Naleli 30.11.-0001, 00:00 Uhr 9 6

Das verdammte Hier und Jetzt.

Wieder schaffe ich es nicht im Jetzt zu sein, schwelge im Gestern und weine einem Morgen hinterher, das es hätte geben können, aber eben nicht gibt.

Ich liege neben dir. Eng an dich gekuschelt, mein Kopf auf deinem Arm, mein Oberkörper an deinen gepresst, unsere Beine sind ineinander verschlungen. Unsere Haut ist noch von einem sanften Schweißfilm überzogen, unsere Haare fettig und zerzaust, meine Lippen spröde und unser beider Atem beruhigt sich gerade wieder. Auch dein Herzschlag wird wieder regelmäßiger. Deine Brust hebt und senkt sich sachte. Du bist entspannt. Du hast genossen und bist zufrieden, glücklich. Ich auch. Aber mein Herzschlag wird nich langsamer. Er bleibt unverhältnismäßig schnell. Nicht nur wegen dem Marathon den wir gerade gemeinsam hinter uns gebracht haben und dabei sogar gemeinsam über die Ziellinie gekommen sind. Nein.

Mein Herzschlag wird beschleunigt durch die Gedanken, die unwillkürlich danach anfangen durch meinen Kopf zu schießen. Die sich einfach schon wieder verselbstständigen und anfangen zu rattern, wie ein nervtötender Zug über morsche Schienen. Gedanken, die meinen Kopf fast zum Bersten bringen und mich zum verzweifeln.

Wir hatten das doch geklärt! Wir leben im Hier und Jetzt, genießen den Moment, es gibt kein morgen, es gibt keine Zukunft. Wir hatten das doch geklärt! Wir verbringen eine schöne Zeit miteinander. Nicht mehr und nicht weniger. Und doch liege ich hier und kann meinen Kopf nicht abschalten. Kann dieses körperzehrende Gefühl des dich Lieben-Wollens, diese Ich-Will-dich-mit-Haut-und-Haaren-auffressen, dieses Ich-will-es-in-die-Welt-hinausschreien nicht abstellen. Die quälenden Fragen, warum es kein Morgen geben darf, warum es für uns nur den Moment und keine Fortsetzung gibt. Warum ich nur eine Momentaufnahme udn keine Daily Show seien kann. Warum ich mich vollkommen fühle und du mehr zur Vollkommenheit brauchst.

Und während ich an all das denke, mich all das frage und nicht traue meinen Mund aufzumachen, nein, ihn fast angespannt zusammenkneifen muss, damit mir die Worte nicht entwischen, sie zwanghaft runterschlucke und versuche sie abzuschütteln wie ein Hund die lästigen Fliegen. Ja während dieses inneren Kampfes höre ich deinen ruhigen Atem und sehe deinen entspannten Gesichtsaudruck, deine geschlossenen Augen und ich brauche es mich nicht zu fragen - nein - ich weiß es schon, dass hinter diesen Augen nicht der selbe Kampf vor sich geht. Denn du hast die Theorie in die Praxis umgesetzt. Du hast den Schalter gefunden und die Zeit angehalten. Du lebst im Moment.

Das macht mir Angst. Ich habe Angst. Angst dass du merkst, dass mit meinem Herzen was nicht stimmt, dass es doch so unglaublich schnell gegen deine Brust hämmert, als wolle es herausspringen, dich aus deiner Entspannung klopfen und dir etwas mitteilen. Eine Botschaft von Brust zu Brust. Von Herz zu Herz.
Soll ich mich wegdrehen, das Risiko vermeiden, dass du mein pochendes, schreiendes, mich verratendes Organ erspürst?

Doch du streichelst mich in vollkommener, so friedlich-schöner Seelenruhe weiter, du bist überall, du umschlingst mich mit allem was du hast, deine Finger fahren ohne Pause über meinen Körper. Du hast nichts davon gemerkt, was in meinem Kopf und meiner Brust vor sich geht. Und so bleibe ich liegen. Denn du bist hier. Du bist jetzt hier. Morgen wirst du es nicht mehr sein, deswegen genieße ich, so lange ich es noch kann.

Das alles war gestern und jetzt ist morgen. Ein einsames morgen. Wieder schaffe ich es nicht im Jetzt zu sein, schwelge im Gestern und weine einem Morgen hinterher, das es hätte geben können, aber eben nicht gibt. Aus der Traum.

Dabei hatten wir es doch verdammt nochmal geklärt.

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9 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Wir... Nur im hier und jetzt
    Ohne Zukunft
    Ohne Vergangenheit
    Nur hier und jetzt

    15.06.2014, 14:55 von Christine86
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  • 2

    Wenn meine Gedanken Worte wären, dann wären es diese. Danke 

    28.03.2014, 22:19 von Trullatrampel
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  • 0

    Hmm,
    alles kann, nichts muss. Mir erscheinen die beschriebenen Gefühle hier
    nicht nur als völlig normal, sondern auch sympathisch.
    Extreme sind doof, das gilt sowohl für das lebenslange Versprechen der Ehe als auch das vorherige Beschränken auf einen OneNightStand.
    Denn bekanntermaßen vertragen sich Gefühle und Logik nie besonders gut.
    Und jede Doktrin ('es hat ewig zu halten' oder auch 'es gibt keine
    gemeinsame Zukunft') ist lebensfremd und -feindlich.

    28.03.2014, 20:55 von Cyro
    • 0

      probieren kann mans ja. ich finde solche herausforderungen gar nicht mal so schlecht. als von vorneherein skeptisch und zweifelnd zu sein "naja,  mal schaun, ob das was wird"

      28.03.2014, 21:57 von yuhi
    • 0

      text hab ich jetzt  nicht gelesen...

      28.03.2014, 21:58 von yuhi
    • 0

      Ja, man kann sich gemeinsam Ziele setzen und daran arbeiten. Wenn man denn möchte. Keine Frage, Gemeinsamkeiten verbinden :)
      Doch der Text handelt davon, dass sie sich mehr erhofft und er von vornherein nichts weiter als Sex oder zumindest keinerlei Verbindlichkeiten oder etwas langfristiges will. Nun gut, sie lässt sich drauf ein, aber verliebt sich, mit allen Gefühlen die so dazugehören.
      Was nun ? Zu sagen: "Pech gehabt" finde ich falsch. Gefühle lassen sich nicht so einfach planen, ich bin der Meinung dass man ihnen Raum geben muss. Und dass der Verstand nicht immer siegen muss. Sex als Selbstzweck ist doch hohl, eine Beziehung bietet da schon mehr Substanz
      Natürlich habe ich keine Ahnung mit was für einen Typen sie sich da einlässt und mag nicht spekulieren warum er von vornherein keine Beziehung will, sicher gibt es einige Gründe wo ich sagen würde "Finger weg von dem", doch mein Kommentar wendet sich hauptsächlich gegen das Ausschließen der Liebe und den Sex als Selbstzweck. Und gegen extreme Ansichten. Das Gegenteil der Verantwortungslosigkeit ist für mich das Beziehungsmodell, wo es heisst, dass man unter allen Umständen zusammen bleiben muss, egal ob es funktioniert oder nicht, selbst wenn man sich hasst und gegenseitig zerfleischt. Mit "alles kann, nichts muss" plädiere ich für Freiheiten und gegen Engstirnigkeit. Bitte nicht als Plädoyer für Verantwortungslosigkeit interpretieren :-)

      29.03.2014, 09:25 von Cyro
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Gänsehaut und Tränen in den Augen - sehr emotional und auch mir geht es so, dass du schreibst, was mir auch zur Zeit durch den Kopf geht. Ich freu mich mehr von dir zu lesen!

    27.03.2014, 19:43 von Ann-Li
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  • 2

    Ich hab Herzrasen. Weil dieser Text so 100% das trifft, was zurzeit in meinem Kopf vor sich geht, dass es mir Angst macht. Säße ich nicht im Büro, würde ich vermutlich in Tränen ausbrechen ... du hast die Worte gefunden, die ich bisher nur fühlen konnte. Danke.

    27.03.2014, 16:12 von spookykcs
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