HeiligerBimbam 17.07.2007, 22:07 Uhr 14 14

"Das war´s..."

...sagt sie, als sie mit verheulten Augen ihren Kopf an meine Schulter lehnt. Die Liege im Krankenwagen ist leer.

Ich kannte ihren Vater nicht gut, obwohl ich schon gute neun Monate mit ihr zusammen war. Ich hatte ihn vielleicht drei oder vier Mal gesehen, und obwohl ich ihn nicht kannte, war er mir von Grund auf sympathisch. Diese Woche sollte ich ihn das erste Mal richtig kennen lernen. Eine Woche in seinem Ferienhaus, wir drei, er, sie und ich.

Wir warteten voller Vorfreude auf gepackten Sachen in ihrer Wohnung. 13h sollte er kommen. Die Minuten vergingen, 13:30, 14:00, er war immer noch nicht da. Sie machte sich langsam Sorgen, da er sich weder gemeldet hatte noch erreichbar war. Ich versuchte sie zu beruhigen. Ich kenne das aus meiner Familie, da wird öfters mal ein Termin vergessen und das telefonische Erreichen gestaltet sich oft wie eine Lotterie. Aber sie kannte ihren Vater besser, meinte er meldet sich immer wenn er zu spät kommt und ist auch normalerweise nicht so lange unerreichbar. Also fuhren wir zu seiner Wohnung, es war mittlerweile 15h. Wir klingelten, aber keiner öffnete, auch seine Freundin war nicht zu erreichen. Wir klingelten bei Nachbarn und sie fragte ob sie vielleicht einen Schlüssel zur Wohnung hätten. Hatte aber niemand, also fuhren wir zurück in ihre Wohnung und warteten auf einen Rückruf von der Freundin ihres Vaters und der Putzfrau, die einen Schlüssel zu der Wohnung hatte.

Mittlerweile hatte ich es geschafft, sie ein wenig zu beruhigen. Es ist einfach meine Art, erst einmal nicht den Teufel an die Wand zu malen, sondern in solchen Fällen eine das-wird-schon-Attitüde an den Tag zu legen, zumal ich in meiner Familie wie gesagt schon ähnliche Situationen durchlebt hatte. Dann riefen beide an. Ich weiß nicht mehr in welcher Reihenfolge, aber das ist auch sekundär. Jedenfalls fuhr sie dann mit der Freundin ihres Vaters zu dessen Wohnung wo sie sich mit der Putzfrau treffen würden. Ich wartete währenddessen in Ihrer Wohnung. Plötzlich ein Anruf: "Komm bitte ganz schnell her!"

Ich zog also meine Schuhe an, rannte zur U-Bahn und verfluchte mich innerlich, dass ich versucht hatte sie zu beschwichtigen, als sie schon den Schlüsseldienst oder die Feuerwehr rufen wollte. Bei der Wohnung ihres Vaters angekommen, sah ich nur einen Krankenwagen vor der Haustür. Sie sah mich, kam heraus, nahm mich in den Arm und stammelte irgendwas von etwas zu trinken holen. Ich lief mit ihr zum Kiosk und zurück zum Krankenwagen ohne ein Wort zu wechseln. Dort angekommen sah ich die Freundin ihres Vaters schluchzend auf dem Sitz sitzen, aber die Liege war leer.

Sie setzte sich drauf, ich mich neben sie. "Das war's" sagte sie, als sie mit verheulten Augen ihren Kopf an meine Schulter lehnte.

Die Ohnmacht, die ich in diesem Moment fühlte ist schwer bis gar nicht zu beschreiben. Man möchte nichts mehr als einem Menschen helfen, es besser machen, aber alles was man sagt oder tut macht die ganze Sache nur noch schlimmer. Also blieb mir nichts anderes übrig als da zu sein, eine Schulter zum Anlehnen zu bieten. Ich blieb den Tag und die Nacht bei ihr, wollte ihr helfen und konnte es nicht. Nichts kann einem in einen solchen Moment helfen.

Nun sitze ich alleine zuhause. Diese Ohnmacht lähmt und erdrückt mich. Einem Menschen, der einem so viel bedeutet nicht helfen zu können, diese Hilflosigkeit macht einen verrückt und man versinkt in Selbstzweifel. Bin ich gut genug für sie? Warum kann ich ihr nicht helfen, wenn ich doch nichts mehr will? Warum trifft sie dieses Schicksal, wieso nicht mich? Was berechtigt mich noch da zu sein, wenn sie gerade ihren Vater verloren hat? Alles Fragen die ich nicht beantworten kann. Und so starre ich an die Decke, mein Kopf ist leer und doch voller Gedanken, mein Herz schlägt wie verrückt und scheint doch zu zerreißen, ich zittere am ganzen Körper und kann mich doch nicht bewegen. Ich will schlafen. Ich will aufwachen. Ich will nie mehr aufwachen. Ich will, dass dieser Albtraum vorbei geht. Aber vor allem will ich, dass sie glücklich ist.

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    Das beste was du machen kannst ist sie einfach im Arm zu halten wenn sie weint, trauert, es ihr schlecht geht.. Sei weis das zu schätzen, dass du für sie da bist und sie dir ihr Herz ausschütten kann. Und wenn sie so weit ist darüber hinwegzukommen wirst du der erste sein, dem sie das zu verdanken hat - weil du immer für sie da warst.

    02.08.2007, 13:07 von Vicarious
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    Als vor fast drei Jahren mein Vater gestorben ist, war ich am meisten dankbar, wenn jemand mich einfach in den Arm genommen hat. Es gibt so viele Worte auf dieser Welt, aber keines davon hilft in einer solchen Situation mehr als eine herzliche Umarmung.
    Wirf Dir selbst nicht vor, dass Du nicht die passenden Worte findest, denn die gibt es nicht. Vielleich gibt es tröstende Worte, aber nichts ist besser als die Umarmung. Die Worte kommen dann irgendwann von selbst.
    Erst heute hatte ich ein Gespräch, in dem es um meinen Vater ging, und ich finde es viel tröstlicher, dass ich jetzt danach gefragt werde, denn das gibt mir zu verstehen, dass die Leute, meine Freunde, daran denken. Für mich war und ist es einfach ein Trost zu wissen, dass ich nicht alleine bin, und das wird einfach am besten mit einer Umarmung, oder vielleicht mal einer Tasse Tee oder einer Geste ausgedrückt.

    28.07.2007, 20:35 von Joey_Potter
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    auch ich war/ bin in solch einer situation.
    immer wenn wir darüber reden könnt ich genauso weinen wie sie, fühle mich aber nicht berechtigt dazu..
    Ich glaube man kann nicht helfen. Ausser eben die Schulter anbieten, da sein und zuhören.

    20.07.2007, 15:11 von Ceguna
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    ich finde es bewundernswert dass du dir solche gedanken machst; dir scheint sehr viel an deiner freundin zu liegen.
    Ich glaube deine freundin ist einfach nur froh dass es dich gibt und du du für sie da bist.
    Sie erwartet nichts von dir, weil sie weiss dass du nichts machen kannst als für sie da zu sein.
    Ich kenne diese Situation und ich habe damals auch nichts von meinem freund erwartet; ich war nur happy dass ich ihn bei mir wusste...

    19.07.2007, 19:21 von Beegee
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    Bis auf den überflüssigen letzen teil, dramatische geschichte mit ohne happy end. Mich würde ehrlich gesagt mal schon interessieren, was einen scheinbar gesunden menschen im mittleren alter plötzlich dahin gerafft hat.

    18.07.2007, 21:47 von Mewkew
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      @[Benutzer gelöscht] herzinfarkt, hirnschlag oder lungenembolie. man weiß es nicht genau.

      19.07.2007, 13:08 von alternative_barbie
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    ...puh....das hat mich gerade ganz schön umgehauen...ich glaube, ich kann jetzt das erste mal verstehen, was mein freund fühlt, wenn ich daheim sitze und heule wegen meines vaters....mein vater ist vor 3,5 jahren gestorben und immernoch habe ich es nicht verkraftet...oft wünsche ich mir das mein freund irgendwas tut, aber nicht in solchen momenten....da brauche ich ihn einfach nur...er muss einfach nur da sein und zuhören....ich hoffe, ihre beide seid wieder glücklich geworden.....ich wünsche euch alles glück der welt.....

    18.07.2007, 20:19 von esprit
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    Ich habe mal gelesen, dass Männer und Frauen ganz unterschiedliche Gründe haben, über Probleme zu reden:
    Männer wollen dann eine Lösung und
    Frauen wollen wirklich nur darüber reden!

    Sei also einfach für Sie da, damit wird Ihr schon sehr geholfen sein!

    Alles Gute für Euch.
    Lieben Gruß Suuki

    18.07.2007, 16:14 von Suuki
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    Vor genau drei Jahren befand ich mich in ihrer Situation. Und es hat so gut getan Menschen um mich zu haben, die mir zugehört haben, die einfach nur da waren, die auch mit mir über andere Sachen gesprochen haben, die mich in den Arm nahmen, bei denen ich weinen konnte. Du bist natürlich gut für sie, sei einfach für sie da, das ist schon goldwert.

    Ich wünsche dir und ihr viel Kraft.
    Liebe Grüße

    18.07.2007, 15:57 von idilin
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    Hilf ihr, es zu verarbeiten und es werden auch wieder glückliche Momente kommen !
    Auch wenn es manchmal länger dauert und immer wieder schwer sein kann ! Lass sie einfach nicht allein !

    So hab ich es gemacht und wir haben unser Leben wieder gut auf die Reihe bekommen !
    Viel Kraft wünsch ich !

    18.07.2007, 15:27 von b.nigna
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