Demnächst flachzulegen:
Marie, darf ich vorstellen, das ist Paul.
Ich war halbbetrunken und schon auf meiner Tschüssrunde auf dem Firmensommerfest, als Quirin aus der IT mich zu sich an den Tisch winkte und mit Paul bekannt machte. Angenehm, sagte ich, wo bist du her? - Aus Leeds. Die erstbeste Assoziation - Leeds United. Für ihn wahrscheinlich so 'n Bart. Ich: Kennst du Kate und Tim Pearson, die sind auch aus Leeds. - Du meinst Kate und Kevin? Ja.
Er grinste. Ich grinste. Ich war verliebt.
Darauf war ich nicht vorbereitet gewesen, das hatte ich einfach so rausgerotzt, und er sog es auf wie zielgerichtetes Kleenex. Kevin und Kate Pearson, das sind fiktionale Charaktere der Schulbuchreihe Green Line, das Lehrwerk, auf dem unser aller Englischkönnen oder -nichtkönnen basiert. Er kannte das aus seiner kurzen Lehrerzeit.
Was danach folge, war eine einstündige Unterhaltung, gefüllt mit Indie-Insidern, tiefsarkastischen Witzen und Imitationen verhasster Promis mit Dialekten. Ester, meine finnische Kollegin, fragte, wie lange wir uns schon kannten. Ich sah sie fragend an, aber ich ahnte, was es bedeutete. Ob es das ist, was die Leute mit 'ankommen' meinen? Dabei wollte ich nirgends hin. Die letzte Enttäuschung war zu frisch und es drängte mich noch nicht, den Schorf von den Knien abzuknibbeln.
In den nächsten zwei Wochen folgten etliche Schlagabtausche per Email und Telefon, SMS aus seinem Kurzurlaub, Grillabende bei Kollegen, auf die wir plötzlich immer beide eingeladen wurden, obwohl wir unterschiedlichen kollegialen Dunstkreisen angehörten. Nach einem dieser Grillabende, wir waren auf dem Weg zur U-Bahn, kamen wir in ein Gewitter und liefen mit floppenden Flips, patschpatschpatsch wie zwei Enten unters schützende Dach. Wir alberten über die Kitschfähigkeit der Situation und er bedauerte, dass ich kein weißes T-Shirt trug. Wir grinsten. Wir warteten auf den Zug, er erwähnte, dass er übers Wochenende nach Wien fahre, worauf ich nur beiläufig - mit wem? fragte, er drehte sich kaum merklich zur Seite und nuschelte etwas seine Hand, das sich für mich wie - mit meiner Freundin - anhörte. Schweigen. Das Grillgut in meinem Bauch formte sich zu einem riesigen Klumpen.
"Wien soll ja ganz toll sein!" Klump klump. "Ja, das habe ich auch gehört." Ich starrte in die dunkle Öffnung des U-Bahn-Tunnels und wünschte mir nichts sehnlicher, als von ihr, oder wahlweise von einer überlebensgroßen hinter mir auftauchenden Blauen Elise*, ameisenhaft wie ich mich fühlte, eingesogen zu werden.
Leider passierte nichts von alldem und wir trennten uns nach ein paar Stops und verkrampfter Dialogversuche ergebnislos.
Die nächsten Wochen, ein Wechselbad der Gefühle. Paul und ich kamen uns immer näher, seine Freundin war tabu, ich hatte auch Angst, nachzufragen. Ich stellte mir vor, wie er wohl seit 10 Jahren mit ihr zusammen war, die Hochzeit und der weitere Lebensweg schon quasi-geplant, eine Einheit, die nur in der Wir-Form sprach und sich ohne Worte verstand, großartiger Sex.
Aber warum hing er mit mir ab?
Meine Verliebtheit steigerte sich stündlich. Die vertrauten Emails, in denen er mich Darling nannte, die gebrannten CDs, seine nervös-fahrige Gestik, dann wieder übersteigerte gespielte Coolness.
Einmal, als wir eine Verabredung per Email ausmachten, reimte ich als Grußformel "Be there or be a pear" (statt 'Be there or be square').
Am nächsten Tag brachte er mir mittags eine Birne mit. Die perfekteste Birne, die ich jemals gesehen hatte, groß, wohlgeformt, sommersprossig, auf der einen Seite genau der richtige Rötegrad, der mich an perfekt aufgetragenes Rouge erinnerte.
Ich kann Birnen nicht ausstehen, dachte ich, und sagte: Danke, das ist süß, während der Inhalt meines Magens Tetris auf Level 10 spielte.
Ich stellte die Birne auf meinen Nachttisch wie andere ein Bild ihres Geliebten.
Anderntags, es war Sonntag, rief Paul an und fragte, ob er auf einen Kaffee vorbeikommen könne, er spielte Fußball im Verein um die Ecke. Ich sagte ja. Wir aßen Ritter Sport Joghurt und Weintrauben. Er kramte in meinen CDs, im Hintergrund lief 'Sit down' von James. Beim Refrain setzte Paul sich auf den Boden, machte sich für mich zum Horst. Ich setzte mich next to him, wir lachten. Wir redeten über Musik, peinliche Pärchensprüche ("wenn du jetzt durch diese Tür gehst!"), Ex-Freunde, nur nicht über Noch?-Freundinnen. Zum Abschied drückten wir uns linkisch, er war ungewohnt handlich und ich überlegte, ob er wohl weniger wog als ich und ob das in der heutigen Zeit ok ist.
So ging das weiter. Eine Woche später, mein großes Isar-Geburtstagsgrillen nahte und ich war spät abends beschäftigt mit Playlisten brennen, klingelte mein Handy. Paul. Ich musste lachen, über meinen Nokia-Klingelton 'Just Jazzy', den er mit 'Porno-Hintergrundmusik' betitelte. Er hatte gerade Fußballtraining aus und ob er kurz vorbeischauen könne. Mir wurde wieder schlecht und ich sagte ja. Wir brachten die folgenden Stunden damit zu, Playlisten zu erstellen, sein Musikgeschmack war exzellent wie meiner, von Elvis, Grandmaster Flash über Air bis zu Blur, ja sogar die Helden mochte er. Das ist ein oberwichtiges Kriterium für mich. Ich könnte keinen Mann 'an meiner Seite' haben, der schlechten Musikgeschmack oder schlechten Humor hat. Klingt ziemlich kategorisch. Ist Liebe vielleicht doch eine Entscheidung, wie manche sagen?
Bis heute sind bestimmte Alben untrennbar mit dieser Zeit verbunden, allen voran Mando Diao. Jedes Lied war auf einmal auf mich anwendbar, und die Liebeskummerlieder wandte ich einfach auf Paul+Freundin an. So heißt es in dem Song 'Lauren's Cathedral': Lauren, I'm growing much faster than you. Ich stellte mir vor, dass seine Perle Lauren hieß und dass er sich in all der Zeit (die spekulativen 10 Jahre) stärker entwickelt hatte als sie und deshalb eine etwas ältere Frau (mich!) brauchte. In einem anderen Lied, 'Next to be lowered', das wir beide sehr mochten, simste ich, ob der Titel mit 'Demnächst flachzulegen' zu übersetzen sei. Ich war so dankbar, endlich jemanden gefunden zu haben, der meine Witze gut fand und dessen englische Höflichkeit ihm zugleich auferlegte, auch über die schlechten zu lachen.
Wir nahmen also CDs auf und gegen Mitternacht sagte er, er sei hungrig und ob ich ihm etwas kochen könne. Angetrunken schmiss ich alles, was der chronisch mangelernährte Kühlschrank aufzubieten hatte, in eine Pfanne und flüsterte, während ich alles extra kross anbriet "Der Weg zum Herzen eines Mannes..."
In der Pfanne zischte es heftig. Ich kam mir vor wie eine Kräuterhexe.
Wir aßen, rückten immer näher aneinander, obwohl es immer noch unerträglich heiß und schwül war, irgendwann legte ich meinen Kopf auf seine Schulter, man stelle sich meine spasto-eske Sitzhaltung vor, immerhin bin ich knapp 10 cm größer. Irgendwann wurde es mir zu blöd und ich küsste ihn. Er küsste zurück.
Er schlief auf dem Sofa. Mitten in der Nacht, ich musste dringend auf Toilette, schlich ich flugs durch sein Zimmer ins Klo, leider kam kein Tropfen raus, da ich zu verliebt war und mich eventueller Pinkelgeräusche schämte. Später wird Paul mir erzählen, dass mein Schatten in jener Nacht so schnell an ihm vorbeigehuscht ist, dass er sich im Halbschlaf einbildete, ich sei auf einem lautlosen Mofa vorbeigezogen.
Am nächsten Morgen, er ging früh, war ich sehr erleichtert und pinkelte ganze Bäche aus mir raus.
Dann die große Party am nächsten Abend. Stunden vergingen, es kamen immer mehr, nur Paul kreuzte nicht auf. Aus Frust trank ich ein Bier ums andere. Gegen Mitternacht tauchte er auf, ich torkelte ihm entgegen, Wo warst du denn so lange? Ich dachte du kommst nicht mehr. Tut mir leid, dass ich spät bin. Ich musste noch was Wichtiges erledigen. Er wirkte zerknirscht. Ist alles ok? Naja, ich habe mich von meiner Freundin getrennt. Oh, das tut mir leid, ich strahlte übers ganze Gesicht. Schweigen. Ich fragte: Darf ich dich küssen? Er sagte ja. Sie hatten sich erst seit vier Monaten gekannt.
Die nächsten Monate vergingen wie im Rausch. Wir flogen, pendelten zwischen Sex und Lachanfällen. Morgens wachten wir auf, manchmal beugte er sich mit romantisch-verklärtem Blick über mich und sang Sachen mit wunderschönen Melodien, wie: Sweetness, sweetness I was only joking when I said, I'd like to smash every tooth in your head (Morrissey). Erst Lachanfall. Dann Sex.
Ich bin kein dankbarer Lacher, aber Paul schafft es immer.
Seit 5 Jahren sind wir ein Paar und jeden Sommer erinnere ich mich an den Sommer 2005 zurück, das beste Jahr meines Lebens. Das heißt nicht, dass es mit den Jahren schlechter wird, nur anders. Wir lachen immer noch. Wir entwickeln Charaktere für unsere Stofftiere und lassen sie wichtigen Jobs nachgehen. Bunny, der Hase, testet die Wasserqualität deutscher Flüsse, sein Fußballverein ist Aston Villa, und er liebt Karottenkuchen. In der Hasenwelt sind die Stunden übrigens nur 40 Minuten lang, weil ihre Herzen schneller schlagen.
Wenn Leute auf der Straße über unseren Größenunterschied lachen, sagt Paul: Tall girlfriends - the new small girlfriends.
Wir tanzen Lambada oder die Rap-Choreographien von Kid 'n Play nach, wir hören Samantha Fox und übersetzen 'Touch me' singsynchron in schlechtes Französisch. Wir gehen zur Bloßstellung des anderen wie Spastiker auf der Straße, mein Ex fand das immer ganz geschmacklos. Ist es ja auch.
Meine finnische Freundin meint, wir seien wiie zweii Kiinder.
Mir egal. Wer nun auf das Drama wartet: kein Drama. Alles bestens.
Und Paul ist auch nicht perfekt. Er hat Fußpilz.
* Ameisenbär aus Paulchen Panther




Kommentare
das ist einfach glücklich und fröhlich;)
11.08.2010, 13:06 von nana-oschööön
"Wir brachten die folgenden Stunden damit zu, Playlisten zu erstellen, sein Musikgeschmack war exzellent wie meiner, von Elvis, Grandmaster Flash über Air bis zu Blur, ja sogar die Helden mochte er. Das ist ein oberwichtiges Kriterium für mich. Ich könnte keinen Mann 'an meiner Seite' haben, der schlechten Musikgeschmack oder schlechten Humor hat."
11.07.2010, 10:30 von frl_smillaDas stinkende Eigenlob passt ja dann zu seinem Fußpilz.
sehr schön :)
11.07.2010, 04:22 von MademoiselleChocodas mit dem in französisch übersetzen ist cool :D :)
mal ganz abgesehen von der sache mit Bunny. sehr süß :)
Perfekt!
09.07.2010, 13:06 von DarenBRensBringt zum Lächeln.
08.07.2010, 17:19 von ashydaNicht dieses oberflächliche Mundwinkelzucken.. mehr so das von innen raus :)
Das staendige Betonen besonderer Besonderheiten, totaler InsiderInsiders und unglaublich independenten Indiekapellen nervt leider zum Erbrechen. Ruft das hervor: Ja, ich habs kapiert, ihr, ahe, sorry, die Protagonistin ist wahnsinnig weltgewandt und erfahren und dabei so bescheiden.
07.07.2010, 19:13 von reisemarieDer Kommentar könnte von mir selbst stammen. Habe schon überlegt, wie viele das mit den Insidern nerven wird.
@Daner - Danke für die Kräuterhexe ist korrigiert
07.07.2010, 19:11 von reisemarieSo geht's...
07.07.2010, 13:41 von sailori like.
07.07.2010, 10:45 von anjanaranja