Borussia 07.03.2007, 15:18 Uhr 77 16

Das schleichende Gift des Misstrauens

Wann wird Vertrauen zu Dummheit, wann wird Hinterfragen zu Kontrollwahn und Einengen?

Freitag, kurz nach 18 Uhr. Mein Freund ruft mich an, ist irgendwie total überdreht und verkündet mir, dass er um 20 Uhr schlafen gehen wolle. Er hatte eine anstrengende Woche hinter sich, vier Konzerte in fünf Tagen, donnerstags Seminar außerhalb, was bedeutete: um sechs Uhr aufstehen, um 20 Uhr nach Hause kommen. Er sei müde. Ich bin gerade mit irgendetwas beschäftigt und frage ihn, ob ich nicht später nochmal anrufen könne, vielleicht sei er ja doch noch wach, aber das bügelt er auf seine charmante, lustige Art total ab. Neinneinnein, er würde schlafen.

Ich bin zuerst zu perplex, um gleich zu reagieren, aber nach ungefähr einer Stunde fängt mein Gehirn an zu arbeiten. Er war so merkwürdig überdreht. Er ist noch nie nach Vorankündigung zu einer bestimmten Uhrzeit ins Bett gegangen. OK, er hatte eine anstrengende Woche, aber andererseits hatte er bereits die Nacht zuvor zehn Stunden geschlafen, und er musste am nächsten Morgen nicht raus wegen Wochenende. Aber ich packe diese Überlegungen erst mal zur Seite.

Samstag. Ich rufe gegen Mittag bei ihm an (wir führen eine Fernbeziehung und telefonieren ziemlich viel miteinander, wenn wir uns nicht sehen). Beim achten Klingeln lege ich auf. sonst springt beim fünften Klingeln immer sein Anrufbeantworter an, außer wenn er telefoniert, dann hört er aber im Hintergrund, dass jemand anklopft, und ich will ich nicht nerven. Als ich nach ein paar Minuten erneut anrufe, ist der AB dran. Gegen 14 Uhr wundere ich mich, dass er sich noch nicht gemeldet hat, normalerweise hätte er schon längst angerufen, das tut er sonst immer gleich nach dem Aufwachen, vor allem anderen, und protestiert wild, wenn ich das Gespräch beenden will, weil ich einkaufen muss oder ähnliches. Ich rufe nochmal an, aber er geht wieder nicht ran oder ist nicht da. Schließlich ruft er gegen Viertel nach drei an, kurz vor der Bundesliga-Übertragung. Er sagt: ja, er habe das Telefon gehört, vermutlich hätte ich, als ich beim letzten Mal bei ihm war, etwas verstellt, so dass der AB nicht angesprungen war, er hätte ihn dann angestellt, weil er noch geschlafen hätte. Dann beenden wir das Gespräch, er muss Bundesliga gucken.

Jetzt kommt mein Gehirn richtig auf Trab. Als weitere Kuriosität zum vorherigen Abend fällt mir noch ein, dass das Spiel Stuttgart - Hertha BSC Berlin übertragen wurde, das hätte er sich normalerweise auf jeden Fall angeschaut. Er hat bis nachmittags geschlafen, nachdem er schon um 20 Uhr ins Bett ist? Mir kommt das Ganze mehr und mehr spanisch vor.

Montag. Ich versuche, meine Zweifel an seinen Ausführungen zu verdrängen. Aber nachts liege ich im Bett und kann nicht schlafen, habe Magenschmerzen und Herzrasen. Dienstag. Ich versuche mich immer noch im Verdrängen. Mit wenig Erfolg. Mittwoch. Nachdem ich kaum noch arbeitsfähig bin, weil ich mich nicht konzentrieren kann, rufe ich ihn nachmittags an und frage ihn, ob er am Freitag wirklich um acht schlafen gegangen sei oder ob da was war. Einen Moment Stille. Dann meint er: Das ist jetzt nicht dein Ernst! Ich fühle mich mies und entschuldige mich dafür, dass ich überhaupt denken konnte, dass er mir die Unwahrheit erzählt. Er bekräftigt, er sei um 20 Uhr schlafen gegangen. Fürs erste bin ich froh und beruhigt.

Aber nachts kommt das ungute Gefühl wieder. Und es geht nicht mehr weg. Ich halte es kaum aus bis Freitag, bis ich nach Hamburg fahre und ihm in die Augen schauen kann. Ich bin mittlerweile fest davon überzeugt, dass er Besuch hatte. Besuch, von dem ich nichts wissen sollte.

Ich komme in Hamburg an. Er merkt natürlich, dass ich komisch bin. Fragt, was los sei. Ich sage: Das ist eigentlich eher mein Text. Er: Wieso? Ich frage ihn wieder wegen Freitag. Er reagiert stocksauer, redet die ganze Fahrt über nicht mehr mit mir.

Wir kommen bei ihm zu Hause an. Das erste, was mir ins Auge fällt, ist eine leere Rotweinflasche. Er trinkt nie Rotwein. Jetzt bin ich mir sicher: Er hatte Besuch, und der Besuch war eine Frau. Sonst hätte er Bier gekauft. Und vor allem: Er hätte mir keine Story erzählt von wegen um 20 Uhr schlafen gehen. Ich stelle ihn zu Rede und lasse ihn nicht mehr vom Haken. Er rückt endlich raus mit der Sprache. Ja, er hatte Besuch am Freitag. Wer, das sagt er nicht. Statt dessen folgt eine lange Litanei über persönliche Freiheit, über nicht über jede Minute Rechenschaft ablegen wollen, sich nicht einengen lassen wollen, usw.

Wir verbringen den Abend halbwegs zivilisiert miteinander, gehen schlafen, aber ein wirkliches Zusammensein will sich nicht einstellen. Ich schlafe kaum. Am nächsten Morgen bin ich das reinste Nervenbündel.Wir versuchen, die Sache einigermaßen klar zu kriegen. Ich bemühe mich, ihm klar zu machen, dass er mir keinesfalls über jede Minute Rechenschaft schuldig sei, dass es auch völlig ok sei, wenn er mal einen Abend keine Lust hätte, ans Telefon zu gehen, oder wenn er Besuch kriegt, oder was auch immer. Nicht OK sei jedoch, mir blöde Lügengeschichten aufzutischen und dann auch noch den Empörten zu geben und mich als bekloppt hinzustellen, wenn ich ihn direkt danach frage. Vor allem nicht vor dem Hintergrund, dass er mich vor gerade einmal vier Monaten betrogen hatte.

Er verteidigt sich, kommt mir damit, dass das doch nur eine harmlose kleine Flunkerei gewesen sei. Aber damit herausrücken, was an jenem Abend nun gewesen sei, das tut er nicht. Ich bohre auch nicht nach. Denn ich erwarte ehrlich gesagt nicht, die Wahrheit serviert zu bekommen. Ich versuche nur, ihm klar zu machen, dass ich mit Lügen nicht besonders gut umgehen kann, und dass es der neuerlichen Vertrauensbildung nicht besonders dienlich ist, wenn er sich so verhält, nachdem er erst vor kurzem mein Vertrauen gründlich zerstört hatte.

Seit dem Wochenende befinde ich mich in einem Zustand hochgradiger Verwirrung. Ich weiß nicht mehr, was ich fühlen oder denken soll, wem oder was ich glauben soll. Ich vertraue mir selbst nicht mehr, meiner Menschenkenntnis nicht mehr, meinem Bauchgefühl nicht mehr, und ihm schon mal gar nicht. Meine Fähigkeit, Dinge einschätzen zu können, ist mir abhanden gekommen. Ich möchte so gerne glauben, dass alles ganz harmlos war, irgendeine Freundin, mit der er einen netten Abend hatte, geplauscht, gelacht, Musik gehört. Die Wahrheit werde ich wohl nie erfahren. Also kann ich mich nur an meine Vermutungen halten, nämlich, dass es keine Freundin war, sondern irgendeine Frau, von der ich auf keinen Fall wissen sollte, die bei ihm geschlafen hat, und die vermutlich am Samstag, als ich anrief, immer noch bei ihm war. Schlimm, wenn ich ihm unrecht tue. Aber leider hatte ich mit meinen Vermutungen bisher immer recht. Als er mich das erste Mal betrogen hat. Als er mich das zweite Mal betrogen hat. Und jetzt, was seine Geschichte mit dem früh schlafen gehen angeht. Jedes Mal hat er empört und beleidigt reagiert wegen meiner Verdächtigungen, wegen meines mangelnden Vertrauens. Ich habe mich wochenlang mit Selbstvorwürfen gegeißelt, dass ich ihm überhaupt so etwas zugetraut habe. Und jedes Mal stellte sich im Nachhinein heraus: Ich lag richtig.

Also muss ich mir jetzt darüber klar werden, ob ich die Beziehung weiter führen will unter der Annahme, dass ich mit meiner Vermutung richtig liege. Ein kleiner Teil von mir ist immer noch bereit einzuräumen, dass ich mich täuschen könnte. Ein anderer Teil in mir fragt sich, ob ich ihn wirklich zu sehr einenge, ob ich überhaupt das Recht habe zu erfahren, was an dem Freitag Abend los war. Immerhin ist er ein freier Mensch. Andererseits: wir führen ein Beziehung. Kann ich da nicht verlangen, dass er mir gegenüber ehrlich ist, vor allem bei solchen Dingen und vor dem Hintergrund dessen, was in der Vergangenheit passiert ist?

Auch wenn ich mich dazu entschließe, diese Beziehung weiter zu führen, ist noch lange nicht heraus, dass ich das auch kann. Es gibt Fragen, die einen umso größeren Schaden anrichten, je länger sie unbeantwortet bleiben. Die Frage nach dem Freitagabend ist so eine.

Blöd vorkommen tue ich mir so oder so. Entweder bin ich blöd, weil ich mich gnadenlos verladen lasse, oder ich bin blöd, weil ich mich völlig unentspannt verhalte und aus einer möglichen Mücke einen Elefanten mache. Mit Freunden zu reden traue ich mich schon gar nicht mehr. Ich ahne, was sie mir sagen werden, nämlich: Schick ihn in die Wüste.

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77 Antworten

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    oh, wie ich das kenne...
    in deinem fall wuerde ich ich ihn ehrlich gesagt verlassen.

    19.12.2007, 08:07 von cavegirl
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    Eine Freundin von mir hat einen Freund, der sie ehrlich und von Herzen liebt. Er ist Musiker und in jeder Hinsicht so, wie man sich einen Musiker vorstellt: Charmant, witzig, charismatisch, ab und zu depressiv ... und unzuverlässig und untreu. Sie weiß das, und die weiß auch, dass er sie liebt und nicht weniger abhängig ist von ihr als sie von ihm. Deshalb akzeptiert sie sein Fremdgehen und vertraut auf die Ehrlichkeit seiner Liebe und seiner Empfindungen, nicht auf die Ehrlichkeit seiner Worte.
    Ich finde das sehr stark und bezweifle, dass ich das könnte. Aber hast Du das Gefühl, dass Dein Freund Dich ehrlich liebt? Ist es deswegen so, dass Du weiterhin mit ihm zusammen bleibst? Wenn ja, dann finde ich das in Ordnung. Wenn nein und wenn Du das Gefühl hast, Du bist sozusagen nur aus Schwäche mit ihm zusammen und verlierst Deine Würde dabei, dann würde ich allerdings auch absolut dafür plädieren, Dich von ihm zu trennen.
    Aber Du weißt selbst am besten, was gut für Dich ist. Ich drücke Dir auf jeden Fall die Daumen und wünsche Dir viel Kraft!

    26.09.2007, 13:02 von Gilda
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    Die Wahrheit (es war ne alte Freundin, wir haben gequatscht und nen Film geglotzt) sagt man immer sofort....die Unwahrheit nicht.....sieh es ein und so doof es klingt "Schick ihn in die Wüste"!
    Wer bist du dass du dich zwei Mal und wahrscheinlich ein drittes Mal betrügen lässt?
    Lass das nciht mit Dir machen!!!!

    17.06.2007, 16:30 von Shilaletta
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    Wuerde gern wissen, ob du noch mit ihm zusammen bist - was er bei eurem Gespraech gesagt hat und vor allem wie es dir jetzt geht! Sei stark, er hat dich nicht verdient. Wahrscheinlich genauso wenig, wie mein Freund mich verdient hat. Wissen nicht mal was sie falsch gemacht haben und drehen alles um, sodass wir denken wir waeren die irren, die sich alles nur ausdenken wuerden. Es tut so weh belogen zu werden!

    28.04.2007, 13:49 von ungenannt
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    Schick in in die Wüste.

    Wer einmal fremdgeht, dann noch ein zweites mal, der hat auch keine Hemmungen, dies ein drittes mal zu wiederholen, wenn Frauchen ihm sowieso bisher immer verziehen hat.

    Zumal: ohne Vertrauen, keine Beziehung. Und der Witz ist wirklich: nachdem er sich so einen derben Vertrauensbruch gleich 2x geleistet hat, besitzt er noch die Dreistigkeit, zu lügen?!

    Vergiss das. Schnell.

    27.04.2007, 11:05 von Tsugumiii
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    hjkhkj

    15.04.2007, 23:28 von snia
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    krass, genau das, was du da beschreibst erlebe ich gerade. kann jeden satz, jeden gedanken, einfach alles genau nachempfinden. das ist als hätte ich das geschrieben. muss den text jetzt noch mal lesen... und dann die antworten.
    *gaaaaaaaaaaaanzliiiiieeeebegrüüüüüüüüüüüüüße

    15.04.2007, 23:08 von snia
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    krass, genau das, was du da beschreibst erlebe ich gerade. kann jeden satz, jeden gedanken, einfach alles genau nachempfinden. das ist als hätte ich das geschrieben. muss den text jetzt noch mal lesen... und dann die antworten...

    15.04.2007, 23:06 von snia
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