EinfachHanna 30.11.-0001, 00:00 Uhr 16 4

"Dealer" vs. "Kryptonit-Mensch"

Einen Menschen, den man zuerst ohrfeigt, bevor man sich ihm um den Hals wirft und ihn küsst als wäre man eine "Nymphomanin kurz vor der Hinrichtung".

„Tatsache ist: Ich war süchtig nach David geworden, und nun, da seine Aufmerksamkeit nachließ, litt ich unter den leicht vorhersehbaren Folgen. Abhängigkeit ist das Kennzeichen jeder Liebesgeschichte, die auf Vernarrtheit basiert. Das Ganze beginnt, wenn das Objekt unserer Anbetung uns eine berauschende halluzinogene Dosis einer Empfindung kosten lässt, die zu wünschen wir uns niemals einzugestehen wagten – einen Speedball aus stürmischer Liebe und heftiger Erregung. Bald schon beginnt man sich mit der gierigen Besessenheit eines Junkies nach dieser intensiven Aufmerksamkeit zu verzehren. Wird einem die Droge vorenthalten, fühlt man sich sofort krank, verrückt und leer (ganz zu schweigen vom Groll auf den Dealer, der diese Sucht zuallererst nährte, sich jetzt aber weigert, das Zeug herauszurücken). Im nächsten Stadium findet man sich dann dünn und zitternd in einer Ecke wieder und weiß nur, dass man seine Seele verkaufen oder seine Nachbarn ausrauben würde, nur um es noch ein einziges Mal zu haben.“ (Elizabeth Gilbert, Eat Pray Love)

Erkennt sich jemand wieder?

Eine Freundin von mir machte mich vor einiger Zeit auf einen Text im Internet aufmerksam. Es geht um die These, dass jeder einen so genannten „Kryptonit-Menschen“ hat …

„Ich habe da so eine Theorie, nämlich dass jeder so einen Menschen hat, an dem er für immer hängen wird – ganz egal, wie lange die Beziehung gedauert hat oder wie intensiv sie war. Wir nennen sie die Kryptonit-Menschen, weil sie wie eine Schwachstelle für einen sind. Wann immer man sie sieht oder nur ihren Namen hört, verfällt man ihnen wieder. Oder bekommt zumindest ein Stechen im Herz, weil damals alles so schön schrecklich war und auch so schrecklich schön.“ (www.amypink.de)

Kommt das jemand bekannt vor?

Ist es nicht absolut erschreckend, wie viel Einfluss ein einzelner Mensch auf einen anderen Menschen haben kann? Wie sehr ein solch glorifiziertes Wesen die kleine Welt einer vermeintlich starken Persönlichkeit erschüttern kann? Und wie schier unmöglich es für ein Opfer ist, sich aus dieser selbst erschaffenen Folter wieder herauszuwinden? Wie kann es nur sein, dass man das alles immer und immer wieder zulässt, wohl wissend, welchen unerträglichen Qualen man sich unter Umständen Tag täglich aussetzt, nur um von dieser verbotenen Frucht, und sei es ein allerletztes Mal, zu kosten? Selbst dass es keine Fortsetzung mehr geben wird, ist eine eher misslungene Gegenwehr. Es ist vielmehr ein ständiger Selbstbetrug, und damit ein nahezu unerträglicher Leidensdruck. Denn wenn man ehrlich zu sich selbst ist, flüstert die Hoffnung einem nichtsdestotrotz immer wieder leise zu, dass das letzte Kapitel noch lange nicht geschrieben ist. Und wir sind mitnichten in der Lage dieses Flüstern zu dämpfen, selbst nicht unter dem Einfluss von Neuroleptika.

Ich kenne mehrere Menschen, vorrangig Frauen, die einen solchen „Kryptonit-“ bzw. „Kryptonit-/Dealer-Menschen“ haben.

Tamara, mein rationales Gegenstück, ist eine davon. Sie glaubt sich zuweilen vor ihrem „Kryptonit-Menschen“ in Sicherheit zu wiegen. Doch es gibt immer wieder Momente, in denen er zugegen ist. Und sei es nur, weil ein anderer potenzieller Anwärter gewisse Wesenszüge aufzeigt, die sie an ihn erinnern. Sie wurde durch ihre erste ernsthafte Beziehung überaus negativ geprägt. Doch ihr „Kryptonit-Mensch“ hat sie langfristig darin bestärkt, an ihrem nahezu unerschütterlichen Fundament, welches ihr zerbrechliches Innerstes umgibt und schützen soll, festzuhalten. Er ist der einzige Mann in ihrem Leben, der sie nicht nur krank macht, sondern auch heilt, wenn auch nur für eine Weile. Wie das? Der letzte Mann, der es geschafft hat, dass sich Tamara erneut wagt zu öffnen, hat es doch tatsächlich ebenso fertig gebracht, diese Frau wiederholt zu brechen. Und was hilft dabei, sich von der Wut auf einen Mensch, von dem man nicht erwartet hätte, enttäuscht zu werden, abzulenken? Die Projektion dieses Grolls auf einen anderen Menschen, den „Kryptonit-Menschen“. Einen Menschen, der es ohnehin nicht besser verdient hat. Einen Menschen, der aus einem eine wandelnde Irre, ein emotionales Wrack werden lässt. Einen Menschen, von dem man sowohl angewidert als auch vollkommen hingerissen ist. Einen Menschen, den man zuerst ohrfeigt, bevor man sich ihm um den Hals wirft und ihn küsst als wäre man eine „Nymphomanin kurz vor der Hinrichtung“ (Notting Hill). Man nehme daher eine Freundin, die über die Handynummer dieses Mistkerls verfügt, fordere diese Freundin auf, diesem Typen eine Nachricht zukommen zu lassen mit der Bitte, sich bei der Geschädigten (Tamara) zu melden, was dieser allerdings nicht tun wird und dessen sich das Opfer bewusst ist, doch eben darum geht es ja. Und fertig ist ein neu ins Leben gerufener Zorn, der alle anderen Männerprobleme in den Schatten stellt oder gar vergessen lässt. Doch wie ich bereits schrieb: Nur für eine Weile.

Meine Emma, zerbrechlicher als es den Anschein macht, kennt ihren „Kryptonit-Menschen“ seit bereits vierzehn Jahren. Mit der Zeit kamen sich die beiden immer etwas näher, doch nie zusammen. Ganz gleich wie die Geschichte jedes Mal endete, zu Beginn einer jeden Episode brauchte es nicht viel und sie war ihm erneut hilflos ausgeliefert. Die letzte Begegnung liegt wenige Monate zurück und dieses Mal hat er es geschafft, sie fast vollständig zu zerstören. Nach all den Jahren galt es nun dem Verlangen, das eine so lange Zeit mit Leidenschaft und Wut gemästet wurde, endlich nachzugeben. Sie ließ ausnahmslos alles geschehen, was ohnehin nicht mehr aufzuhalten war, nur um am Ende wieder eine Statistin in seinem Leben zu werden. Und das Traurige daran ist, dass sie es wusste. Sie wusste, wie die Geschichte enden würde bevor sie überhaupt begonnen hatte. Dennoch hat sie es zugelassen. All das Leid, nur um ihm für wenige Stunden so nahe zu sein, wie sie es sich all die Jahre über gewünscht und vermutlich mehrfach vorgestellt hatte.

Doch was ist eigentlich mit den bedauernswerten Kreaturen, die einer Person verfallen sind, die sowohl den „Dealer“ als auch den „Kryptonit-Menschen“ in sich vereint? Einer Person, die sowohl gedanklich als auch körperlich außerordentlich abhängig macht. Also meiner bescheidenen Meinung nach sind die Kreaturen, die Opfer dieser überaus hochexplosiven Mixtur eines Menschen geworden sind, nur zu bemitleiden, denn sie sind dafür prädestiniert, von einer zu Beginn unscheinbaren Vernarrtheit, in eine chronische Besessenheit zu rutschen.

Alina, Herzmensch wie ich es bin, die in ihrem Leben über ein solches Exemplar verfügt, ist zwar, nachdem sie über eine sehr lange Zeit hinweg nur Pech mit Männern hatte, seit über einem halben Jahr in einer Beziehung, dennoch hochgradig gefährdet wieder rückfällig, also wieder voll und ganz von ihm abhängig zu werden. Neulich konnte sie mir auf die Frage, ob sie sich von ihrem jetzigen Freund trennen würde, wenn er wieder vor ihrer Tür stehen würde, nicht beantworten. Sie wusste es nicht. Oder sagen wir mal, sie wusste es immer noch nicht. Denn zu Beginn ihrer derzeitigen Beziehung stellte ich ihr dieselbe Frage, die sie mir schon da nicht beantworten konnte.

Und ich? Nun, ich persönlich habe ein besonderes Talent zur seelischen Selbstverstümmelung. Ich habe einem solchen Menschen, einem, der sowohl den „Dealer“ als auch „Kryptonit-Menschen“ in sich verkörpert, vor einiger Zeit eine lebenslange Aufenthaltsdauer sowohl in meinem Kopf als auch in meinem Herzen erteilt. Widerrufsrecht ausgeschlossen.

Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft sowohl er als auch ich den Kontakt zueinander abgebrochen und wieder aufgenommen haben. Wie oft ich mir geschworen habe, dass es ein für alle Mal vorbei ist. Dass es niemals funktionieren wird und auch würde. Dass mich der Kontakt zu ihm mehr zerreißt als glücklich macht, weil wir niemals zusammen sein können. Und trotzdem … Allein sein Name auf dem Display meines Handys versetzt mich jedes Mal in den Spätsommer, als er mir gestand, welche Gefühle er für mich entwickelt hat. Oder in den Spätherbst, als er für fast zwei volle Tage bei mir war und wir nur schwer in der Lage waren, auch nur fünf Minuten die Finger von einander zu lassen. Mein Herz bleibt jedes Mal für einen, wenn auch nur kurzen Moment, stehen. Und absolut nichts, nicht einmal die Zeit ändert etwas daran.

Niemals zuvor hat ein Mann eine so emotionale und körperliche Anziehungskraft auf mich ausgeübt wie er. Ich habe noch nie so sehr das Gefühl gehabt, dass ein Mann meine Gedanken, die zuweilen so tief gehen und auch verstrickt sein können, so gut versteht wie er. Der sich Gedanken über Dinge macht, die zuvor oder vielleicht sogar gleichzeitig auch mich beschäftigten, bevor sie durch mich überhaupt zur Sprache gebracht wurden. Noch nie habe ich eine so zarte und unsichtbare Verbindung zu einem anderen Mann aufgebaut wie zu ihm. Ein Satz von ihm, in dem er mir schreibt, wie viel ich ihm bedeute, dass er auf einem Straßenschild den Namen der Stadt gesehen hat, in der ich lebe und an mich denken musste, und mein Herz fängt wie wild an zu schlagen und meine Wangen beginnen zu glühen. Es ist wie ein physikalisches Gesetz, das nicht außer Kraft gesetzt werden kann, da es alle Kriterien erfüllt, die es erfüllen muss, um als solches betitelt werden zu können: Es ist einheitlich, widerspruchsfrei und wurde in der Praxis bereits bestätigt.

Doch wie ist das alles zu erklären? Wie kann es nur sein, dass wir zuweilen eine leidenschaftliche und zudem mit einem imaginären Verfallsdatum besetzte – denn solche Verbindungen halten in der Regel nie länger als ein paar Monate – Beziehung mit einem Mann, einem seichten und soliden Verhältnis vorziehen? Woher kommt diese masochistische Neigung? Sind wir vielleicht doch eher Räubertöchter als Prinzessinnen, was ich, wenn auch nicht unbedingt in diesem Kontext, überaus hoffe, und suchen stets die Gefahr, weil wir durch diese erst zum Leben erwachen?

Was auch immer uns dazu verleitet, uns derart zu verhalten, ich für meinen Teil habe irgendwann schlussendlich resigniert. Ganz gleich, was er auch tut, ob er mich wütend mit Hilfe einer Nachricht, also mit geschriebenen Worten ‚anschreit‘ oder sich wochenlang zurückzieht, dann plötzlich auftaucht und sich verhält, als wäre nie etwas gewesen, ich in meinen schlimmen Phasen in einen ohnmachtsähnlichen Zustand falle, meine Tränen kaum noch zurückhalten kann, ganz gleich, ob ich auf der Arbeit oder zu Hause bin oder ich mich innerlich tot fühle, weil mein Innerstes und Äußeres einfach an Kraft verloren haben, er wird immer ein Teil meines Lebens sein, in welcher Form auch immer. Ich habe gelernt, damit zu leben. An den einen Tagen funktioniert es besser, an den anderen eher schlechter. Nicht nur, weil ich es nicht anders will, sondern weil ich es schlicht und einfach nicht anders kann. Ich kann ihn nicht gehen lassen. Und auch wenn ich für dumm und naiv gehalten werde, so weiß ich, dass es ihm ähnlich geht, und ich glaube ihm. Mit einer entscheidenden Ausnahme: Er ist stärker als ich.

Während er es schafft, eine professionelle Distanz aufzubauen und nicht in alte Muster zu verfallen, hänge ich bei jeder noch so kleinen Unterhaltung gedanklich wieder mit meinen Lippen auf seinen. Vor fast einem Jahr haben wir uns das erste Mal geküsst. Es gibt viele Momente, in denen ich an diesen Kuss, und zwar bis ins kleinste Detail, sofern eine Rekapitulation in Gänze überhaupt möglich ist, denken muss. Wie erbärmlich.

Aktuell herrscht wieder Funkstille, und zwar in seiner härtesten Entstehungsform. Und dieses Mal fühlt es sich nach ‚für immer‘ an. Wenn da nicht die Hoffnung wäre, die leise flüstert …

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16 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Hey. Ich habe mir diesen Text komplett durchgelesen. Ich war damals vom ursprünglichen Text des Kryptonitmenschen schon begeistert u es beruhigte mich zu wissen, dass ich nicht krank bin. Sondern dass es auch andere Menschen gibt, die sich so zu einem Menschen hingezogen fühlen, seit Jahren, u ihm heute noch so verfallen sind wie damals. Danke dir für den Text. Du sprichst mir damit aus der Seele...allein mit den kleinsten Situationen,  die du beschreibst kamen mir die Tränen, weil auch ich mir ständig versuche zu sagen, dass es ein Ende hat, aber dennoch dieser Funke Hoffnung nie erlischt. 

    24.11.2015, 22:33 von sunjulchen
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Nein, es ist keine wissenschaftliche Abhandlung. Den Link zu dem Text findest Du im obigen Text (amypink.de).

      25.11.2015, 09:37 von EinfachHanna
    • 0

      sunjulchen, danke für Deine lieben Worte. Ich war sehr gerührt.

      25.11.2015, 09:43 von EinfachHanna
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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  • 1

    Ich habe den Text jetzt nicht in seiner Gänze gelesen, aber was mir sponatan auffällt, und was ich sehr angenehm finde, dass du auf mich reflektiert und ehrlich zu dir selbst wirkst. Glaube das unterscheidet auch die vielen ähnlichen, eher selbstmitleidigen, leidenstriefigen Texte hier von deinem.

    20.10.2015, 22:00 von yuhi
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  • 1

    tldr

    20.10.2015, 10:56 von sailor
    • 0

      Was möchtest Du damit sagen?

      20.10.2015, 11:30 von EinfachHanna
    • 1

      to long – didn't read

      Ich find's zu lang...

      20.10.2015, 11:31 von sailor
    • 3

      Und das war auch zu lang, um es gleich auszuschreiben? ;D

      20.10.2015, 19:37 von -Maybellene-
    • 0

      Röchtöööch....

      20.10.2015, 19:40 von sailor
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  • 2

    Nein, natürlich kenne ich das nicht mehr, ich bin ja schon Erwachsen. Aber ist doch gut, wenn es für Dich noch so funktioniert, dass "sich rausreden" aus falschen/schlechten menschlichen Entscheidungen...

    20.10.2015, 10:36 von chiral
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  • 1

    Ich glaube auch, dass viele Leute einen Kryptonit Menschen haben. Aber ich finde bei allen negativen Seiten, die das mit sich bringt, ist es auch schön, dass  nicht jeder sofort ersetzbar ist. Vor allem im Zeitalter der Dating Apps. Auch wenn das sicher oft einfacher ware... ;)

    20.10.2015, 10:19 von -waaf
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  • 1

    sehr guter text!

    hut ab und ich kenne das zu gut!

    18.10.2015, 10:54 von pippilottaviktualiarollgardina
    • 0

      Vielen lieben Dank!! Es freut mich, dass Dir der Text so gefällt.

      18.10.2015, 15:28 von EinfachHanna
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