init-admin 10.06.2009, 00:25 Uhr 0 0

Das Parship Prinzip

Im INTERNET findet man schnell und bequem einen Menschen, der sehr gut zu einem passt. Mit Liebe hat das erst mal nichts zu tun.

Eigentlich ist es mir völlig egal, wo sich Menschen ineinander verlieben, ist ja schließlich ihr Problem. Ich glaube aber, dass es Orte gibt, die die Liebe fördern, und dass es Orte gibt, wo keine Liebe zu bekommen ist. Gute Orte sind der Arbeitsplatz, der Seminarraum, die Käsetheke im Supermarkt - also generell Orte, an denen man sich tagsüber aufhält, da findet man doch eher was fürs Herz. Schlechte Orte sind Tanzflächen, im Club das Männerklo, der Darkroom - also generell Orte, an denen es duster ist, da findet man eher was für untenrum. Und dann gibt es noch das Internet.

Tanja und Mike haben sich im Internet kennen gelernt, vor drei Jahren, auf parship.de, einer sogenannten »Partneragentur«. Tanja und Mike heißen nicht Tanja und Mike, und der Ort ihres Kennenlernens ist ihr Geheimnis, niemand weiß davon; als die Freunde gefragt haben, erzählten sie, dass sie sich im Zug kennen gelernt hätten. »Wir haben uns tatsächlich das erste Mal im Zug getroffen«, sagt Tanja, »also in echt.« In echt? Und in unecht? In unecht war es ungefähr so: Tanja und Mike sind beide Anfang dreißig, erfolgreich in ihrem Beruf. Sie leben in verschiedenen Großstädten und verlieben sich nicht mehr. Sie arbeiten viel, und wenn sie mal jemanden kennen lernen - was selten passiert -, dann spüren sie, dass das nicht alles sein kann, dass etwas fehlt, dass es, wie Mike sagt »nie so ganz perfekt« ist. Aus einer Mischung aus Verzweiflung und Langeweile melden sich beide bei Parship an, sie erstellen ihr Profil, beantworten Fragen wie »Wenn Ihnen ein Buch oder Zeitschriftenartikel besonders gut gefallen hat, wünschen Sie dann, dass Ihre Partnerin es/ihn auch liest?« (Tanja und Mike haben das mit »Ja« beantwortet.) Nach und nach bekommen sie von Parship Partnervorschläge, Menschen, die angeblich gut zu ihnen passen. Tanja trifft drei Männer, mit einem schläft sie; Mike trifft sich mit Tanja im Zug. Sie reden, mögen sich, verabreden sich zum Essen, in der Stadt, in der Tanja wohnt, reden mehr, gehen in eine Bar, hören auf zu reden und küssen sich. Dann haben sie eine Fernbeziehung, nach einem halben Jahr lässt sich Mike in Tanjas Stadt versetzen, sie ziehen zusammen. »Es passt einfach«, sagt Tanja. Mike schaut sie an und nickt.

Passen. Schuhe passen. Aber kann Liebe passen? Die von Parship sagen, das sei wissenschaftlich alles ausgeklügelt, sie bringen Menschen zusammen, die miteinander »harmonieren«, das Verfahren wurde von Psychologen entwickelt. Tanja und Mike passen zusammen, sie harmonieren, das merkt man, wenn man sich mit den beiden unterhält, sie sind glücklich. Im Internet scheint man tatsächlich zu bekommen, was man sucht.

Aber war es tatsächlich Liebe, nach der Tanja und Mike gesucht haben? Oder war es Sicherheit, Schutz, Geborgenheit, suchten sie nach dem Ende ihrer Einsamkeit? Möglicherweise spielt das keine Rolle, schließlich sind Tanja und Mike glücklich, denn ganz egal, was sie gesucht haben, sie haben sich gefunden, sie passen zusammen. Und das, glaube ich, ist der Fehler. Denn Liebe darf nicht passen. Liebe muss drücken und wehtun, und ein heilloses Chaos anrichten.




Matthias Kalle besucht jeden Monat Menschen, die die Liebe gefunden haben. Oder es zumindest behaupten.

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