nie_nahe_genug 03.12.2006, 21:39 Uhr 39 11

Denkst du manchmal noch an uns?

Fragt er leise, als wir uns wiedersehen. Immerhin waren wir jahrelang zusammen.

Und ich schüttle nur den Kopf. Bin schweigsam. Sechs gemeinsame Jahre scheinen wie weggewischt. Natürlich – sie haben Spuren hinterlassen, haben mitgeholfen, mich zu dem Menschen zu formen, der ich heute bin. Und dennoch – wenn die Gefühle weg sind, ist auch die Luft raus. Was ich dabei denke, wenn wir uns wieder sehen? Manchmal scheint es mir, als hätte ich jahrelang nur geschlafen.

Ich erinnere mich. Wir waren glücklich. Sehr lange. Bis ich entschied, dass mir unsere kleine Welt nicht mehr genug ist. Er konnte das nie verstehen. Hat immer noch gehofft ich würde zurückkommen. Aber wie sollte ich – jetzt, da ich die Welt kenne?

Er war fünf Jahre älter als ich. Getroffen haben wir uns, als ich zwanzig war. Die fünf Jahre mehr Lebenserfahrung glichen die fehlende Flexiblität aus. Aber dann habe ich mich weiterentwickelt, schneller als er. Die Anklage in seinen Augen hat noch immer Bestand, obwohl es bald zwei Jahre her ist, dass wir uns trennten – dass ich mich trennte, weil mir die kleine enge Welt nicht mehr genügte.

Ich war glücklich, solange glücklich mit ihm. Habe mit Liebe gekocht, gewaschen und von einem kleinen konventionellen Leben geträumt. Bis wieder dieser Hauch von weiter Welt heranwehte – den ich gierig aufsog, der mich hin und her riss. Und dann, nach jahrelangem Ringen, dieser Kompromiss. Ich würde fortgehen für eine Weile. Danach Familiengründung, Heirat, all das. Ganz entspannt. Ich würde nie mehr das Gefühl haben ich hätte etwas verpasst, denn ich würde es erlebt haben. Ich wusste, ich würde glücklich sein, wenn ich zurückkomme – dieses Fernweh, die Abenteuerlust wären endlich befriedigt.

Beim Gedanken an meine Naivität muss ich selbst heute noch lächeln. Zwei Jahre später liegt kein Stein mehr auf dem anderen. Dinge, die mir ehemals wichtig waren, sind mir egal. Ich koche nur noch zur Nahrungsaufnahme. Dafür treibe ich Sport. Materielle Dinge locken kaum mehr. Das Fernweh ist nicht etwa weniger geworden. Im Gegenteil. Und manchmal in lichten Momenten frage ich mich, wo das noch hinführen mag.

Meine ehemals kleine enge Welt ist riesengroß geworden. Meine Träume ebenfalls. Genauso die Sehnsucht, die dem Leben die volle Breitseite abverlangt. Heute frage ich mich mehr denn je – wer bin ich? Wo will ich hin?

Ob ich manchmal noch an uns denke, will er wissen. Nein – lautet die Antwort. Wenn ich zurückblicke, scheint mir, als habe ich damals bloß geschlafen. Erst vor zwei Jahren bin ich aus einem wohligen, behüteten Schlaf aufgewacht. Ich weiß vieles noch nicht, immer noch nicht. Aber Ich denke ganz bestimmt nicht mehr an uns. Die Zeit war gut damals. Heute ist sie vorbei. Ohne Schuldzuweisungen, ohne Vorwürfe, nur einfach – vorbei.

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39 Antworten

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    Schöner Text.
    Aber auch für mich nicht nachvollziehbar!

    26.08.2007, 11:37 von Jenniii
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    schöner text!
    ich habe vor einem jahr einen ähnlichen schnitt gemacht der eine 2jährige beziehung beendete. jetzt wo sie seit kurzem wieder glücklich vergeben ist, worüber ich mich für sie freue, fängt man doch an, über diese zeit nachzudenken. man wird immer an beziehungen denken, denn wie schon festgestellt ist es eine prägende zeit, egal wie lange sie dauert.

    08.03.2007, 22:19 von mr.mm
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    gute geschichte...gut erzählt.
    auch ich kenne das...meine erste lange beziehung
    (4 jahre) ist für mich nur noch ein verwaschener traum...alles so unrealistisch...als wenn ich die geschichte nur im fernsehen gesehen hätte.
    mein 'leben' kam danach erst...und es geht heut noch weiter...bald 9 jahre später.

    13.02.2007, 17:56 von _anne_
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    sehr schöner text....vll mag deine ansicht hart klingen,aber ich finde gut, dass du trotz der 6 jahre "vorbildlichen häuslichen lebens" wie das so scheint, für dich entschieden hast, dass es dir nicht genug ist! respekt dafür, denn zu viele halten zu lang am alten fest....

    12.02.2007, 13:45 von Milchschnidde
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    richtig schöner text! ich kann dich gut verstehen. jeder von und macht trennungen durch. ich war zwar die person,die verlassen wurde, aber ich denke auch an kein "uns"mehr, ich fühle mich einfach so,als hätte ich ihn vergessen,als würde er eine komplett andere person sein... man entwickelt sich eben weiter, besonders wenn man noch jung ist. Menschen gehen auseinander...

    danke für den wundervollen text :)

    06.02.2007, 17:40 von ehmthi
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    @barney....: ich würde sie trotzdem fragen....dieses nicht-miteinander reden is doch das blödeste überhaupt
    im allgemeinen: hab ich vor einigen tagen noch deine souveränität bewundert, hab ich es jetzt selber durchgezogen. und es tut gut. sich endlich zu entscheiden, was man will

    05.02.2007, 11:55 von marada
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    ich finde mich in dem ganzen auch wieder. ich glaube, ich bin der typ. und ich frage mich die gleiche frage, jetzt wo ich wieder kontakt mit ihr habe. und ich würde sie das zu gerne fragen, habe aber zu sehr angst vor der antwort. ich wüsste, wie ich die frage beantworten würde. wahrscheinlich aber nur, weil ich immer noch an ihr hänge, sie aber nichts davob. vielleicht ahnt sie es, hält aber trotzdem den kontakt. vielleicht ist sie aber doch so naiv, wie ich sie manchmal einschätze.
    ich denke einfach zu oft an sie und weiß nicht, wie ihr das sagen soll, ohne dass sie nicht mehr mit mir redet. ich glaube, so hat er sich auch gefühlt, bevor er diese frage gestellt hat. und ich kann mir gut vorstellen, wie er sich dabei gefühlt haben muss.
    manchmal beneide ich frauen darum, dass das einmal gewesene derart hinter sich lassen können...

    04.02.2007, 22:54 von barney_gumble
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