Das Phantom schmerzt
Sie sagte, sie hätte Angst. Ich fragte nicht wovor, denn meine Angst ist mindestens genauso groß.
Ich bleibe ein wenig zu lange vor dem Foto ihrer Mutter stehen. Eine wunderschöne Frau. Sie kommt nach ihr. Hinter mir höre ich sie leise sagen: „Der Teufel steckt im Detail.“ Als ich mich umdrehe, lächelt sie mich an und hält zwei Gläser in der Hand. Weißwein. Meine Augen wandern weiter durch ihr Zimmer, über die Wände und landen doch immer wieder bei ihr, die nun verlegen auf ihrem Bett sitzt, ihr Weinglas in den Händen dreht und jeden meiner Schritte bewacht. Ich komme mir vor wie in einem Museum, denn ihr Blick sagt: Bitte nicht berühren und Vor der Markierung stehen bleiben. Ich schaue sie etwas länger an, langsam lächelt sie wieder und fragt: „Was denn?“ Sie weiß, dass sie darauf keine Antwort bekommt, weil sie weiß, was ist.
Zwei Monate treffen wir uns nun, verbringen die meisten Nächte miteinander, aber hier bei ihr bin ich heute zum ersten Mal. Über dem Bett und auf der Fensterbank hängen und stehen alte Fotografien ihrer Eltern, Geschwister und Großeltern. Sie sagt, dass sie die Bilder an Zeiten erinnern, an denen sie noch nicht verstand, was ihr heute schlaflose Nächte bereitet. Ihre Kleidung hängt und liegt ordentlich in ihrem Schrank und überhaupt herrscht hier eine solche Ordnung, wie ich es selten gesehen habe. Ich denke an das Chaos, das sie bei mir immer hinterlässt, allerdings hatte sie mich vorgewarnt: Um das Chaos im Kopf zu beherrschen, brauche ich es ordentlich um mich herum. Jetzt weiß ich endlich, welches Herum sie damit meinte.
Sie hatte mir auch von den Spuren der Anderen erzählt, die hier hinterlassen wurden. An schlechten Tagen wäre es fast so, als würden sie alle mit ihr im Zimmer sein, nicht gleichzeitig sondern so, wie die Erinnerungen in ihrem Kopf über sie herfallen. Plötzlich könnte sie wieder Philipp lesend in ihrem Bett liegen sehen oder Felix auf ihrer Couch von seiner Vergangenheit und einer gemeinsamen Zukunft erzählend oder Patrick, der ihr so gerne zuhörte und doch eigentlich alles besser machen wollte. Mit den Bildern kämen auch die Versprechen wieder hoch, die sie ihr gemacht hatten. Wie Geister würden sie hier rumspuken, wenn ihr Kopf zu voll und ihr Herz zu schwer ist.
Ich setze mich zu ihr, stoße an und sage kein Wort und wieder fragt sie, was denn sei, weil sie meinem verliebten Blick nicht aushält. Zu oft hatte sie in solch einem Blick viel mehr gesehen und möchte nun nicht mehr an dieses Mehr glauben. Und wenn ich sie so anschaue, möchte ich ihr versprechen, dass ich alles besser machen werde. Dass ich bleibe. Dass es eine gemeinsame Zukunft gibt. Aber aus Angst meine Versprechen so wie die Anderen nicht halten zu können, schaue ich sie einfach nur an.
Später am Abend schläft sie in meinen Armen ein. Sie sagte, sie hätte Angst. Ich fragte nicht wovor, denn meine Angst ist mindestens genauso groß. Mit ihr hat eine neue Geschichte begonnen, die mich die alten Schmerzen vergessen lässt. Und trotzdem genieße ich unser Glück ganz vorsichtig. Dass ich heute hier sein und meine Spuren hinterlassen darf, ist für sie ein Schritt in Richtung Wir.
Als sie tief seufzt und schläft, traue ich mich schließlich und sage leise, aber deutlich: Ich liebe dich.







Kommentare
Gänsehaut und Tränen in den Augen...
11.02.2013, 00:32 von jeritianaAch, deswegen der letzte Text... Allem Anfang wohnt ein Zauber inne. :-)
25.09.2012, 09:35 von Pippi NetzstrumpfJa.
25.09.2012, 11:01 von Richard_at_NeonHast du echt super geschrieben! Ich kenn ihre Gefühle, da ich im Moment die gleiche Angst habe. Ich mag es sehr, wie du das geschrieben hast.
25.09.2012, 08:27 von FrauuziMag ich sehr. Nur der letzte Satz ... Hm, weiß nicht, aber der ist ein bisschen doll?!
24.09.2012, 22:27 von Klitzekleinsteich finde gerade den letzten satz schoen. :)
24.09.2012, 23:44 von snatySo wunderschön.
24.09.2012, 21:36 von Fritzlolawirklich wunderbar und berührend :) und so wahr!
24.09.2012, 20:20 von MauerbluetchenDieser verdammte Strudel in den man immer wieder gezogen wird. Jedesmal nehme ich mir vor, einfach den Text zu lesen auf Details zu achten, den Worten zu lauschen und die Sprache genau zu verstehen. Denn irgendwas hat es jedesmal, wenn man einen deiner Texte liest und genau diese Magie wollte ich suchen. Wiedereinmal. Und dann landet man in diesem Strudel man liest und liest und sieht den Raum, sieht die Blicke alles so einzigartig und doch so natürlich, als ob man grad in der Ecke steht und selbst zuschaut. Dieser Strudel ist gespenstisch und wunderbar. Und auch wenn man sich vornimmt, ich lass die romantik die denoch vorhanden ist gedanklich raus. Ich versuch einfach stupide zu lesen. Es geht einfach nicht. Und das ist bei deinen Texten irgendwie so besonders besonders... Wunderbar und angenehm bitte mehr und lääääänger... ;) Weil immer wenn das Mag ich Kästchen am Ende auftaucht beginne ich langsamer zu lesen um noch alles mit zu nehmen, es soll nicht so schnell vorbei sein. Weil es einfach Spaß macht.
24.09.2012, 20:15 von Love_the_People.Was die Quelle des Ganzen ist fragt man sich natürlich auch...
Uiuiui, danke sehr, sehr, sehr.
25.09.2012, 11:05 von Richard_at_NeonDu meinst wohl, wer die Quelle ist?!
Ich bin nicht der Meinung dass die Quelle eine Person sein muss. Was zwar meist eine echtere Wirkung mit sich zieht. Egal ob selbst erlebt oder beobachtet oder Freunde bla Bla bla... Die interessantesten Dinge, finde ich sind spontane Gedanken, geprägt von der Vergangenheit oder einfache einfälle. Eben der puren reinen Phantasie entsprungen.
25.09.2012, 16:10 von Love_the_People.Sehr gut getroffen und genau das ausgedrückt was einem so angst macht, wenn man sich wieder an was neues wagt.
24.09.2012, 19:42 von MelodiaGänsehaut....
24.09.2012, 19:25 von J.P.M2011