cydonia 12.10.2010, 14:51 Uhr 25 24

Den Mauern zuliebe.

Wenn es wenigstens nur etwas Körperliches wäre. Wenn wir wenigstens Sex hätten, wenn wir es wenigstens darauf schieben könnten.

Du hast deine Frau zweimal geheiratet, zum ersten Mal vor 22 Jahren. Sie sieht gut aus, ist hochintelligent und beherrscht gefühlte 267 Sprachen. Ihr habt zwei bildhübsche und witzige Kinder, deren Fortschritte du mir immer ganz genau schilderst. Du machst deine Arbeit gut. Die Kritik, die dir entgegenweht, nimmst du ernst, aber nicht persönlich. Du steckst viel Energie und Engagement in die Entwicklung von neuen Strategien. Du machst den Eindruck eines rundum glücklichen, kompetenten und gewissenhaften Mannes.

Ich habe niemanden geheiratet, schon gar nicht vor 22 Jahren. Dafür kümmere ich mich gut um meine Familie und bin eine loyale und begeisterungsfähige Freundin, die immer zuhört und sich mitfreut oder mitleidet. Meine Arbeit mache ich auch gut. Ich höre den Menschen zu, wenn sie mir ihre Geschichten erzählen, ich stelle halbwegs intelligente Fragen und mein Schreibstil ist okay. Ich mache den Eindruck einer rundum glücklichen, kompetenten und lebhaften Frau.

Meine Mauern sind genauso dick wie deine und mein Umfeld sieht so wenig hinter meine Festung wie dein Umfeld hinter deine. Wir konnten die Fassade immer aufrecht erhalten. Vielleicht hat der eine oder andere mal gemerkt, dass irgendetwas nicht stimmt, aber dank unseres Charmes konnten wir Zweifel immer schnell zerstreuen. Niemand kennt uns. Nicht deine Frau, nicht meine beste Freundin. Wieso auch? Nähe zerstört uns.

Unser Problem ist, dass wir uns getroffen haben. Viel später hast du mir gesagt, dass du genauso nervös warst wie ich. Dass du danach noch länger an mich gedacht hast. Ein Blick in die Augen des Anderen, ein merkwürdiges Beben, dann Verdrängen und die übliche Fassade durchziehen, das war unsere erste Begegnung. Keiner von uns hätte damals schon ahnen können, was ein paar Monate später passieren würde. Dass wir uns überhaupt nochmal wiedersehen würden.

Und nun ist es Oktober und unser Leben kommt uns vor, als hätten wir es schon immer geteilt. Unsere Mauern stehen noch, für unser Umfeld sind sie höher als je zuvor. Nur für einander sind sie niedriger geworden. Schon fast ganz eingerissen. Wir haben Angst. Das ist viel zu viel Nähe, das ist viel zu viel Emotion. Wir versuchen ja gerne, uns gegenseitig einzureden, dass wir jederzeit damit aufhören können, wenn es zu viel wird, dass das ja alles nicht so schlimm ist und wir einfach nur Freunde sind.

Glaubt einer von uns diesen Scheiß eigentlich noch? Wie oft hat einer von uns schon gesagt, wir lassen das einfach? Einmal, zehn Mal, hundert Mal? Ist das nicht nur der Standardsatz, um unser Gewissen oder die Wächter auf unseren Mauern zu beruhigen, die verzweifelt versuchen, die Ziegel wieder aufzuschichten, die wir niederreißen?
Wenn es wenigstens nur etwas Körperliches wäre. Wenn wir wenigstens Sex hätten, wenn wir es wenigstens darauf schieben könnten. Die Welt wäre so viel einfacher. Es wäre so viel einfacher, wenn wir nicht jede Gelegenheit nutzen würden, dem anderen unser Innerstes auszubreiten, wenn wir wenigstens wüssten, welche Art von Liebe es ist, die uns verbindet.
Wenn wir nicht damit kämpfen würden, dass die Menschen, die uns seit Jahrzehnten kennen, nicht ansatzweise so viel Zugang zu uns haben, wie wir beide aneinander schon nach ein paar Wochen gaben.
Was wird passieren, wenn unsere Mauern endgültig auseinanderbrechen? Wenn ich dich in deiner Gesamtheit sehe und du mich in meiner? Wenn wir auf der selben Seite der Mauer stehen und einen gemeinsamen Innenhof haben? Ist das gut? Ist das schlecht? Halten wir das überhaupt aus? Diese Nähe - wir können sie doch jetzt schon kaum noch ertragen.

Wir lassen das einfach.

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25 Antworten

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    Bezaubernd. Gefällt mir.
    Die Mauern und das Einreißen eben dieser sind mir auch bekannt.

    17.10.2010, 15:31 von julina.
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    das ist mal verdammt wahr.
    cool. danke.

    16.10.2010, 18:20 von geesie
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    Das sind Hormone. Das ist nicht real. Lasst los und wartet 10-12 Monate. Danach ist das alles weg.

    15.10.2010, 13:49 von Plutarch
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      @Plutarch ;))) .. aber nicht die hormone

      15.10.2010, 13:54 von ilofi
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    In einer Freundschaft sollte Sex eine nicht auswählbare Option sein. Sex schafft Tatsachen, stärkt die Zweifel der eifersüchtigen Partner. Wie soll ich da über die Treue meines Partners sprechen? Eine Freundschaft, die keine Mauern kennt, ist etwas wertvolles. Man sollte sie nicht überfordern und direkte Abhängigkeit schadet. Die Batterien werden wieder aufgeladen, Augenkontakt ist sehr wichtig, wenn's geht. Wer schaut einem sonst schon in die Augen und sagt liebevoll seine Meinung? Aber die letzten Hüllen - ich weiß nicht. Das hat was mit Achtung zu tun, auch Achtung vor dem Partner des Anderen. Eine Freundschaft kann z.B. helfen einer Beziehung neuen Pepp zu verleihen. Sie soll nicht zerstören.
    Wenn doch alles anders kommt und aus Freundschaft eine neue Beziehung wird, dann fallen auch die letzten Hüllen, aber bitte nicht im Innenhof.

    14.10.2010, 19:52 von irrgarten
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    Ja, man sagt, man will es lassen, und kann das nicht, das ist schon tragisch, vor allem wenn man auch nicht weiterkommt.

    Es ist wie eine Droge, man muss die Dosis immer weiter erhöhen, dass man es spürt.

    14.10.2010, 14:49 von EliasRafael
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      @EliasRafael Ich hab ne Lösung: BANG BANG, I shot you down.

      14.10.2010, 14:56 von Jackie_Grey
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      @Jackie_Grey Bisher wurde nur daneben geschossen, wie du selbst eingeräumt hast.

      14.10.2010, 16:13 von EliasRafael
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      @Surecamp Mit Arora geh ich ins Internet.

      Das blosse Erscheinen Anginas laesst meint Herz erstarren.

      Mit Pinta stech ich in aeh See.

      Und Gloria steht jeden morgen in meinem Bett.

      Es gibt so viele Moeglichkeiten, Surecamp, du musst dich nur mal von deinem Intimzwang befreien.

      14.10.2010, 12:40 von quatzat
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      @Surecamp Danke dir!
      Diese Themen machen mich immer so nervös, das(s) ich mir immer nie sicher bin, ob das oder dass. (tendiere stärker zu dass)

      Oh, schade, das(s) du diese Beziehungen nicht kennst. (tendiere wieder zu dass)

      (mit den Kommas ;-) ist es dasselbe!)

      14.10.2010, 13:09 von Tanea
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    Unser Problem ist, dass wir uns getroffen haben. Viel später hast du mir gesagt, dass du genauso nervös warst wie ich. Dass du danach noch länger an mich gedacht hast. Ein Blick in die Augen des Anderen, ein merkwürdiges Beben, dann Verdrängen und die übliche Fassade durchziehen, das war unsere erste Begegnung. Keiner von uns hätte damals schon ahnen können, was ein paar Monate später passieren würde. Dass wir uns überhaupt nochmal wiedersehen würden.

    Das habe ich vor einigen Monaten auch erlebt, allerdings mit einem Happyend. Ich wünsche dir alles Gute.

    14.10.2010, 10:34 von miri-kol
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