Das Wir-Syndrom
Nicht alle Singles sind unglücklich darüber, allein zu leben. Bis sie Bekanntschaft mit den Menschen gemacht haben, die nur noch im "Wir" existieren.
Beschwert man sich als Single über nervende Pärchen, heißt es man sei neidisch, frustriert, unglücklich und eifersüchtig. Als Vertreter der Bevölkerungshälfte, die am Valentinstag ohne Geschenk ausgeht, möchte ich etwas aufklären: Wir regen uns nicht grundsätzlich über alle Menschen auf, die das Glück haben, eine bessere Hälfte gefunden zu haben. Lediglich die Paare, die mit ihrer Art der Liebesbekundung das Leben ohne Partner als unwürdig und das Dasein in einer Beziehung als oberste Lebensform darstellen, lassen selbst das geduldige Herz des Singles vor Wut zur Höchstform auflaufen.
Es gibt Paare, mit denen man seine Samstagabende gerne teilt. Solche Paare zeichnen sich vor allem durch eine Eigenschaft aus: Sie bestehen aus zwei Individuen. Sie geht mit ihren Freundinnen ins Kino während er Fußball schaut, er hört Metallica und sie lacht und weint gemeinsam mit den Songs von Kate Nash, sie verbringt ihre Mittwochabende an der Seite ihrer besten Freundin während er über die unanständigen Witze seiner Kumpels lacht. Kurzum: Beide ziehen es vor, das Leben weiter zu führen, das existiert hat, bevor sie ihre Beziehung begonnen haben. Der Umgang mit solchen Paaren ist für einen Alleinstehenden vor allem deshalb so angenehm, weil man nicht das Gefühl hat, das fünfte Rad am Wagen zu sein oder ein Störenfried, der in die sorgsam aufgebaute Zweisamkeit eindringt, mit all den verstörenden Geschichten über das Alleinsein und zerbrochene Beziehungen.
Und dann gibt es da noch die Paare, bei denen es unwahrscheinlich erscheint, dass es für sie überhaupt je ein Leben vor der Beziehung gegeben hat. Trifft man einen von beiden allein, dringt sich unweigerlich die Frage auf, wo der andere ist, denn bei diesen Exemplaren scheint es kein „du und ich“ mehr zu geben, sondern nur noch ein „wir“. Nicht selten stellen diese Paare sich als völlig inkompatibel für einen geselligen Abend heraus, denn derartige Beziehungsholics schaffen es innerhalb weniger Augenblicke, dass sich ein Single nur noch weit weg auf seine Couch wünscht- gemeinsam mit einer Familienpackung Schokolade, jeder Menge Wein und der unbändigen Wut auf alles was mit rosaroten Herzchen und Kerzenscheinromantik zu tun hat.
Solche Paare haben vor allem ein Ziel: a) zu beweisen wie glücklich sie sind- Miteinander. Gemeinsam. Als Paar. Und b) wie unglücklich im Gegensatz dazu Singles sind- allein. Für sich. Ohne Partner.
Das äußert sich meist im regelmäßigen Austausch von überschwänglichen Zärtlichkeiten oder in ihrem Wortschatz, in dem Wörter wie „ich“ oder „allein“ praktisch keine Bedeutung mehr haben. Das schlimmste aber ist die Art, wie sie mit denen unter uns umgehen, die bei Amor hinten anstehen. Alleine aufwachen? Wie bemitleidenswert. Ohne Freund ins Kino gehen? Wie langweilig. Ungeküsst einschlafen? Wie traurig. Sie vermögen es mit ihren Kommentaren unser eigentlich erfülltes, beziehungsloses Dasein in Frage zu stellen und es dem Lächerlichen preis zu geben.
Es scheint, als würden diese Paare gemeinsam mit ihrem ungebundenen Leben auch ihr Taktgefühl aufgeben, denn dieses hätte sie ansonsten wohl davor bewahrt, Fragen à la „Warum findest du denn niemanden? Bist du zu wählerisch?“ zu stellen. Solche Fragen sind nicht nur unangebracht, sie stellen zusätzlich die unrichtige Behauptung auf, dass grundsätzlich jeder Single unfreiwillig allein lebt und somit ständig unglücklich durch die Straßen irrt, mit der Hoffnung, möglichst schnell einen liebestechnischen Volltreffer zu landen.
Doch Single sein bedeutet nicht gleichzeitig, dass man unzufrieden ist. Man kann sein Leben komplett ungestört gestalten, alle Freiheiten genießen, die die Ungebundenheit so mit sich bringt, was in vielen Fällen von äußerstem Vorteil ist. Alleine aufwachen? Das heißt man muss nicht einen Gedanken an die morgendliche Horrorfrisur oder den unförmigen Schlafanzug verschwenden. Ohne Freund ins Kino gehen? Man kann jeden Film schauen den man will, selbst wenn es die größte schnulzige Romanze seit Titanic ist. Ungeküsst einschlafen? Das Bett bietet umso mehr Platz für den nächtlichen Bewegungsdrang.
Das Leben als Single kann also durchaus erfüllend genug sein, und trotzdem, wenn man sich als überzeugt ungebundener Mensch einem Paar stellen muss, dass anscheinend nichts so verachtenswert und trist wie ein Leben allein findet, dann erscheint das eigene Bett plötzlich viel zu groß um allein darin zu schlafen, die Kinobesuche im Alleingang verlieren auf einmal jeden Reiz und die Begegnung mit frisch verliebten Pärchen wird zur Zerreißprobe. Und genau aus diesem Grund nerven diese Wir-Paare so sehr, denn sie geben den Singles das Gefühl, das irgendwas an ihrem Leben nicht richtig ist, nicht ausgereift genug, auch wenn sie insgeheim wahrscheinlich zufrieden sind, so wie es ist.
Gäbe es mehr Paare, die aus zwei eigenständigen Personen bestehen würden, die uns zeigen, dass eine Beziehung nicht aus der Aufgabe des eigenen Lebens und der eigenen Persönlichkeit besteht, gäbe es wohl auch weniger Singles, die sich über die traute Zweisamkeit anderer beschweren würden und mehr Alleinlebende, die die Ungebundenheit in vollen Zügen genießen könnten.




Kommentare
Die Frage,wie viele man denn in der letzten Woche so gehabt habe, läßt den männlichen Part solcher Fusionen deutlich, den weiblichen unterschwellig ins stocken geraten. Ab da sind beide mit sich beschäftigt,und man hat erstmal Ruhe. ;)
15.04.2011, 13:42 von MyselfandmeDanke!
10.03.2011, 14:20 von Ankikawunderbar auf den punkt gebracht! starker text!!!
02.05.2010, 14:05 von MissalieIch finde diesen Artikel wirklich sehr gelungen und sehr schön formuliert.
18.02.2010, 17:45 von hoppipollaaIch habe selbst einmal in einer solchen Wir-Beziehung gelebt und unter ihr gelitten. Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich eher dazu neige, das Wir-Pärchen zu bemitleiden als mich selbst. Ich würde auf das "Wir-GEFÜHL" in einer Beziehung nie verzichten wollen und ich möchte spüren, dass ich etwas besonderes für meinen Partner bin - aber ich will, dass er und ich Individuen bleiben. Nur so kann man sich doch auch auf Dauer spannend finden.
Teile ich voll und ganz mit dir.
22.12.2009, 08:23 von MogeishaGut beschrieben.
Ich bin eine von den glücklichen Singles....
und es nervt einfach dieses unter die Nase gehaltene geglucke.