Herztraene 21.10.2012, 22:25 Uhr 135 62

Der Affe, der nichts fühlt.

Warum können Gefühle nicht einfach mal ausgeschaltet werden?

Kennt ihr das Bild mit den drei Affen, die nichts sehen, nichts hören und nichts sagen? Nachts, wenn ich nicht schlafen kann, wäre ich gerne der vierte Affe auf dem Bild. Ich wäre der Affe, der nichts fühlt. Der Affe, der sein Herz in der offenen Hand hält, damit es im Körper nichts mehr ausrichten kann.
Nachts liege ich wach. Ich könnte schlafen, wenn mein Herz nicht so laut zu mir sprechen würde. Tagsüber redet es leise vor sich hin, es ist wie ein Knistern, ein Murmeln, ein Rauschen im Hintergrund. Nervig, aber auszuhalten. Es ist so leise, dass ich mein Herz manchmal nicht höre und vergesse, was es mir sagt. Das sind die guten Momente. Aber dann, wenn ich schlafen will, wird das Herz immer lauter und lauter und lauter und lauter. Es schreit, es stampft, es singt, es trampelt und strampelt in mir herum. Es schreit mir entgegen Du bist allein und es gibt keinen kleinen Knopf, keinen Schalter zum ausstellen.
Das Herz pocht und pocht und pocht und pocht, und die Gedanken kreisen. Die Gedanken, das sind die Komplizen vom Herzen. Die das Gefühl noch verstärken, verschlimmern, doch leider nie verbessern. Die Gedanken kreisen umher, springen durcheinander, machen Purzelbäume und spielen Topfschlagen. Sie kreisen um diesen einen Menschen, sie kreisen um dich. Du magst mich, aber du magst mich nicht so, wie ich dich mag. Du magst mich weniger als ich dich. Du magst mich, als gute Freundin. Aber eben nicht als Geliebte, nicht als deine Freundin, nicht als die Eine, nicht als die, die dein Herz zum Tanzen bringt.
Es ist okay, hab ich dir gesagt. Du bist mir auch als guter Freund wichtig, habe ich gesagt. Und das ist nicht gelogen. Aber warum ist dann dieser Schmerz da im Herzen? Warum können die Gedanken nicht mal um was anderes kreisen als um dich? Warum beschwer ich mich?
Vielleicht weil ich nicht weiß, wie ich dir beim nächsten Treffen gegenüber sitzen soll. Vielleicht weil ich nicht weiß, wie ich dir in die Augen gucken soll. Vielleicht weil ich nicht weiß, was mein Herz dann macht. Ob es sich dann auch tagsüber lautstark zu Wort melden wird? Ob es dann so laut in mir redet, dass ich dich gar nicht mehr verstehen kann? Dass wir uns deswegen dann nur noch anschweigen können? Dass ich deswegen in deiner Gegenwart verstumme, aus Angst, dass du mein Herz weinen hörst?
Als ich meine Gefühle noch nicht auf das Silbertablett gelegt und dir überreicht habe, da war es einfacher. Da konnte ich dir in die Augen schauen, denn es Bestand immerhin die Möglichkeit, dass auch dein Herz Purzelbäume schlägt, dass dein Herz im gleichen Rhythmus hüpft und springt und hüpft und springt wie meins.
Ich hätte gerne diese Hoffnung zurück, auch wenn diese Hoffnung Ungewissheit bedeutet und schlaflose Nächte verursacht.
Jetzt habe ich klare Verhältnisse, habe Gewissheit. Das ist es doch, was wir immer wollen. Aber diese klaren Verhältnisse bringen mein Herz dazu, mir in die Rippen zu boxen und es schlägt und schlägt und schlägt und schlägt mich nieder, ohne Pause, ohne Ende in Sicht.
Als ich dir mein Herz in die Hand gedrückt habe, musstest du es entgegen nehmen. Du wolltest es ja nicht verletzen. Aber es hätte nur heile bleiben können, wenn du es direkt neben dein eigenes Herz ins Regal gestellt hättest. Herz an Herz, damit es nicht allein wäre und von deinem gewärmt würde. Aus deiner Hand musste es früher oder später herausfallen und hart auf dem Boden der Tatsachen aufprallen. Du fühlst dich schuldig deswegen, aber du kannst ja nichts dafür. Der Platz im Regal ist nun mal nicht für mein Herz gemacht. Du hättest es dort ablegen können, aber es wäre direkt wieder heraus gefallen. Und der Aufprall wäre noch viel härter gewesen, der Sturz viel höher als der Sturz aus deiner Hand.
Du hast alles richtig gemacht. Das ist toll. Denn du hättest auch mein Herz zerquetschen und in den nächsten Mülleimer werfen können. Du hättest es zerknüllen oder drauftreten können oder es mit einer kleinen aber verdammt spitzen Nadel immer und immer und immer und immer wieder stechen können. Du hättest es auch in die Hosentasche stecken können, um es ab und zu wieder hervor zu holen, in die Nähe des Regals zu legen, um es immer wieder mit einer Prise Hoffnung zu würzen. Aber das hast du nicht. Du hättest es mir gerne unversehrt zurückgegeben. Aber ein verschenktes Herz kann man nicht einfach zurücknehmen.
Ich würde dir gern die Schuld geben, dafür, dass mein Herz in Teile zersprungen ist. Ich würde die gern leere Worthülsen entgegen schreien, um mich besser zu fühlen. Ich würde dich gern mit Worten ohrfeigen; dich Arschloch und Scheißkerl nennen. Aber das alles hast du nicht verdient.
Du bist ein wahnsinnig toller guter Freund, ich weiß nur nicht, ob du mein guter Freund sein kannst. Denn jedes Mal, wenn du mich so anschaust, mit deinen braunen Augen, und mich so anlächelst, mit deinem Frecher-Kleiner-Junge-Lächeln, wird mein Herz wieder Wolkensprünge machen. Bis es sich dann daran erinnert, dass dein Herz beim Anblick meiner Augen und meines Lächelns einfach monoton weiter schlägt und schlägt und schlägt und schlägt. Dann zieht sich mein Herz traurig in seine Ecke zurück und weint eine stille Herzträne. Und noch eine. Und noch eine. Und noch eine.


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135 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 2

    sehr wahr. scheiße ist es dann, wenn die gefühle zu stark für eine freundschaft, aber zu schwach für eine beziehung sind...

    12.11.2012, 23:56 von kopfverirrt
    • 0

      ...und dann ist es irgendsoein zwischending mit dem man nichts richtig anfangen kann, was man aber auch nicht einfach los wird. wie wahr, wie wahr..

      13.11.2012, 03:45 von Herztraene
    • 0

      bis vor zwei monaten wars bei mir genau diese situation^^ und es war echt scheiße... v.a. für mich!

      13.11.2012, 18:50 von kopfverirrt
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  • 0

    das ganze herztralala ist mir zwar etwas zu kitschig, aber treffend ist es schon.

    01.11.2012, 18:21 von Lina.Tanzend
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  • 1

    und beinahe musste ich weinen! Hat mir sehr gut gefallen

    29.10.2012, 15:43 von LauraLarsson
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  • 1

    Wahnsinn. Da klopftf mein Herz gleich mit.

    28.10.2012, 21:49 von Kaffeeliebe
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  • 1

    Und noch eine. Und noch eine. Und noch eine.

    25.10.2012, 15:14 von Lunn
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  • 0

    Generell mochte ich den Text und konnte mich auch gut hineinversetzten...

    Diese Wiederholungen waren Absicht, das ict mir klar und ich fand dieses Stilmittel auch wirkungsvoll...Allerdings immer vier Mal war mir dann doch zu viel...

    24.10.2012, 17:47 von strenchen
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 2

    "es schlägt und schlägt und schlägt und schlägt mich nieder"... schönes Bild!

    24.10.2012, 11:16 von LauraPhilomenaTheresa
    • 1

      aber sowas von voll schön!

      24.10.2012, 12:19 von YOLK
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  • 1

    Wenn du "dein Herz in der offenen Hand hälst, damit es im Körper nichts mehr ausrichten kann" stirbst du leider.

    Weiter hab ich nicht gelesen.

    24.10.2012, 10:04 von Tanea
    • 1

      recht hast du. aber ich versuch mich jetzt einfach mal mit metaphorik und literarischer Freiheit herauszureden ;)

      25.10.2012, 00:57 von Herztraene
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