Das Schöne an der Fingerübung
Kannst Du bitte kurz stehen bleiben, damit ich Dich einhole?
Mit Sätzen ist es wie mit Versuchen: Der erste ist der Schwerste.
Weißt du, ich bin das Kind einer Fingerübung. Geboren bin ich nicht aus Planung, ich stand nicht auf der Agenda. Ich bin das Ergebnis eines lauen Abends, das Ergebnis zweier Menschen auf der Suche nach Routine. Ein geplatztes Kondom oder zu viel Sekt – das ist nicht überliefert. Es gab schon vor mir Kinder. Am Ball bleiben, weiter machen. Und dann ich.
Das ist nicht schlimm, Fingerübungen sind die kleinen Genossen des Willens. Man übt etwas, das man liebt, ohne große Ergebnisse zu erwarten. Und schau mich an: ich bin nicht mal 1,80. Mir kommt mein ganzes Leben vor wie die Aneinanderreihung von Fingerübungen. Gerade eben durch die Schule, gerade eben das ein oder andere Spiel gewonnen, die ein oder andere Freundschaft, das ein oder andere Gericht. Dinge, die reichen, ohne damit zu viel zu erreichen. Ohne große Meisterschaft aber mit gewissem Ehrgeiz, ein Leben für die Schublade, das der großen Würfe harrt.
Das Leben ist mein Zweck. Für sich. Und dann erinnere ich mich: Erwachsen werden. Den Mann stehen. Schublade leeren. Das heißt, sich den Aufgaben stellen, den Träumen, den Wünschen, den Chancen. Den Eiern beibringen, nicht immer an die Knie zu rutschen. Ersatzbatterien für den Wecker, Ersatzpläne für gescheiterte Bewerbungen, Ersatzbusse für verspätete Ankunft. Ein Bild bis zum bitteren Ende malen und sagen „Das ist es, was ich will. Besser krieg ich es nicht hin. Nicht schlimm.“ Hat ja alles geklappt.
Langsamer sprechen, größere Schritte voreinander setzen, auf den Weg achten, nicht alles gleichzeitig machen, den Flur putzen, wenn der Flur geputzt werden muss, das wählen, was man wirklich glaubt. Glauben. Hat ja alles geklappt.
Nach und nach räume ich meine Schublade leer. Greife Ziele heraus und verfolge sie. Natürlich hab ich noch nicht alles fertig gebracht. Zum Beispiel die nachhaltige Planung. Aber darum geht es hier nicht. Es geht viel mehr um Folgendes:
In meiner Schublade liegst du jetzt schon fünf Jahre. Unser erster Blickaustausch untermalt mit schlechtem deutschen HipHop, damals in der Kellerdisco. Unser erster Kuss, der nie stattgefunden hat, weil ich Ausreden fand und mein Rückgrat durchbog. Meine Bereitschaft, für dich Bäume auszureißen und damit ein großes Irgendwas aus Holz zu bauen. Meine Lust, die Worte Worte sein zu lassen und mit dem noch schwierigeren Teil zu beginnen: Die Tat. Zwei, die umeinander herumstreunen. Ausgesprochen gut. Ausgesprochen unausgesprochen.
Ich räume meine Schublade auf, und sehe immer wieder Dich. Und ich glaube, dass es langsam Zeit wird. Wird das alles super? Keine Ahnung. Wird das in fünf Jahren noch halten? Keine Ahnung. Es ist ja eine Fingerübung, aus der wir etwas machen müssen. Ein Denkmal, ein Tag Team, einen Park voller sprechender Tiere, mit denen wir „Der Preis ist heiß“ nachspielen. Ein Haus gebaut aus fünfhundertausend Büchern (und einer guten Brandschutzpolice), auf das alle zeigen und sagen "Da wohnen die beiden. Sind ein bisschen komisch. Ist aber nicht schlimm." Die Sache ist: ohne Dich klappt das nicht. Und eines hab ich inzwischen gelernt: Nach Hilfe fragen.
Doof, das jetzt so zu sagen, aber ich bin es nicht gewohnt, nachzurennen, Menschen zu verfolgen. Darum bitte ich Dich nur: Kannst Du bitte kurz stehen bleiben, damit ich Dich einhole? Gehen können wir dann gemeinsam.
Wohin? Na, das ist ja das Schöne an der Fingerübung...







Kommentare
Alter Schlappen! Mordstext!
11.01.2013, 19:07 von MissesBiscuitIch bin jedesmal begeistert!!
22.12.2012, 17:52 von muffinundtequilaIch räume meine Schublade auf, und sehe immer wieder Dich. Und ich glaube,
26.11.2012, 20:52 von Surecampdass es langsam Zeit wird. Wird das alles super? Keine Ahnung. Wird das in fünf Jahren
noch halten? Keine Ahnung.
cool
Also bei erstem Blickaustausch und schlechtem deutschen Hip Hop kam mir ja direkt A N N A von Herre in den Sinn ..
21.11.2012, 23:07 von SommerscheinDa bist du aber auf'm falschen Dampfboot, der Gambit hört nur Oli P. und Andreas Elsholz. ^^
21.11.2012, 23:19 von derHalbstarkeAndreas Elzholz <3
21.11.2012, 23:19 von MisterGambitIch fahr nur Schlepper..
21.11.2012, 23:21 von SommerscheinVerdammter Klugscheißer! ^^
21.11.2012, 23:25 von derHalbstarkeNie.
21.11.2012, 23:33 von SommerscheinBist garnich gemeint, tsss.
21.11.2012, 23:35 von derHalbstarkePf. Ich fühl ich angesprochen wie ich möcht und dreh´s mir hin wie´s passt - A NN A, von hinten wie von vorn.
21.11.2012, 23:37 von Sommerschein...ochgottchen. Schüppchen dazu?
21.11.2012, 23:43 von derHalbstarkeNe Süppchen wenn dann, oder doch lieber Glüh.
21.11.2012, 23:47 von SommerscheinAch, ich hab' dich lieb.
21.11.2012, 20:17 von somehowamusingUnd: gay.
Ich hab dich gaynau so lieb :)
21.11.2012, 20:39 von MisterGambitgaynug gekuschelt
26.11.2012, 21:17 von EliasRafaelGutes Lied zu gutem Text. Passt.
21.11.2012, 16:53 von petuniaaaÜbung macht den Meister. Auch Fingerübung, oder Beziehungsübung, oder Erwachsenwerdenübung. Den schwebenden Daumen krieg ich jedenfalls prima hin heute. Der Rest kann warten. Na Mr Gambit, falls du auf der Überholspur bist, können wir ja Stein, Papier, Schere spielen...
21.11.2012, 15:28 von LeyluraLegbreakerliest sich sehr schön :)
21.11.2012, 02:14 von Herztraene...irgendwie hat das was von nem französischen Kurfilm, schwarz-weiß - so ne Leichtigkeit, ein bisschen von der Wehmut des Lebens durchzogen - vor und zurück - und auch sich selbst immer noch suchend - und dann wieder so ein "iss mir doch egal", aber lieb mich trotzdem. Ja, irgendwie so, Kurzfilm, französisch.
20.11.2012, 22:22 von derHalbstarkeChapeau, oder so. ^^
Merkwürdig. Ich habe mir mal nach dem Lesen deines Textes die Kommentare angeschaut und muss widersprechen, denn ich finde die Fingerübung durchaus passend. Ich verstehe für mich unter einer Fingerübung eine Geschichte oder kleinen Text, den ich nach einer kleinen Vorgabe schreibe, aber ich weiß nicht, wohin er führt, weil die Hauptsache ist: Schreiben.
Ich mag deinen Text jedenfalls, er ist gleichzeititg persönlich, aber so geschrieben, dass man sich auch selbst darin wiederfinden kann. Und ich liebe Metaphern, deswegen konnte ich mich sehr gut mit der "Schublade" und der "Fingerübung" anfreunden. Schöne Bilder, die du da geschaffen hast.
20.11.2012, 20:33 von Nannika