich.

    29.03.2012, 22:45 von IceIceFriedhelm
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    hahaha. herrlich!

    29.03.2012, 22:28 von Gluecksaktivistin
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    sprachlich ganz vergnüglich.. ich mags so plastisch.
    inhaltlich nebenbei empfohlen:
    http://www.youtube.com/watch?v=cMb4KfhXrws   


    29.03.2012, 22:15 von schauby
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    sehr amüsant.

    28.01.2012, 22:12 von mo_chroi
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    exakt treffend. Frei heraus. Ausdrucksstark und herzzereißend. Glaubhaft mit reichlich lebendigen Stil.

    20.08.2010, 02:00 von schneekuchen
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      @MrsMacmillan Ich glaube, der Text war der erste Schritt, sie zuvergessen. Obwohl, wahrscheinlich hatte ich das damals schon. Boshaftigkeit ist das beste Mittel gegen Chancenlosigkeit. Manchmal.

      09.05.2010, 16:04 von AluRockt
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    Ein Artikel nach meinem Geschmack und vielen unter mir - sehr schön geschrieben:)

    01.05.2010, 21:55 von flower_power
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