sommersonnig 14.11.2007, 17:16 Uhr 3 0

Den Nobelpreis hat er nicht gekriegt

Nach 2 Jahren trafen wir uns unverhofft auf der Straße wieder, und ich dachte nur " Scheiße"

Es war eigentlich einer von diesen belanglosen Tagen, in denen nichts weiter passiert, ds Wetter so lala ist und du gedankenverloren durch die Innenstadt schlurfst und an nichts Besonderes denkst.
Da zieht dich dein Blick in die Ferne und plötzlich siehst du deinen Ex- Freund direkt auf dich zukommen."Scheiße, der wohnt doch längst nicht mehr hier, das kann nicht sein", dachte ich noch panikartig und schon stand er vor mir.
Unverändert,mit seiner Anti- Frisur, der etwas schiefen Rundbrille auf der Nase und dem offenen Lächeln ." Sollen wir einen Kaffe trinken gehen? Hast du Zeit?" Vor allem hatte ich keine Lust, mein Freund wartete zu Hause,mir war ganz seltsam zumute und ich wollte ihn doch nie wiedersehen...
" Warum nicht? Für einen Kaffe wird es schon noch reichen", kam aus meinem Munde, ehe ich es verhindern konnte.


" Was machst du denn so? Wie geht es dir?" wollte er wissen. Stille Wut stieg in mir hoch.In unserer 1,5 jährigen beziehung hatte er mich das fast nie gefragt, es interessierte ihn einen Scheißdreck, wie es mir ging, was ich dachte oder wie meine Träume aussehen.Ich hatte ihn sehr geliebt, dadurch mir so viel gefallen lassen.
Er war so ein sozial gestörter Mistkerl, hatte nie Zeit für mich, ich schmiss allein unseren gemeinsamen Haushalt, währrend er seinen zig Hobbys nachging und sich allein mit seinen arroganten Freunden traf.
" Nun hol´ mal tief Luft, be cool und halte das aus", redete ich mir gut zu.
" Oh, es geht mir sehr gut. Ich lebe in einer glücklichen Beziehung, wohne mit mienem Freund in der Schweiz und seit kurzem haben wir eine Katze."
" Ja, die wolltest du ja immer haben, aber ich bin ja allergisch. Wie schön für dich.
Ich lebe z.Z noch in Estland, meine Promotion habe ich abgeschlossen und ich singe in 2 Chören, tanze immer noch viel Standart und bin viel unterwegs."
"Das glaube ich dir gerne", meinte ich freundlich lächelnd, auch wenn es mir das Gesicht fast zerriss.
" Wie weit bist du nun? Du wolltest doch auf jeden Fall Professor werden", wollte ich wissen.Oh, wie gerne er das damals schon wollte. Jeden asozialen Kollegen hatte er mit nach Hause geschleppt, von dem er sich" politische Kontakte" versprach, wollte es seinem ach so gebildetem Vater beweisen.
" Ja, das wird schon noch." Nervös wackelte er an seiner Brille, wich meinem Blick aus.Wie? Stimmte da was nicht?
" Wie ist denn deine Promotion gelaufen? Hast du sie mit Auszeichnung bestanden? So, wie du daran gearbeitet hast und ehrgeizig wie du immer bist." Und dadurch unsere anfangs so tolle Beziehung versaut hast!

" Möchtest du noch einen Latte? Die sind hier vorzüglich."Er widmete sich mit großer Aufmerksamkeit der Getränkekarte.Sein Gesicht wirkte grau und irgendwie ungesund, die schönen Locken hingen lustlos herab.
" Nein danke. Was erforschst du gerade? Du wolltest doch so gerne Prof werden, weil dich der wissenschaftliche Teil so interessiert. Den Nobelpreis hat dieses Jahr auch ein anderer gekriegt, ich verfolge immer die Verleihung mit großer Interesse,das war doch früher dein größter Traum." Ich kann mir ein hämisches Grinsen nicht verkneifen.
Er schreckte auf, sah mich durchdringend an und fragte ein wenig aggressiv:" Wa s ist denn aus deinen Träumen geworden? Ich habe dir doch damals einen kreativ schreiben Kurs geschenkt. Schreibst du noch?"
Ich lächelte und erzählte ihm mit großer Begeisterung, dass ich nun regelmäßig meine Texte öffentlich bei einem Hobbyautorentreff vorlese und wieviel Spaß mir das mache.Eigenlich wollte ich ihm noch so viel mehr erzählen, wie gut es mir geht, was für eine tolle, erfüllende Beziehung ich gerade führe und welche beruflichen Pläne ich demnähst verwirklichen werde und das es mir ohne ihn viel besser ginge und ....

Plötzlich verflog das Bedürfnis, ihm zu erzählen, was ich in der Zwischenzeit alles erreicht hatte,es war mir nicht mehr wichtig. Er war mir nicht mehr wichtig. Ich wollte nicht mehr seine Anerkennung, sein sparsames Lob oder in seinen Augen gut dastehen.Ich wollte einfach nicht mehr von ihm geliebt werden.
Er hatte sich nicht sehr verändert, er war immer noch der gleiche Tagträumer mit besserwisserischem Getue wie damals.Ein schüchterner kleiner Junge,der die Träume und Erwartungen von Anderen lebte, nur nicht seine eigenen.
Ich sah in seinen Augen eine Leere und Resignation , die früher vor Leidenschaft strahlten , die Wut trat zurück.
Ich wollte ihm noch etwas Schönes auf den Weg mitgeben, einen gut gemeinten Ratschlag oder ein " War schön,dich getroffen zu haben", aber ich schwieg.
Was sollte ich ihm auch groß sagen?
Ich habe dich sehr geliebt und du wirst immer einen besonderen Platz in meinem Herzen einnehmen, auch wenn du mich damals so tief verletzt hast?
Ich wünsch´ dir ein schönes Leben, der fromme Wunsch, den ich auch an seine unbedeutenden Vorgänger gerichtet habe?

" Ich muss los."
Er legte sein selbstbewusstes Sonntagslächeln auf, stand wie angefroren im Raum und streckte mir seine Hand aus.Ich drehte mich um und ging.

Als mein Freund mich fragte , wie mein Tag gewesen war, meinte ich nur:
" Och, wie immer."
Ich kuschelte mich in seine Arme und wusste: Es ist vorbei.

3 Antworten

Kommentare

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    Ja furchtbar. Und mache bleiben stehen, bevor sie losgelaufen sind.

    24.10.2008, 18:42 von AluRockt
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Ja, auch wenn du die Begegnung nie wolltest, war es gut so: Jetzt weißt du, dass du endgültig über ihn hinweg bist. Und es tut sicher gut, zu wissen, dass du dich in eine positive Richtung weiterentwickelt hast, während er immer noch der Alte ist...

    15.11.2007, 09:46 von Maibowle
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