Das Yin zum Yang
Ich muss lächeln. Der ganze Raum duftet nach Mann.
Ein Hauch von Aftershave, frischem Schweiß und anfänglicher Bierfahne kitzeln im Wechsel meine Nase. Meine Nackenhaare stellen sich durch einen wohligen Schauer auf. Ich muss lächeln. Der ganze Raum duftet nach Mann.
Ich höre eure Stimmen, wie sie sich gegen die Musik und gegeneinander behaupten wollen, schmutzige Lachen, Flaschengeklirre. Ich stehe am Rand und beobachte euch. Für euch habe ich ein Kleid angezogen und hohe Schuhe. Ein bisschen fühle ich mich wie in einem überwältigenden Süßwarenladen, in dem ich alles probieren möchte, so wie früher: Frösche, Cola-Kracher, Zuckerstangen, saure Schlangen, Esspapier, ich will alles.
Ich nippe an meinem Desperados, mein Blick schweift durch die Menge und klinkt sich in deinen ein. Stahlblau und ein bisschen dramatisch. Du siehst mich anscheinend schon eine Weile an und der Gedanke gefällt mir. Ich bemerke wohlwollend, dass du Kaugummi kaust, denn ich liebe das Spiel deiner Kaumuskulatur, wie es sich über deinem Kieferknochen abspielt. Ohne den Blick von mir abzuwenden, kippst du den Kopf nach hinten, um einen tiefen Schluck von deinem Bier zu nehmen. Diese Geste ist so provozierend, dass ich unwillkürlich an den Ohren erröte. Einen Augenblick lang hast du etwas von einer Katze, die zum Sprung ansetzt. Du bist eigentlich nicht mein Typ. Aber ich sehe gerade deine ganze Schönheit und Stärke. Bewunderung durchflutet mich. So viel, dass ich dich jetzt gar nicht mehr berühren könnte, ich wäre auf deinen Mut angewiesen. Irgendetwas schimmert und schillert um dich herum. Wenn du eine Farbe hättest, wärst du violett. Ein pulsierendes violett.
Heute will ich mich einfach genau so fühlen wie mein Kleid aussieht: weiblich. Von links werde ich angesprochen. Du bist ein ruhiges, sattes, stoisches blau und einen Kopf größer, wie ich das mag. Ich stehe nämlich drauf, zu dir heraufzuschauen, selbst in Absätzen, und zu wissen, dass du mir von da oben gelegentlich in den Ausschnitt schaust, so subtil, dass es kaum auffällt, aber ich sehe es. Auch jetzt gerade. Wenn du mich küssen wolltest, müsste ich meinen Kopf nach oben recken, damit du an meine Lippen kommst, nicht nur an meine Stirn. Am besten, du würdest mein Kinn zu diesem Zweck mit deinem Zeigefinger nach oben heben. Dabei könntest du die andere Hand an meinem Rücken, an der Lendenwirbelsäule parken. Deine Finger dürften auch so tun, als würden sie nur zufällig meinen Po berühren, ich würde sehr gern mitspielen und garantiert ein bisschen die Wirbelsäule für dich durchdrücken.
Da vorn bist du, dich kenne ich schon lange. Du leuchtest schon von weitem purpurn. Zu deiner Farbe passen deine vollen Lippen und der etwas großspurige Gang, genau wie die Art von intelligentem und respektlosem Witz, den du überall verstreust. Ich möchte dir zuprosten, deshalb entschuldige ich mich und gehe rüber zu dir, im vodkagetränkten Überschwang packst du mich mit deinem Arm in der Taille und ziehst mich bestimmt an deine Seite. Wie schön, dass du so impulsiv bist. Temperament ist immer von Vorteil. Für einen Sekundenbruchteil taucht ein Bild vor meinem geistigen Auge auf: Du, auf mir liegend, Schweißperlen an Stirn und Oberlippe und ein Ausdruck in den Augen wie hungrige Wölfe ihn haben. Blinzeln. Du fängst an mich vorzustellen mit Umschreibungen wie „gefährlich“ oder „nicht auf den Mund gefallen“ oder „Rasiermesser“, ohne meine Taille dabei loszulassen. Unwillkürlich ziehe ich die Schultern ganz leicht nach hinten, damit die Brüste noch besser zur Geltung kommen. Ich weiß, dass ich gerade ein Magnet bin. Bist du stolz mich vorzustellen? Ja, du bist es, ich höre es in deiner Stimme, mit der du weit ausholst und sehe es an deiner Mimik. Plötzlich will ich noch höhere Schuhe anziehen, um noch mehr von diesem Gefühl zu haben.
Dann verfängst du dich in ein Gespräch über Politik und ich schlendere weiter, lächelnd – es ist schön euch zuzusehen, aber ich will mich jetzt nicht über so etwas unterhalten.
Du, in junges leuchtendes grün gehüllt, scheinst gerade erst reingekommen zu sein und orderst an der Bar einen Whiskey. Mir ist vollkommen egal ob du das nur machst, um die Frauen im Raum zu beeindrucken oder ob Whiskey dir wirklich schmeckt. Dein Drink verfehlt seine Wirkung nicht. Kluger Effekthascher, du könntest ein Wassermann sein. Ich muss lächeln, weil ich sehe, dass du eigentlich unsicher bist und versuchst, es so gut es geht zu verstecken. Brauchst du nicht, wir alle sind unsicher. Du sitzt auf dem Barhocker, mit dem rechten Fuß auf deinem linken Knie, die Beine geöffnet, das Glas in der linken Hand, den rechten Ellbogen auf die Bar gestützt. Dein Rücken ist leicht gekrümmt, du begutachtest die Menge und prüfst, ob du gut rüberkommst. Ich liebe es, wie du dasitzt und dass dein Hals so breit ist wie dein Kopf. Weil ich ein bisschen in deiner Nähe sein will, setze ich mich auch an die Bar. Vielleicht kann ich dir Sicherheit vermitteln wenn ich dich anlächle. In dem Moment gesellt sich dein Kumpel zu dir und schiebt sich zwischen uns, noch bevor ich hallo sagen konnte. Ich höre dich lachen. Dein Kumpel steht zwar mit dem Rücken zu mir zwischen uns, allerdings hat er aufregend breite Schultern und riecht fantastisch, würzig-süß. Ich muss an tiefes magenta denken.
Diese ganzen Farben, diese Möglichkeiten. Am liebsten würde ich alles über euch alle erfahren, nur wann und wie sollte ich das tun? Ich schließe stattdessen genussvoll die Augen, ich bin im Süßwarenladen. Ich liebe so vieles an euch: Ich liebe euer Temperament, eure Sprüche, eure Augen. Ich liebe euren Verstand und dass ihr wie Wellenbrecher seid. Ich liebe sowohl eure Härte als auch eure Weichheit, besonders wenn die Weichheit tief verborgen liegt und ihr sie langsam offenbart. Ich liebe so sehr, wie ihr mit einer Hand das Lenkrad bedienen könnt und den Geruch eurer Lederjacken. Ich liebe euren Beschützerinstinkt und euer Durchsetzungsvermögen. Ich liebe es, wenn ihr eine Gitarre in die Hand nehmt und ich mich wieder fühle wie ein Groupie mit 15. Ich liebe es, euch am Herd stehen zu sehen, als hättet ihr nie etwas anderes gemacht. Ich liebe es, wenn ihr gut mit Hunden umgeht und euren besten Freund lange umarmt ohne euch bescheuert zu fühlen. Ich liebe es, wenn ich verknotet denke und ihr entwirrt den Knoten mit nur einem einzigen Satz, weil ihr gerader denkt als ich.
Ich liebe es, dass ich mich jetzt in diesem Moment unter euch so sehr als Frau fühlen darf.
(Für alle Männer dieser Welt)"Wichtige Links zu diesem Text"
What's a man without a woman / what's a woman without a man




Kommentare
23.08.2011, 00:47 von LudwigMartinJetzt bin ich doch ein wenig gerührt...
Ein Whiskey wär jetzt gut. ;-)
Haste ma wieder schön geschrieben.
eine hymne an den mann, der ich mich nur anschließen kann !
05.06.2011, 16:11 von Gluecksaktivistinschön - schöne bilder, erotik. auch eine hymne ans frausein
mag ich
Es geht auch miteinander! Sehr schön.
04.06.2011, 09:34 von cosmokatzeJA! das ist ein wunderbarer text.
03.06.2011, 10:05 von RedSonjagenauso ist es ..
süßwarenladen. :o)
und ehrlich: ganz schön erotisch die bilder. die du malst!
@RedSonja ja, so ist es... danke euch
03.06.2011, 13:27 von ZioDadurch, dass du nicht einmal "Wir Frauen" benutzt hast, wirkt der Text nicht pauschal, sondern persönlich.
03.06.2011, 09:59 von SurecampFinde ich gut.