sommersprosse. 30.11.-0001, 00:00 Uhr 82 74

Denn du lässt mich nicht los.

Und ich habe dich trotzdem geliebt, jeden Tag unseres Lebens zusammen habe ich dich so sehr geliebt.

Seit über vier Jahren sind wir nun schon nicht mehr zusammen. Über vier Jahre sind es, in denen wir nicht mehr regelmäßig telefoniert haben, uns Kleinigkeiten aus unserem Tag erzählt und uns umarmt haben. Über vier Jahre lang haben wir uns nicht mehr geküsst. Über 4 Jahre, mehr als 1460 Tage – genau genommen sind es 4 Jahre, 5 Monate und 4 Tage, in denen wir nicht mehr zusammen gehören.

Über vier Jahre, in denen nicht nur in deinem Leben viel passiert ist. Ich habe ein Studium beendet und ein nächstes angefangen, ich habe zehn Männer geküsst und mit fünf von ihnen Sex gehabt, ich bin in eine neue Stadt gezogen, habe einen geliebten Menschen verloren und eine neue Beziehung begonnen. Es sind über vier Jahre, die nicht spurlos an mir vorübergegangen sind. Ich habe mich verändert, bin ruhiger geworden, vielleicht langweiliger, definitiv reifer und vielleicht auch schüchterner. Mein Leben hat sich grundlegend verändert, und trotzdem sitze ich nun hier und widme dir einen Text.

Denn du lässt mich nicht los. Meine Gedanken kommen immer mal wieder bei dir an. Manchmal glaube ich, dich in der Stadt zu sehen, dabei lebst du 400 km weit entfernt. Ab und zu träume ich von dir und es sind immer noch schöne Träume, voller Gefühl und voller Aufregung. Meine Gedanken wollen dich nicht gehen lassen, und auch du lässt mich nicht gehen.

Immer wieder kommst du zu mir zurück, willst Teile aus deinem Leben mit mir teilen. Du gratulierst mir zum Geburtstag, als würden wir jeden Tag Kontakt haben, bringst mich zu deinen Eltern, wenn wir uns zufällig auf dem Stadtfest treffen, weil du glaubst, dass sie sich freuen, mich zu sehen. Einmal im Jahr schickst du mir ein Mixtape – neue Lieder, von denen du denkst, dass sie mir gefallen werden, dass sie mich aufheitern oder beruhigen. Du führst damit eine Tradition fort, die immer nur unsere gewesen war. Es waren unsere Mixtapes, eine kleine Sammlung an auditiven Erinnerungen. Nehme ich ein Mixtape in die Hand, weiß ich sofort, wann und aus welchem Anlass du es mir gegeben hast. Du hast mich sogar einmal mit einem Mixtape zurückgewonnen, als du einen großen Fehler gemacht hattest. Und nun schickst du mir weiter diese Ansammlungen von Liedern, weil du mir „etwas Gutes“ tun möchtest.

Was du nicht weißt ist, dass du mich damit regelmäßig – für eine kurze Zeit – um Jahre zurückwirfst. Wenn ich ein neues Tape bekomme, höre ich mir jedes Lied an, jeden Songtext, um mich später zu fragen, was du mir mit dem Lied sagen möchtest. Dabei warst du nie der Freund von bedeutungsschwangeren Songtexten, im Gegenteil: Dir kam es immer nur auf die Melodie an, nicht auf die Worte. Ob du dich noch daran erinnerst, dass mir immer nur die Worte wichtig waren?

Unsere Beziehung war sehr glücklich und extrem schmerzhaft. Du hast mir gezeigt, wie glücklich man zu zweit sein kann, wie es sich anfühlt, wenn Schmetterlinge mit voller Wucht gegen die Bauchdecke fliegen, wie erfüllend allein der Blick in die Augen des Partners sein kann. Aber mit dir habe ich auch erlebt, wie tief man fallen kann, wenn man so hoch geflogen ist. Wir haben eine klassische On-Off-Beziehung geführt, in der du jedes Mal das Off bestimmt hast. Und ich habe dich trotzdem geliebt, jeden Tag unseres Lebens zusammen habe ich dich so sehr geliebt.

Denkst du manchmal darüber nach, wieso es nicht funktioniert hat? Ich habe lange darüber nachgedacht. Manchmal versuche ich heute noch, das Ende von uns zu verstehen, in diesen Momenten, wenn ich alleine im Bett liege und die Welt so furchtbar laut über mir zusammenfällt. Jede physikalische Kraft hat uns auseinander reißen wollen und ich konnte uns nicht für uns beide lieben. 

 

Bald werde ich vermutlich in deine Stadt ziehen. Ich suche einen Job dort, nicht wegen dir, sondern weil der Standort günstig ist. Die Beschäftigung mit deiner Stadt, das Suchen nach Stellenanzeigen und Wohnungen in verkehrsgünstigen Stadtvierteln bringt meine Gedanken wieder näher zu dir. In letzter Zeit träumte ich einige Male von dir und in jedem Traum sagtest du mir, dass du mich noch liebst. Würde mir ein Traumforscher nun sagen, dass das Wunschträume waren? Sagen meine Träume mir die Wahrheit?

Nach dem Aufwachen liege ich meist kurz verwirrt im Bett, erfüllt von einem Gefühl zwischen Angst, Freude und Verzweiflung. Dann drehe ich mich um und sehe meinen Freund an. Wenn er bei mir ist, ist da keine Angst, keine Aufregung. Da ist einfach nur Sicherheit und Geborgenheit. Ist es das, was ich will? 

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82 Antworten

Kommentare

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    Danke für nun hochkommende Erinnerungen!

    17.02.2015, 17:02 von Feynyala
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    Wow! Treffende Aussagen!

    24.10.2014, 18:46 von fleuraison
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    Wunderbare Worte. Ich hatte Tränen in den Augen.

    21.10.2014, 12:47 von stadtkatze
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    long story short: wow!

    und: mir gings genau so. (;

    13.10.2014, 00:30 von Buchliebhaberwichtel
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    Wahnsinn, sehr gut geschrieben!
    Die Einbezug der Traumdeutung hat mir sehr gut gefallen und die hervorkommende Angst auf das Ungewisse, in den letzten zwei Absätzen, in denen es um die örtliche Annäherung verbunden mit der wirklichen Annäherung zu ihm geht!

    09.10.2014, 20:14 von Indivina
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    Wie ich mir wünsche, dass es meiner Ex in vier Jahren so geht.

    29.09.2014, 22:44 von pattata
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    true tory

    26.09.2014, 20:01 von CokoLores
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    der Text hat mich gerade auch um Jahre zurückgeworfen, wahnsinnig gute und wahre Aussagen!

    24.09.2014, 05:43 von livefast
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  • 1

    schön in worte gefasst..
    beschreibt für mich ein wenig die wechselbeziehung zwischen heimlichen, leidenschaftlichen gedanken und der vernunft.

    die mixtapes verleihen dem text noch mehr interessantheit :)

    23.09.2014, 01:06 von TheNayeli
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  • 2

    Hut ab!

    Genau so ist es, genau so spielt das Leben, es ist grausam und die Liebe ist einfach zeitlos, sie lässt einen nicht los, sie hält einen gefangen, sie schnürt das Herz ein und verdreht die Gedanken und den Kopf. Wenn man ehrlich geliebt hat, dauert es Jahre, Jahrzehnte oder geht vielleicht gar nie wieder weg. Selbst in einer neuen Beziehung, bei neuen Geschlechtspartner will das Herz eben was es will, da sind wir alle machtlos!

    18.09.2014, 12:01 von Kaldes
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