Denn eigentlich war ja auch nichts.
Du lächelst mich an. Wie jeden anderen Schüler, der dir begegnet. Aber deine Augen bleiben an meinen hängen, nur einen kurzen Augeblick.
Ein Blick auf den Stundenplan. Sozialkunde.
Die Stunden sind eigentlich immer ganz interessant. Du bringst den Stoff gut rüber, erklärst schön einfach und verständlich, schaust mich dabei oft an. Ich sitze in der ersten Reihe und freue mich jedes Mal, wenn ich dich sehe. Ob es mehr ist, als Freude? Darüber denke ich nicht nach.
Ein Blick in den Gang. Da kommst du endlich und lächelst mich an. Wie jeden anderen Schüler, der dir begegnet. Aber deine Augen bleiben an meinen hängen, nur einen kurzen Augeblick. Und dieser reicht um ein kleines Feuer zu entfachen.
Angespannt sinke ich zurück auf den Stuhl. Der Gong klingelt. Deine Stunde hat angefangen. Freude. Jetzt kann ich dich wieder 45 Minuten anschauen, jede deiner Bewegungen in mich aufnehmen, deine Blicke und deine Stimme genießen. Dich ganz genau beobachten.
So wie jede Stunde. Ob du was davon merkst? Ich weiß es nicht, aber ich wünsche es mir so sehr. Jede Faser in meinem Körper lechzt nach dir, will in deiner Nähe sein. Ich will in deinen Armen liegen.
Meine Gedanken schweifen ab, und plötzlich stellst du mir eine Frage. Verdammt! Kalt erwischt. Die Nüchternheit trifft mich wie ein Schlag ins Gesicht. Beschämt schaue ich dir in die braunen Augen und werde rot. Du scheinst es zu merken, lässt ab von mir. Danke! Erleichterung macht sich in mir breit, wandert wie warme Glut durch mein Blut, wärmt mich.
Traurig lehne ich mich zurück und versuche die letzten Minuten zu genießen…
Das Verlangen in mir brennt auf und kitzelt an Stellen, an denen es nicht wirklich erlaubt ist. Ich erlaube es mir nicht. Wir sind doch in der Schule! Und du mindestens 13 Jahre älter als ich, mein Lehrer…
Dann lasse ich meine Haare vors Gesicht gleiten und versuche meine gierigen Blicke zu verstecken. Wahrscheinlich sinnlos. Jetzt drohen die Gedanken auszubrechen. Wenn ich doch nur einmal die Möglichkeit hätte, mit dir allein zu sein…
Der Gong. Die Erlösung. Die Qualen sind beendet. Klar, dachte ich.
Dann rufst du meinen Namen. „Anna?“.
Wie unter Strom drehe ich mich um, gehe zurück ins Klassenzimmer. Es ist Pause. Die meisten Schüler sind schon draußen in der Aula.
„Was war heute los?“, fragst du besorgt. Hast du was bemerkt?
„Nichts.“, wehre ich ab. Denn eigentlich war ja auch nichts.
„Ah. Okay. Hast du noch Fragen wegen deinem Referat?“, du lächelst sanft und schaust mich wieder an. Deine Augen blicken direkt in meine Seele und ich muss mich zwingen, um nicht laut einzuatmen. Dann nicke ich langsam, dessen was ich tue nicht ganz sicher. Denn es war gelogen. Und die Gedanken, die ich dabei habe, falsch.
„Kommst du nach dem Unterricht ins Zimmer 112? Dann kann ich dir helfen.“, du willst mir wirklich nur bei dem Referat helfen. Ich muss mich zusammen reisen. Versuche normal zu schauen und nicke: „Danke.“
Mehr schaffe ich nicht. Raus aus dem Raum. Sonst verbrenne ich.
Der Tag ist gelaufen. Ich kriege nichts mehr auf die Reihe, bin zu nervös. Und überlege mir Fragen. Dann ist es soweit. Der Unterricht ist beendet. Mühsam schleppe ich mich die Treppen hoch, meine Knie geben gleich auf. Sie zittern so sehr, wie mein Atem. Wie soll das jetzt nur gut gehen? Warum habe ich nicht einfach abgelehnt?
Dann packt mich dein strahlendes Lächeln und wir gehen zusammen in den Raum, du schließt die Tür, die Fenster. Es ist kalt in dem Klassenzimmer. Wir setzen uns an die Heizung, direkt nebeneinander.
Ich tue sehr beschäftigt, krame in meiner Schultasche, zittere viel zu sehr und habe leichte Angst.
Luft holen, atmen, beruhigen!
Dann lege ich die Blätter auf den Tisch, und du berührst zufällig meine Finger. Unsere erste Berührung. Alles fängt an sich zu drehen und mir wird heiß. So verdammt heiß.
Aber du ziehst deine Finger nicht zurück, lächelst mich unsicher an. Ob ich grade lächele weiß ich nicht. Ich brenne. Ohne zu wissen was ich tue, schließe ich meine Finger um deine Hand, schau dich an. Und flehe innerlich, du mögest mich vor dem Ertrinken retten. Vor dem Wasser, in das du mich schubst wenn du mich zurück weist.
Keine Spur von Zurückweisung.
„Also, wie lauten deine Fragen?“, deine Stimme ist klar. Als wäre das nichts. Als wäre es dir egal ob du meine Hand hältst.
In mir schreit es. Küss ihn. Berühre ihn. Unfreiwillig rutsche ich näher an dich ran. Unsere Kniespitzen drücken an einander und ich flüstere dir ins Ohr: „Küss mich…“
Du machst keine Anstalten deinen Kopf zurück zu ziehen, mich abzuweisen. Stattdessen drehst du dich leicht zu mir, streichelst mit deiner anderen Hand über meine Wange, über meine Lippen. Mein Herz steht still. Die Uhr bleibt stehen. Dann lehnst du dich zu mir, packst liebevoll meinen Nacken und knabberst an meinen Lippen. Ich stöhne leicht auf. Das fühlt sich besser an als in jedem Traum mit dir. Meine Finger suchen deine Haare, deinen Hals. Deine Zunge umspielt meine und mir rollt eine Träne über die Wange. Wie viel besser sich das anfühlt. Wie tausend kleine Engel.
Die Träne hast du bemerkt, küsst sie weg. Dann schaust mich an, beugst dich an mein Ohr. Während du mit deiner Hand langsam über meinen Oberschenkel streifst, sagst du ganz leise: „Anna. Ich will dich spüren…“
Wir schaffen es noch rechtzeitig uns loszulassen, uns grade hinzusetzen. Dann knallt die Tür auf. Frau Gabriel, meine Englischlehrerin schaut uns an. Ihre Blicke durchbohren uns. Uns beide. Adrenalin schießt durch meine Venen. Panik kriecht in mir hoch.
„Tut mir leid, falsches Zimmer.“, sagt sie gereizt.
Dann schaue ich in deine Augen und fange an, dir Fragen zu stellen.
Denn eigentlich war ja auch nichts.




Kommentare
wirklich grandios
22.02.2009, 17:52 von rootlesstreenett. gern gelesen und der letzte satz lässt mich grinsen- toller schluß ;)
02.11.2008, 13:14 von scarlet89wua! fesselt... sehr schön!
30.10.2008, 14:00 von Toadetteverdammt, das an meiner schule nur so alte knacker sind...
10.10.2008, 15:47 von criollawahnsinnig spannend geschrieben, konnt gar nicht aufhören zu lesen
cool :)
10.10.2008, 14:13 von Aloisiaist das hot...
30.09.2008, 15:56 von Ziograndios!