Alsterpiratin 04.12.2011, 12:02 Uhr 45 107

Deadline (2.0)

Ich lasse nicht los. Dich nicht. Und seine Hand nicht.

„DEADLINE“ schreibe ich in großen, roten Buchstaben auf das Papier und sehe dabei zu, wie die Tinte langsam trocknet. „Es wird Zeit, es zu beenden!“ denke ich, als meine Finger das bedrohliche Wort auf der Seite des Kalenders nachzeichnen. Und jetzt gibt es einen Termin. Einen Moment lang verweile ich in Gedanken. An dich. An jenen Tag. An jene Bank. Einen Moment lang gestatte ich es mir, mich zu erinnern. An deine Worte. Deine Berührungen. An diesen Kuss. Und auch daran, wie gern ich dir gesagt hätte, dass ich das kleine Muttermal an deinem Ohr mag.

Dann fahre ich zu ihm. In seiner Wohnung brennen Kerzen und es duftet nach Advent. Er hat auch Plätzchen hingestellt, weil er weiß, dass ich das mag. „Rotwein?“ fragt er höflich und ich nicke, zucke kurz zusammen, als er sich neben mich auf das Sofa setzt. Er redet viel und fragt viel, und ich trinke von dem schweren Bordeaux und denke plötzlich an dich. An jenen Tag. An jene Bank. Daran, wie du meine Hand gehalten hast. Wie du meinen Rücken gestreichelt hast, als wir uns umarmten. Und auch daran, wie du gegangen bist.

Dass wir aufhören wollen, wenn es am schönsten ist, haben wir immer gesagt. Und mich bedrückt die Angst, dass wir diesen Moment schon verpasst haben.

„Frierst du?“, fragt er plötzlich, und er greift nach meiner Hand. Ich erstarre. Nicht sicher, ob ich sie wegziehen will, oder ob es mir gefällt, dass seine Finger meine streicheln. Muss ich mich schlecht fühlen? Ich denke kurz an dich. An jenen Tag. An jene Bank. An jedes Lachen. Jedes Wort. Und auch daran, dass wir nicht einmal Freunde sind. Und ich lasse nicht los. Dich nicht. Und seine Hand nicht.

„Lass das!“ rufe ich lachend, als er anfängt, mich zu kitzeln. Die flinken Finger, überall. Halbherzig wehre ich mich, und für einen Augenblick bist du vergessen. Wir lachen laut und ausgelassen, als seine großen Hände meine Handgelenke umfassen. Vorsichtig drückt er mich auf das weiche Kissen. Und plötzlich: Stille. Das Lachen erstirbt. Er ist über mir, und ich höre seinen gleichmäßigen Atem. Und als er sich zu mir beugt und ich seine Wärme schon spüren kann, schließe ich die Augen und entfliehe zu dir. Zu jenem Tag. Zu jener Bank. Und auch zu deinem falschen „Bis bald!?“.

Sein Gewicht lastet auf mir. Und ich denke an dich. An dein kariertes Hemd, an deinen Schal. Und auch an die perfekt geputzten Schuhe, die ich unentwegt angestarrt habe, als ich mich nicht getraute, in dein Gesicht zu sehen. Und dann beginnt er, mich zu küssen. Zärtlich verwöhnen seine Lippen meinen Hals. Und seine kühlen Finger zeichnen feine Linien auf meinen Bauch. Ich drohe zu ersticken. Ich höre dein „Bis bald!?“, das inzwischen ein „Vielleicht bis irgendwann!“ ist, und ich wünsche mich zurück. Zu jenem Tag. Zu jener Bank. Um dir zu sagen „Bis nie mehr!“. Weil ich fürchte, wir haben den Moment verpasst.

Er ist hingebend und streichelt mich sanft. Und du bist nur ein Spieler. Und als er seine Lippen vorsichtig zu meinen führt, sie schon berührt, höre ich mich flüstern „Bitte nicht!“. Meine Stimme klingt ganz kalt und fremd und füllt den Raum. Ich traue mich nicht, ihn anzusehen. Dann macht er einen Scherz, und ich lache. Wohl wissend, dass er verletzt ist, wohl wissend, dass mein Lachen nicht echt ist.

Zu Hause falle ich auf mein Bett und tauche in die dicken Kissen. Meine Gedanken drehen sich. Und ich sehe auf das Handy, nur um zu bestätigen, was ich schon längst weiß: Du hast mir nicht geschrieben. Und ich warte, und ich kämpfe, und ich hoffe. Und greife dann nach dem Kalender: Deadline. Der Tag steht jetzt fest.

Ich werde dann da sein. An jenem Ort. An jener Bank. Und ich frage mich, ob du weißt, wann es sein wird. Und auch, ob du kommen wirst.

Und ich denke an die Träume. Und an unsere Fantasien. An die wahnsinnige Lust. Daran, dass ich dich jetzt spüren will. An verrückte Abenteuer. Und auch daran, dass wir sie nicht wahr machen werden. An falsche Erwartungen und leere Versprechungen.

Und ich bitte. Und ich flehe. Und ich bete, dass du kommst. Und ich denke an die Zeit. An unser Spiel. An Kampf und Resignation. Und immer wieder an das Warten. An die Wut. An die Trauer. Und immer wieder an das Hoffen.

Und ich will, dass du da bist, wenn ich gehe. Und dass wir uns ansehen, bevor wir uns nie wieder sehen. Und dass du mich festhältst, wenn ich dich loslasse. Und dass du mich küsst, noch ein einziges Mal.


Tags: Deadline, Bank, Kalender
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45 Antworten

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  • 0

    bin jetzt irgendwie sprachlos.

    21.12.2011, 17:07 von vexierbild
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  • 0

    sehr berührend

    20.12.2011, 15:43 von tooyoungtoonaive
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  • 1

    als würdest du in meinem kopf sitzen.

    sehr schön-traurig!

    18.12.2011, 18:03 von nutelllaella
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  • 1

    bin gerade kurz versunken

    18.12.2011, 17:29 von childintime
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  • 0

    da reißen alte wunden wieder auf, sehr bewegend!

    12.12.2011, 16:34 von fraeuleinvonundzu
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  • 0

    Der letzte Absatz, die letzten Worte sind das beste am Text.

    12.12.2011, 15:48 von Nuith
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  • 2

    wahnsinn! Es ist als würdest du meine Gedanken in Worte fassen...

    12.12.2011, 12:15 von Krainy
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  • 0

    wow

    11.12.2011, 17:16 von FrauTina
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  • 1

    Wie schön...Die Idee mit der Deadline bringt es auf den Punkt.

    09.12.2011, 22:04 von virGinnya
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  • 0

    schöner Text, könnte meine Geschichte sein, gut geschrieben, gern gelesen.

    wann ist der Termin?

    08.12.2011, 21:27 von Wolkensprung
    • 0

      Schon sehr bald...

      18.12.2011, 13:20 von Alsterpiratin
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